Aufsaetze
Schreibe einen Kommentar

Verkehrsunfall im Jemen

Diese verständigen dann das Reisebüro. So kam es, dass wir bald den Überblick über unsere Beschützer verloren. Zuerst erschienen drei Männer aus dem Hotel, in dem wir übernachtet hatten. Sie erboten sich, uns wieder dorthin zu bringen, wenn wir verarztet seien. Das Reisebüro habe sie benachrichtigt, für uns zu sorgen. Dann kam ein Sicherheitsbeamter, der sogar deutsch sprach; er hatte mehrere Jahre in Berlin verbracht. Durst? Hunger? Was wir wollten, er würde versuchen, es zu beschaffen.
Der Mann, mit dem Mohammed am Vortag Kath genommen hatte, tauchte auf. Er sprach ein paar Worte Englisch und erbot sich, uns zu helfen. Bewegung am Eingang zum emergency room (in diesem Krankenhaus waren die Schrifttafeln zweisprachig). Jetzt kam, umgeben von Adjutanten, der Oberkommandierende persönlich, ein kompakter, energisch blickender Mann von vierzig, die Pistole im Gürtel, drei Sterne auf grossen Schulterklappen. Plötzlich waren auch der Direktor des Krankenhauses, ein grosser, schlanker, Mann und der Chefarzt um uns.
Der Security Chief befragte mich nach dem Unfall. Der Deutschsprachige dolmetschte. Was ist geschehen? Ich hatte mich auf die zurückhaltendste Schilderung festgelegt, um Mohammed keine Schwierigkeiten zu machen, überging also den möglichen Fahrfehler – von der Strasse abgekommen, überschlagen, herausgeschleudert, ich dank Sicherheitsgurt nur leicht verletzt. Der Fahrer also nicht angeschnallt gewesen? Das wisse ich nicht.
Dann hielt der Sicherheitschef eine kurze, energische Rede, die Satz für Satz übersetzt wurde. Wir seien seine Freunde. Wir seien Teil seiner Familie. Er würde alles tun, damit wir uns in Sa’dah wohl und sicher fühlten. Ob wir mit dem Krankenhaus zufrieden seien? Es dürfe uns an nichts fehlen. Er werde Männer beauftragen, für uns zu sorgen.
Er drückte mir die Hand und ging.
Mit ihm verschwand die Politik aus dem Notfallraum; die medizinische Routine kehrte zurück. Hinter einem Vorhang kaum verdeckt schrie und stöhnte ein dicker Patriarch, unbeeindruckt von dem geflüsterten Zuspruch zweier tief verschleierter Frauen. Unter dem Bett Urinpfützen. Neben ihm lag Mohammed Abdullah, den Kopf dick verbunden, die Infusion im Arm, er schien niemanden zu erkennen und klagte wie ein verwundetes Tier. Daneben U., mit einer Infusion versorgt, an ein Gerät angeschlossen, das die Herzfunktion kontrollierte: sie hatte gerade an einen drohenden Kreislaufkollaps überstanden. G. und R. waren bei ihr, als der Sicherheitschef kam. Ich sass auf einem Hocker und wartete, den heftig schmerzenden Arm auf dem Knie, daß endlich der Gipsverband gemacht würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.