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Verkehrsunfall im Jemen

Der Staub auf den runden Scheiben des Militärhubschraubers taucht die jemenitische Landschaft in ein trübes Licht, er dämpft das satte Grün der bewässerten und ummauerten Felder, verstärkt die Gelbtöne der Wüste und verwischt die ohnehin weichen Konturen der hochragenden Bauernhäuser aus gestampftem Lehm, die jeden, der sie einmal gesehen hat, auf dem ersten Blick in Entzücken über soviel mit einfachsten Mitteln geschaffene Schönheit und Harmonie von Baukunst und Landschaft versetzen. Der zweite Blick wägt genauer ab, er sieht den Zivilisationsmüll, die Armut, den Konflikt zwischen der gewachsenen Kultur Südarabiens und den Neuerungen aus Europa: Zement, Dieselpumpe, Pickup, Kalaschnikow.
Wir fliegen von Sa’dah im Nordjemen zur Hauptstadt Sana’a. Der grösste Teil des Landes sind Geröll, Fels und Sand; nur um die weit vertreuten Siedlungen konzentriert sich das Grün. In der Provinz Sa’dah dominiert die künstliche Bewässerung; weiter im Süden ersetzen Wohnburgen oder Wehrdörfer aus Bruchsteinen zwischen Terrrassenfeldern die Lehmbauten. Hier sammeln die Bauern den kargen Regen in Zisternen oder leiten das von den Felshängen ablaufende Wasser auf sorgsam in die Falten der Gebirge komponierte Stufen, von denen jede soviel wie möglich von der kostbaren Flüssigkeit zurückhält.
Der Lärm im Hubschrauber macht jedes Gespräch unmöglich. Über den Pritschen, auf denen wir sitzen, russische Inschriften. Ein Geschenk der Sowjetunion an den einst sozialistischen Südjemen. Damals, in den siebziger Jahren, pumpten die sozialistischen Länder zweifelhafte Gaben in das arme Land – für sie veraltetes Material. Kalaschnikows aus DDR-Produktion werden dem Reisenden von Beduinenkriegern gelegentlich stolz gezeigt, um die deutsch-jemenitische Freundschaft sinnfällig zu machen. Unermüdlich gewartet, repariert, durch einen Zusatztank, für lange Strecken gerüstet, tut der Frachthubschrauber seit 1961 seinen Dienst. Heute transportiert er vier lädierte deutsche Touristen und ihren schwerverletzten jemenitischen Fahrer vom Hospital in Sa’dah, wo ihre Verletzungen erstversorgt wurden, in die Hauptstadt Sana’a.

Gegenwärtig verwandelt sich die trivialisierte, millionenfach multiziplizierte Lust der Touristen in Angst. Terror trifft, seit Flughäfen und Regierungsgebäude vorzüglich bewacht sind, vor allem die Masse der schutzlosen Fremden, er greift nach Discotheken, Teatern, Kreuzfahrschiffen.
Das Kalkül einer reaktionären Politik und die sadomasochistische Kraft gekränkter Ideale wirken hier zusammen. Dem auf den Selbstbeweis seiner Frömmigkeit versessenen Fanatiker sind alle Menschen ein Ärgernis, die ihr Leben geniessen und in dieser Lust unempfänglich sind für seine Predigt. So rächt er sich an ihnen und triumphiert, wenn er sie in ihrem Genuss stören kann.
Bei allem Abscheu vor dem Terror der (Pseudo)Frommen gelingt es ihnen oft genug, die erschreckten und verängstigten Massen zu einem Teil ihres düsteren Katechismus zu bekehren: Es ist besser, sich zu quälen, schwarz zu sehen, stets das Ärgste zu erwarten, als sich den Möglichkeiten der Lust hinzugeben, so gut es eben geht.

Als ich in den Jemen reiste, musste ich die Angst vor dem islamischen Terrorismus niederkämpfen. Was ich fand, war überwältigende Hilfsbereitschaft angesichts eines banalen Risikos der Zivilisation: dem Verkehrsunfall.

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