Vortrag
Kommentare 1

Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane

Mit sehr gemischten Gefühlen reiste Sidonia nach Norddeutschland. Die Rehaklinik lag idyllisch an einem kleinen See. Sie hatte ihre Röntgenbilder mitgebracht, aber der neue Arzt legte sie fast achtlos auf den kleinen Tisch zwischen zwei gemütlichen Sesseln und wollte erst einmal mit Sidonia sprechen. Das erfüllte sie mit tiefem Misstrauen. Ein Arzt ohne weissen Kittel, ohne Instrumente, ohne die energische Eile, die beim Patienten keinen Zweifel aufkommen lässt, dass etwas gemacht werden muss und das Richtige gleich gemacht werden wird. Sidonia wusste nicht, ob er ihr helfen oder mit ihr flirten wollte. Karl sah viel besser aus. Dr. Hornbock würde ihr nicht gefährlich werden.

Er war ein grosser, breitschultriger Mann mit etwas vorstehenden Augen und dicken Lippen, die schütteren Haare nach hinten gekämmt, in einem gutgeschnittenen Anzug. Weil Sidonia nichts sagte, sondern wartete, was er gegen ihre Schmerzen tun würde, senkte auch er den Blick. Er wollte sie nicht unter Druck setzen. Kolleginnen sind immer schwierige Patienten. Er sah den grossen brauen Umschlag mit den Röntgenbildern und erinnerte sich an die Regel in seinem ersten Seminar über therapeutische Gesprächsführung: Sie müssen den Patienten dort abholen, wo er ist.

Also nahm er die Bilder aus dem Umschlag, sah sie durch, nickte, als er den Bandscheibenvorfall und das Operationsergebnis sah. Dann fragte er: “Wissen Sie, Frau Carisi, dass in einer Zufallsauswahl von Menschen, die keinerlei Rückenbeschwerden haben, immer wieder genau solche Bandscheibenvorfälle entdeckt werden wie der, den Sie hatten? Die kommen und gehen. Sie vernarben, niemand hat etwas gemerkt. Ich kenne Patienten, die kaum gehen können. Sie zeigen mir ihr Röntgenbild und sagen: sehen sie, hier, hier und hier, alles Arthrose, kein Wunder! Aber draussen auf der Strasse spazieren andere entlang, mit den gleichen Befunden, nur haben die noch gar nichts bemerkt!”

Er schaute jetzt Sidonia in die Augen, als erwarte er, dass sie begeistert sei über die Verwirrung, die er angerichtet hatte. Sie war ja keine Neurologin, sie wusste gerade genug über die Strukturen des Rückgrats, um zu ahnen, wie viel sie hätte wissen müssen, um das alles genau zu verstehen.
Da wurden so viele Nervenstränge auf engem Raum in einer Art Panzerschlauch aus Knochen- und Sehnenelementen geführt, während aussen an den einzelnen Gliedern die Muskeln sitzen, mit deren Hilfe wir uns bewegen, bücken, heben – kurz all das tun, was für Sidonia seit gut einem Jahr schmerzhaft war. Um ein Röntgenbild zu deuten, musste ein wirklicher Spezialist Tausende gesehen haben, er musste immer wieder Bilder mit dem Ergebnis einer chirurgischen Operation oder der Sektion einer Leiche verglichen haben, um genau zu wissen, was jede Nuance bedeutete.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.