Autor: W.S.

Sind wir eine süchtige Gesellschaft?

Vor 80 Jahren starb der Gründer der modernen Psychotherapie. In London, nicht in Wien, wo er die bei weitem längste Zeit seines Lebens studierte, arbeitete und zu einem Jahrhundertdenker wurde.
Freud musste aus Wien fliehen, als Hitler den Anschluss Österreichs erzwang und in der Folge in der ursprünglichen Heimat von Freuds Denken die rassistische Barbarei um sich griff. In London fand der schwer kranke Freud Asyl und eine neue Heimat. Die Psychoanalyse aber hat sich von diesem Entwicklungsbruch nicht erholt.
Denn Freud sah die zentrale Aufgabe der von ihm begründeten Bewegung nicht darin, Kranke zu heilen und den lukrativen Beruf [...]

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Der Beichtspiegel

Teil 1. Lebensregeln, die nicht gelebt werden können?

Von allen Versuchen, die Wärme und Vielfalt des menschlichen Lebens mit klaren, kalten Vorschriften bis ins Intime hinein zu regeln, hat die katholische Sexualmoral wohl die längste Tradition und die mächtigste Organisation hinter sich. Aber wie das angesichts solcher aufgeblähten Tyrannei zu geschehen pflegt: Geheime Gänge durchziehen den Untergrund, wie es sie im Mittelalter schon zwischen Mönchs- und Nonnenklöstern gegeben haben soll; das Priestergewand wird zu Camouflage, Heuchelei ist alltäglich.

Meine eigene Laufbahn in der katholischen Kirche begann mit der Taufe und erreichte ihren Höhepunkt im Amt des linken Ministranten (der rechte [...]

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Vom Helden zum Bösewicht in zwanzig Zeilen

Unter anderem Titel erschienen in der „Welt am Sonntag“ am 15.9.2019

„Die Zukunft war früher auch besser“ hat Karl Valentin gesagt; der Satz beleuchtet auch das Schicksal der romantischen Liebe. Zu ihrem Wesen gehört ja eine Zukunft wie der Start einer Rakete in eine Flugbahn, so hoch, dass die Schwerkraft der Erde die beschleunigte Kapsel nicht mehr einfangen wird. Dem gesunden Menschenverstand ist das fremd, und er behält meistens Recht. Das Feuerwerk verpufft, eine ausgebrannte Hülle landet, von Absturz und Aufprall mehr oder weniger beschädigt. Romeo und Julia sind ein unsterbliches Symbol geworden, weil sie diesen Absturz nicht erlebt haben [...]

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Tapirkind und Sonnensohn (eBook)

Alles war fertig geplant. Palumbo Impresas, die Großfirma mit den besten Beziehungen zur Regierung, sollte die Straße bauen, um die Erzlager im Kä-Gebirge zu erschließen. Niemand störte es, dass damit das Stammesgebiet der Yaqui-Indianer verletzt wurde. Schließlich hatte ein bestochener Häuptling sogar das Land für den Bau abgetreten, weil er sich Vorteile für sich und seine Freunde versprach. Doch dann kommt alles anders. Ein alter Mann will lieber sterben, als es zu dulden, dass der große Baum gefällt wird, in dem die Seelen der Kinder des Tapir auf ihre Wiedergeburt warten. Er findet Verbündete, mit denen weder er selbst noch [...]

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Das schwarze Gesicht (ebook)


Das schwarze Gesicht ist ein Roman über den letzten Eroberungskrieg in Afrika, den Mussolini gegen Äthiopien führte und verlor. Facetta nera, das schwarze Gesicht war das Lied der faschistischen Kämpfer, die sich nicht davor scheuten, das sonst überall tabuisierte Giftgas einzusetzen, um den Widerstand der Äthiopier zu brechen. Der Ingenieur Curci hat sich im Gaskrieg schuldig gemacht und sucht Erlösung in der Beziehung zu einer Amhara, seiner ehemaligen Sprachlehrerin. Die Verletzungen auf beiden Seiten scheinen zuerst der Liebe zu weichen, aber damit ist das Schicksal von Ugo und Paita noch nicht entschieden.

[...]

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Auf dem Holzweg

In Norwegen gehören mit Schindeln verkleidete Kirchen aus Holz zu den Sehenswürdigkeiten. Manche stehen seit dem Mittelalter am selben Platz. So hat es den Zeitungsleser doch verwundert, über die 1971 eingeweihte Kirche in Breitbrunn am Ammersee zu erfahren, dass ihr von Holzbalken getragenes Dach einsturzgefährdet ist. Die Kirche wurde gesperrt, vielleicht wird sie abgerissen, eine Sanierung wäre sehr teuer. Schuld an der Misere ist der Leim, und der Geist der Konsumgesellschaft war hier wieder einmal mächtiger als der heilige Geist

Minenfeld oder Kreidekreis?

Ehe der Fall Özil so durchgenudelt ist, dass keiner mehr etwas davon hören kann, sollte doch die Frage gestellt werden: Was können wir daraus lernen? Als meine Großeltern heirateten, war es ein Skandal, dass sich eine katholische Kaufmannstochter in einen evangelischen Juristen verliebt hatte. Der Jurist musste zusichern, dass die gemeinsamen Kinder katholisch getauft wurden. Sonst drohte der Großmutter die Exkommunikation. Ich selbst habe im katholischen Passau noch eine Predigt gehört, dass Kinder aus „Mischehen“ spätestens in der zweiten Generation zu Heiden werden.