Aufsaetze
Schreibe einen Kommentar

Verkehrsunfall im Jemen

Das Ambulanzfahrzeug war ein langgestreckter, hochbeiniger Chevrolet mit einer nackten Ladefläche, auf die nebeneinander die beiden Liegen gestellt wurden. Der Fahrer – die fast schwarze Haut verwies auf seine Abstammung aus der Tihama – überraschte uns durch ein ausgezeichnetes Englisch; er entschuldigte sich für sein Land, das uns, statt die versprochene Erholung, soviel Schmerz zugefügt hätte. Sein Wagen war weich gefedert und schwebte über die Bodenwellen zu einem bewachten Tor mit Fahnen und Bildern des Präsidenten.
Der tarnfarbige Hubschrauber stand mit hängenden Schwingen auf dicken Gummirädern mitten in einer betonierten Fläche oberhalb des Hauptgebäudes, neben ihm Soldaten. Zwei Piloten trugen Lederjacken statt der dünnen Tarnuniform. Als er sah, wie ich die Maschine musterte, sprach mich einer in Englisch an: Woher ich komme? Aus Deutschland. Und woher wohl der Hubschrauber? Ich hatte kyrillische Schrift gesehen. Aus Russland. Ja, aus Russland. Baujahr 1961. Ist er o.k.? Er ist sehr o.k., kein Problem.
Die Krankentragen wurden in den Frachtraum gehoben. Unter uns, vor einer Reihe von vier grossen grünen Zelten, sah ich etwas, das wie ein geometrisches Muster in gelb und braun, ein rechteckiges Labyrinth anmutete. Erst als es sich in Fäden marschierender Männer auflöste, erkannte ich mindestens zwei Hundertschaften Rekruten beim Morgenappell. Wieder trat ein Kommandierender zu uns, grössere Sterne auf den Achselklappen, älter, energischer und wohlgenährter als die übrigen Soldaten, die Pistole im Gürtel. Er begrüsste uns mit einem Nicken.
In Filmen schwirren Rettungs- oder Polizeihubschrauber in die Luft wie Libellen. Wir hatten es eher mit einem Käfer zu tun, der sich mit Luft vollpumpen und seine Flügel immer wieder erproben muss, ehe er endlich mit zäher Mühe abheben kann. Mit einem Brummen und Dröhnen setzte sich der Rotor in Bewegung, der Lärm schwoll und fand immer höhere, sausende, kreischende Töne, die Blätter des grossen Propellers waren jetzt so schnell, dass man sie nicht mehr sehen konnte, und doch bewegte sich noch gar nichts. Treibstoff hatten wir jedenfalls genug an Bord; ein Zusatztank, aus dem ein mit Plastikstreifen umwickelter Schlauch in die Wand führte, nahm einen Teil des Innenraums in Beschlag. Ich schätzte die Transportkapazität auf vielleicht vierzig Mann, die auf den klappbaren Pritschen an beiden Seitenwänden sitzen konnten.
Das Geheul liess sich nicht mehr steigern; ich vermisste ein Paar der Ohrenschützer, welche die Piloten trugen. Aus dem Bullauge sah ich, wie um uns ein Sandsturm tobte und weit entfernte Wachposten ihr Gesicht mit Tüchern schützten. Mitten in Lärm und Staub brütete der Hubschrauber wie festgemauert. Endlich ging ein leises Zittern durch die Aluminumhaut, ein bedächtiger Ruck, eine schwerfällige Wende – da waren wir schon über der Stadt, liessen die Vororte hinter uns, strebten in die Höhe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.