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Der Machiavelli-Fehler

Neulich wurde ich wieder einmal nach einem Liebes-Rezept gefragt: Was kann ich tun, damit die Liebe meines Lebens sich nach der Hochzeitsfeier möglichst lange erhält? Ich bin grundsätzlich verlegen um solche Tipps, habe zu oft erlebt, wie Paare sich die guten Ratschläge von Experten um die Ohren hauen. Ich antwortete also nicht, dachte aber doch nach und hatte zwei Einfälle: Lasst einander in Ruhe, denn nichts schmälert die Liebe so sehr wie die Klage über den Mangel ihrer Intensität. Vermeidet den Machiavelli-Fehler! Beide Tipps sind verwandt; erklären muss man aber nur den Machiavelli-Fehler.

Ich habe den zynischen Florentiner immer gern gelesen. Er schreibt in seiner Lehre über den Gebrauch und Erhalt von Macht, Il Principe (der Fürst), was ein Herrscher tun muss, um die Gunst seiner Untertanen zu gewinnen, und beginnt erst einmal mit dem Negativbeispiel. Der törichte Fürst beschenkt zu Beginn seiner Herrschaft seine Untertanen so reich, wie es seine Mittel eben zulassen. Er hofft, sie dadurch dankbar zu stimmen und künftig in Frieden zu regieren. Aber wie nun einmal die Menschen beschaffen sind, werden sie sich nach einem Jahr an die schönen Geschenke erinnern und beim Fürsten vorsprechen, um erneut so viele Gaben zu bekommen. Der Fürst aber hat nichts mehr, was er hergeben kann. Sie gehen leer aus und werden ihn als geizigen, schlechten Herrscher verfluchen.

Der weise Fürst hingegen nimmt anfangs den Untertanen so viel weg, wie er ihnen in den Grenzen des Anstands wegnehmen kann. So hat er genug zu geben und wird es ihnen in den nächsten Jahren nach Maßgabe ihrer Verdienste zukommen lassen. Sie werden ihn als gütigen und gnädigen Herrscher in Erinnerung behalten.

Den Machiavelli-Fehler habe ich oft beobachtet, nicht nur in Paaren, sondern auch bei Teamleitern, bei Ärzten, die eine Praxis gründeten, bei Unternehmern. Mein Rat wurde nicht in der euphorischen Phase gesucht, in der die Klienten noch glaubten, Gebefreude und Großzügigkeit würde automatisch ähnliche Eigenschaften wecken, sondern erst in mehr oder weniger verbitterten Zuständen später. Eine hervorragend qualifizierte, aber von ihrem Praxispersonal tief enttäuschte Fachärztin formulierte es so: ich bin doch gut zu allen Menschen, wieso sind die nicht auch so gut zu mir?

In Liebesbeziehungen sind vor allem selbstunsichere Personen gefährdet, die mögliche Zweifel an der Intensität ihrer Gefühle durch Geschenke kompensieren. Am Ende versetzen sie nicht selten der Erotik den Todesstoß, indem sie mangelnde Gegenleistungen einklagen. Aus eben der Person, die sie soeben noch des Liebesversagens beschuldigt haben, möchten sie durch Vorwürfe Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit herauspressen.

Es ist leicht, die miesen Erfolge solcher Strategien zu erkennen, aber schwer und manchmal kaum zu leisten, den wachsenden Ärger über eine Schieflage zu mäßigen. Platzt er heraus, ist der Druck erstmal weg – gebessert wird auf diesem Weg nichts, im Gegenteil.

Mein aktueller Anlass, über den Machiavelli-Fehler zu schreiben, ist ein politischer. Am ersten Juni wurden wir alle von der rotgrünen Regierung reich beschenkt: wir können für wenig Geld Regionalrail fahren wie seinerzeit für viel mehr Geld Interrail. Obendrein werden Benzin und Diesel billiger, weil der Staat auf einen Teil seiner Steuereinnahmen verzichtet.

Es ist nicht schwer sich auszumalen, dass unsere Regierenden bald nicht mehr so großzügig sein können. Sie denken auch nicht in Jahren, sondern in  Monaten: nach einem Vierteljahr ist es mit den Gaben vorbei. Wir leben in unheroischen Zeiten.Es wird sich niemand nach der Rhetorik Churchills sehnen, der Blut, Schweiß und Tränen versprach, sonst nichts. Angesichts der immensen Aufgaben, die ein Ende der Verbrennungswirtschaft für unsere Mobilität darstellt, mutet die symptomatische Kur der Krisenfolgen makaber an. Wo bleibt die Nachhaltigkeit? Ist es das richtige Zeichen, mit Geschenken zu beginnen, um Veränderungen anzustoßen, die von uns allen auf lange Sicht verlangen, zu sparen, den Gürtel enger zu schnallen, auf Bequemlichkeit zu verzichten?

Es gibt großen Steuerungsbedarf, um die Mobilität umweltfreundlicher zu machen. Die deutsche Automobilindustrie ist ebenso wie Tesla auf dem falschen, der Profitmaximierung dienenden Weg, teure, schwere Stromfresser als „umweltfreundliche“ Alternative zu den Verbrennern anzubieten. Nur kleine Startups wie Sion in München versuchen, nachhaltige Autos zu konstruieren, die sich der Durchschnittsverdiener leisten kann. Hier könnte der Staat unterstützen, er könnte durch gezielte Förderung Druck machen, dass Elektroautos sparsam und leicht werden, nicht schwer und teurer. Es wird mühsam sein, der Abhängigkeit von korrupten Oligarchen zu entkommen. Ein Sommermärchen von freier Fahrt und billigem Treibstoff bereitet uns nicht auf diese Mühe vor.

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