Vortrag
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Sind wir eine süchtige Gesellschaft?

Vortragsentwurf für den Suchkongress 2019 in Mainz

Vor 80 Jahren starb der Gründer der modernen Psychotherapie. In London, nicht in Wien, wo er die bei weitem längste Zeit seines Lebens studierte, arbeitete und zu einem Jahrhundertdenker wurde.
Freud musste aus Wien fliehen, als Hitler den Anschluss Österreichs erzwang und in der Folge in der ursprünglichen Heimat von Freuds Denken die rassistische Barbarei um sich griff. In London fand der schwer kranke Freud Asyl und eine neue Heimat. Die Psychoanalyse aber hat sich von diesem Entwicklungsbruch nicht erholt.
Denn Freud sah die zentrale Aufgabe der von ihm begründeten Bewegung nicht darin, Kranke zu heilen und den lukrativen Beruf des Psychotherapeuten zu schaffen. Er wollte vor allem den Gesunden klar machen, dass die Kultur, die sie durch ihre Politik gestalteten, schlechterdings nicht gut ist für die Menschen. Sie verschafft uns mehr Unbehagen als Befriedigung, sie hält uns in Illusionen fest, welche die strahlende Intelligenz der Kinder verkümmern lassen, sie versagt uns das Wesentliche.

Die Kultur der Donaumonarchie, die Freuds Kulturkritik prägte, bemühte sich auf der einen Seite um Toleranz und Assimilation unterschiedlicher Nationen. Juden konnten Abitur machen, Offiziere, Universitätsprofessoren und Minister werden, alles Errungenschaften die zu Freuds Lebzeiten entstanden – und auf der Gegenseite den rassistischen Antisemitismus weckten, der so viel bösartiger war als der christliche.
Für diese Bewegung in ihrem idealen Gehalt dacht und argumentierte Freud – für eine Gemeinschaft der Gebildeten, die später Hermann Hesse im „Glasperlenspiel“ in ernsthafter Ironie als Kastalien beschrieb. Der Mensch sollte sich von der Zivilisation wenigstens so weit distanzieren, dass er nicht mehr die Lügengewebe von bürgerlicher Moral oder religiöser Mystifizierung brauchte, um seine Nähe zum Animalischen zu leugnen und dadurch der eigenen Gesundheit zu schaden.
Das große Getöse des ersten Weltkriegs hat die leise Stimme der Vernunft übertönt, auf die Freud setzte. Dann kamen Faschismus, Rassismus und als Gegenreaktion im Judentum die Rückkehr zum Glauben der Väter und die Abkehr von Freuds Religionskritik.

Dass ein zweiter Missbrauch des Menschen durch die Kultur eng mit dem ersten verbunden ist und mindestens ebenso gefährliche Folgen hat, konnte Freud noch nicht wissen. Seine Enkelinnen könnten es wissen, aber sie scheuen sich, es laut zu sagen. Es scheint ihnen schwer zu fallen, die Kritik an der Gesellschaft wichtiger zu nehmen als das Mobiliar des therapeutischen Wohnzimmers.
Diesen zweiten Missbrauch des Menschen nach dem ersten der Sexualunterdrückung hat die Konsumgesellschaft eingeführt, entwickelt und perfektioniert, bis die Weltmeere arm an Fischen und reich an Plastikmüll geworden sind, bis es in vielen Städten schädlich ist zu atmen und eine Klimakatastrophe droht.
Menschen neigen dazu, im Streben nach Wunscherfüllung die Folgen ihrer Entscheidungen zu ignorieren. Sie immunisieren sich gegen die entsprechende Einsicht, bis katastrophale Folgen nicht mehr zu leugnen sind. (…)

Den gesamten Vortrag als PDF können sie hier herunterladen.

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