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Kleists Narzissmus

Kleist schreibt seine Kränkungen durch die Realität seiner gesteigerten Sehnsucht nach Schönheit und Wahrheit zu, ähnlich wie er zehn Jahre früher seinen seelischen Zusammenbruch angesichts der Lebenspläne zum Beamtentum und zur Ehe mit einer Kant-Krise rationalisiert hatte. Als Schriftsteller und Dramatiker konnte Kleist seine Erfolge weder stabilisieren noch finanziell nutzen. Er hatte immer Schulden und fühlte sich zu wenig anerkannt. Er konnte sich nirgends einfügen, wollte alles selbst machen und kontrollieren, versuchte sich daher auch als Herausgeber von Zeitschriften, angesichts seiner Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, ein Weg in den Ruin. 1802 konnte er noch daran denken, sich ein Landgut zu kaufen. Bald aber hatte er sein Vermögen aufgebraucht und musste nun ein Darlehen von 500 Reichstalern als Hypothek auf sein Elternhaus aufnehmen. Durch den Tod der Königin Luise im Juli 1810 verlor er auch noch die Pension, die ihm Marie von Kleist fingiert im Namen der Königin bezahlt hatte. Immer häufiger wurden nun die Briefe, in denen Kleist seinen Verleger Reimer um einen Vorschuss bat.
Dennoch startete Kleist ein neues großes Projekt. Am 1. Oktober 1810 erschien die erste Nummer der “Berliner Abendblätter”. Gleich zu Beginn kam es wegen redaktioneller Eingriffe Kleists zu Streit mit den Autoren. Im Frühjahr 1811 gab es heftige Auseinandersetzungen um angeblich zugesagte Finanzmittel mit Hardenberg und dem Staatsrat Friedrich von Raumer, dem Kleist schließlich mit einer Duellforderung drohte, bevor er im März aufgab.
Kleist glaubte an einen baldigen Kriegsausbruch, hatte aber nicht mehr die Mittel, die von einem Offizier erwartete Ausrüstung zu finanzieren. Nachdem er Hardenberg vergeblich um einen Kredit gebeten hatte, reiste er zu den Geschwistern in Frankfurt an der Oder, um sie um Geld zu bitten, wurde aber von diesen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft beschimpft. Von dieser Äusserung sagte er in einem seiner letzten Briefe, sie habe ihm nicht nur die Zukunft geraubt, sondern auch die Vergangenheit vergiftet.
Kleist  dachte jetzt fast täglich an den Tod als Erlöser aus seinen quallvollen Zustanden von Kränkung, Angst,Schmerz und gegen die eigene Person gerichtete Wut. Jetzt gefährdete er auch seine schon längere Zeit funktionierende Abwehr gegen seine suizidalen Impulse durch eine ebenso makabre wie für den Narzissmusforscher interessante Sicherung: Er wollte nicht alleine in den Tod gehen.

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