Aufsaetze
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Verkehrsunfall im Jemen

Es stak eine verrückte Eile in diesem Projekt. Und genau das entsprach unseren Wünschen. Wir wollten nach Hause, aus Vernunft, denn U. gehörte in eine Spezialklinik, aber auch aus dem Schock heraus. Angesichts der Schwerverletzten hatte das schöne Land jeden Reiz verloren. Wenn sie nicht gut versorgt waren – wer konnte dann noch etwas von den sonst ausgekosteten Reizen geniessen, die wir bisher gesucht und so oft auch gefunden hatten?
Ich bilde mir manchmal ein, die Professionalität von Helfern entspreche der Vorsicht ihrer Versprechungen. Wer wenig verspricht und alles, ja sogar ein wenig mehr hält, kann eine weit verlässlichere Basis bauen als der Wohlmeinende, der dem Leidenden nach seinen Sehnsüchten redet und ihn alsbald enttäuscht und verbittert. So gesehen, war die Ankündigung des Hubschrauber-Engels wenig durchdacht, denn als er um drei Uhr nicht kam und uns um sieben Uhr versprochen wurde und dann auch nicht kam, verdüsterte sich unser Blick in die Zukunft.
Es fiel uns schwer zu glauben, dass er zu dem versprochenen Termin am nächsten Tag kommen würde. Wir Leichtblessierten hatten endlose Stunden auf einer der mit grünen Tüchern abtrennbaren Pritschen beim Eingang zur Notaufnahme der Beduinenklinik gewartet. Umgeben von markzerreissendem Kindergeschrei waren wir unruhig an U’s Bett im emergency room, zum Telefon und auf die Toilette gegangen.
Vergeblich redete ich mir zu, mehr zu beobachten, mich mit den Menschen hier zu beschäftigen, der Situation etwas wie Interesse abzugewinnen. Es ging nicht; wieder sah ich vor mir, wie der Wagen aus der hoffnungsvollen in eine hoffnungslose Schräge geriet und es dunkel wurde im Splittern von Glas und Knirschen von gequältem Blech.
Ein Beauftragter des Hotels brachte uns Wasser in den charakteristischen blauen Plastik-Halbliterflaschen und eine Tüte kleine Bananen; mehr wollten wir nicht essen. Ein Mann rief aus der Deutschen Botschaft an und erkundigte sich nach der Krankenrückholversicherung; der Hubschrauber sei zugesagt. Dann wieder Y. in heller Wut auf die Bürokratie; es sei immer noch nichts entschieden. Schliesslich: der Hubschrauber sei bereitgestellt, aber defekt; er werde bis morgen früh repariert. Damit war für heute die Sache entschieden. Der Chefarzt versprach, U. in einer Suite – sein Wort – unterzubringen; wir sollten uns im Rhaban-Hotel ausruhen, morgen früh um sieben Uhr würde der Hubschrauber kommen.
Die ganze Zeit hatte ein schmaler junger Mann, dunkle Hose, weisses Hemd mit uns ausgeharrt, einer der drei, die im Auftrag des Reiseunternehmens gekommen waren und gleich nach unserem Eintreffen eine Bleibe im Hotel angeboten hatten. Wir hingen zu sehr aneinander, an den Schwerverletzten und an der Hoffnung auf den Hubschrauber, um dieses durchaus vernünftige Angebot anzunehmen, denn weder für U. noch für Mohammed konnten wir mehr tun als hilflos an ihren Betten zu stehen und überflüssige Fragen zu stellen (“wie gehts?”).

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