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Verkehrsunfall im Jemen

Der Hubschrauber

In den fünfziger Jahren begannen die reichen Saudis, ihr Land vorsichtig zu modernisieren. Sie liessen Krankenhäuser im europäischen Stil bauen und engagierten medizinisches Personal in Europa, mit Vorliebe deutsche Ärzte und Schwestern.
Unter den Schwestern, die an die Küste des roten Meeres reisten und auf der ersten Postkarte nach Hause meldeten, es sei nicht rot, sondern blau, war eine junge Schlesierin, das Kind Heimatvertriebener, die im Sauerland in einer selbstgebauten Blockhütte eine neue, provisorische Bleibe gefunden hatte. Der erzwungene Verlust scheint später den freiwilligen Abschied zu erleichter. Wer einmal vertrieben wurde, verwurzelt sich nur noch provisorisch; er ist seelisch offener für Migrationen und Reisen aller Art.
Schwester Herta verliebte sich in ihren Arabischlehrer. Vielleicht lag es an einem untergründigen Verstehen füreinander, einer Schicksalsgemeinschaft, die zumindest zu Beginn der Beziehung die kulturellen Gegensätze aufhob. Denn dieser Mann war Palästinenser, seine Eltern hatten im ersten Krieg der Araber gegen die Zionisten ihre Heimat verloren.
Y., eine Freundin von Freunden, ist die älteste Tochter dieser Ehe. Sie spricht fliessend arabisch, hat in Deutschland ein Soziologiestudium absolviert und arbeitete mit grossem Erfolg in einem deutschen Entwicklungsprojekt, als wir sie auf unserer letzten Reise trafen. Diesmal nahmen wir schon während der Reisevorbereitungen Kontakt auf. Wir wollten uns wieder treffen, mehr miteinander sprechen und hatten uns erboten, im Jemen nicht verfügbare Ware mitzubringen. So schickte Y. eine Mail:
– 3 grosse Tueten Haribo Gummibaerchen
– suessen Muenchner Senf in der Tube (1 grosse oder 2 kleine Tuben)
– eine gewoehnliche Salami (aber keine Kochsalami)
– ein Stueck Parmesan-Kaese (etwa 300 gr).
Als wir uns nach einem Abend mit wundervollem libanesischen Essen und tausend Geschichten über das Land verabschiedeten, gab uns Y. einen Zettel mit ihren Telefonnummern, Handy und Büro. Wenn irgendetwas sei, sollten wir uns unbedingt melden.
Es war klar, dass das kein leeres Versprechen war und Y. eine Frau, die im Jemen etwas bewegen konnte. Aber wozu? Die Reise war organisiert, das Büro zuverlässig. So steckte G. den Zettel ein, überzeugt, wir würden ihn nicht brauchen.
In der Klinik hatte G. dann den Chefarzt gebeten, Y. von unserem Unfall zu unterrichten. Und Y. machte sich an die Arbeit. Sie alarmierte die Botschaft, telefonierte mit ihren Freunden im jemenitischen Sicherheitsapparat, holte eine erste Zusage, dass ein Militärhubschrauber die Schwerverletzten nach Sana’a bringen würde, wo es einen Neurochirurgen für Mohammed und einen Rücktransport nach Deutschland für U. und uns geben würde. Um zehn Uhr morgens war unser Wagen über die Böschung geschleudert. Jetzt, um ein Uhr, waren die drei Leichtverletzten fürs erste verarztet. G. trug eine elastische Binde um das lädierte Knie; das Röntgenbild hatte keinen Bruch gezeigt. R. hatte geprellte Rippen, aber keinen Rippenbruch. Der Gips um meinen Unterarm trocknete; der Schmerz schien sich allmählich zu beruhigen. U. aber und Mohammed waren zu schwer verletzt für die Möglichkeiten von AlSalam. Um drei Uhr sollte ein Hubschrauber landen und uns alle nach Sana’a bringen; vielleicht könnten wir vier dann noch in der Nacht zurück nach Deutschland fliegen.

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