Aufsaetze
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Verkehrsunfall im Jemen

Abdul Karim, ein schlanker Mann mit hellgrünen Augen und etwas vorstehenden Zähnen, begrüsste uns am Flughafen. Er ist der stellvertretende Leiter des Reisebüros und hatte versucht, für uns Plätze in der Nähe der Liege zu organisieren, mit der U. transportiert wurde. Angeblich mit Erfolg, aber am Schalter wusste dann wieder niemand davon, und Y. musste mit wütendem Charme dem Angestellten von Yemenia klarmachen, was er zu tun hatte.
Während sie in ihrem klangvollen Arabisch verhandelte und gelegentlich ein deutsches “Schlappschwanz” oder “Arschloch” einfliessen liess, setzte sich Abdul Karim zu uns.
“Ich war dort. Wir haben den Wagen geholt, haben ihn auf einen LKW geladen. Es war mein Wagen. Ich hatte ihn für diese Fahrt an Mohammed Abdullah ausgeliehen. Ich liebte diesen Wagen. Er ist jetzt total kaputt. Ich fahre ihn, seit ich den Führerschein habe.”
Er fingerte das abgegriffene Papier aus seiner Brieftasche. Die Fotografie zeigte einen Jüngling mit Seitenscheitel.
“Das Geld, das Mohammed Abdullah bei sich hatte, ist weg. In dem Auto fanden wir nichts mehr, unsere Spezialwerkzeuge, Wagenheber, alles fort. Seine Pistole ist noch da, in seiner Reisetasche, aber der schiessende Kugelschreiber, den er in Sa’dah für mich gekauft hatte, ist auch weg.”
“Aber die Polizei sagte, sie würden zwei Männer zur Bewachung dalassen.”
Abdul Karim lächelte.
“Du meinst, die Polizisten selbst?”
Er lächelte noch mehr.
“Kann sein, kann nicht sein, wer weiss. Das Auto sieht aus, als ob alle tot sein müssten, die da drinnen sassen. Es ist unglaublich.”
“Was wird mit Mohammed Abdullah?”
“Macht euch keine Sorgen. Wir kümmern uns um ihn.”
Der schiessende Kugelschreiber weckte eine Erinnerung an Mohammed Abdullah: Unsere Rundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten um Sadah, den Felszeichnungen, himarytischen Inschriften, Höhlenwohnungen und der Türkenfestung.
Wir waren auf dem Weg in die Wüste an den Rand einer Hochzeitsfeier geraten. Schüsse knallten und ich beruhigte mich in der Teilhabe an der Ruhe unserer Führer. Es waren drei: Mohammed Abdullah hatte einen Mann angeheuert, der bei unserer Ankunft in einem Antiquitätenladen neben dem Hotel sass. Dessen Ortskenntnisse reichten nicht weit; schliesslich fanden wir am Weg einen Beduinen, der auf die Stossstange stieg und uns begleitete. Und da alle drei unter den peitschenden Explosionen keine Miene verzogen, erklärten auch wir sie zu etwas Normalem, wie Knallfrösche in der Silvesternacht oder Kapselpistolen im Fasching. In den Felsen, neben, manchmal direkt auf den eingeritzten Inschriften, selbst in den Höhlen hatten Einschläge Splittermuster in das schwärzlich verwitternde Gestein gezeichnet.

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