Vortrag
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Kleists Narzissmus

ausdrücklich betonen, obwohl dadurch der Gefahr nicht begegnet werden kann, dass die Analyse einer persönlichen Problematik, die auch diagnostische Begriffe verwendet (wie den der narzisstischen Störung) immer auch herabwürdigend missverstanden werden kann.
Ich vermag nur einen schwächlichen Versuch zu unternehmen, dieser Sicht zu begegnen. Als Psychoanalytiker verdanke ich meiner Kleist-Lektüre viel; dieser junge Dichter war neben vielem anderen auch ein glänzender Psychologe, wie man es nicht so selten bei hoch kränkbaren Spitzenbegabungen findet.
Zudem begegnet die Psychoanalyse einer abschätzige Verwendung ihrer Beschreibungen durch die Selbstreflexion in dem Sinn, dass der Analytiker gefordert ist, seine eigenen narzisstischen Probleme zusammen mit denen des von ihm beschriebenen Analysanden zu beobachten. Eine zwischenmenschliche Wahrheit kann nicht autoritär, sondern nur durch Konsens gewonnen werden. Ist der Gegenstand des analytischen Interesses wehrlos, weil zum Zeitpunkt der Analyse längst nicht mehr unter den Lebenden, ist die Sorgfaltspflicht erhöht; das ganze Vorgehen rechtfertigt sich nur unter dem Aspekt, dass das Werk eines grossen Schriftstellers auch durch tastende Versuche erschlossen werden darf, die einige der Geheimnisse seiner Entscheidungen und seines Verhaltens entschleiern.
Es gibt keine Angaben über Kleists Kindheit, die den Ansprüchen einer psychologischen Diagnostik standhalten würden. Die Beziehung zu seiner Mutter scheint distanziert. Wenn eine Hypothese erlaubt ist, so hat sie dem Sohn wenig Gefühle von Geborgenheit und unbefangener Triebhaftigkeit vermitteln können. Sie hat ihn wohl eher als Beweis erlebt, ihrem verwitweten Mann endlich den Erben gebären zu können, den dieser erwartete, hat die Grundlage gelegt, dass sich der hochbegabte Sohn selbst in eine verfrühte Autonomie zwang und in seinen späteren Beziehungen keine Basis des realistischen Umgangs mit Affekten ausbilden konnte.

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