Vortrag
Kommentare 1

Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane

Karl kam aus einer zerrütteten Ehe. Er war das einzige Kind, die Eltern hatten sich ständig gestritten. Sein Vater war Arzt, schwerkriegsbeschädigt, sehr zurückgezogen. Er hatte eine Anstellung am Gesundheitsamt gefunden und begegnete den Vorwürfen seiner Frau, sie langweile sich neben ihm zu Tode, denn er kümmere sich weder um sie noch um das Kind, mit stoischer Entwertung. Die Mutter machte mehrere Suizidversuche und kam dann für kurze Zeit in die Psychiatrie. Als Karl zehn Jahre alt war, gab ihm der Vater ein älteres Psychiatrielehrbuch, in dem das Kapitel über die hysterische Psychopathie durch einen roten Strich am Rand hervorgehoben war – so würde Karl seine Mutter besser verstehen und behandeln können.
So hatte sich Karl ganz auf sein Studium und seinen Sport konzentriert; er war intelligent und auf eine etwas hektische Weise charmant, sammelte sexuelle Abenteuer, hatte aber Bindungen vermieden.
Sidonia war die schönste Frau, die aufregendste Geliebte, die Karl jemals kennengelernt hatte. Er konnte sie nicht vergessen, telefonierte, kaum war er wieder zuhause, fast täglich mit ihr, lernte Italienisch in einem Tempo, das ihn selbst verblüffte und war schon zwei Monate später an den ersten freien Tagen, die er sich hatte leisten können, wieder in Neapel.

Jetzt lernte Karl auch Sidonias Familie kennen und war entzückt, diese Herzlichkeit, die Bereitschaft der Mutter, klaglos und freundlich den halben Tag in der Küche zu verbringen, um ein vielgängiges Menu für die Familie und den Gast zuzubereiten, die Begeisterung des Vaters, wie schnell Karl Italienisch lernte. Über Nacht durfte Sidonia freilich nicht bei ihm im Hotel bleiben; hier waren die Eltern konservativ. Aber man konnte schliesslich auch am Nachmittag Liebe machen.
Wie beflügelt von dieser Liebe, gelang es Karl noch im selben Jahr, sich erfolgreich für eine Professur zu bewerben. Er zog in eine grössere Wohnung und lud Sidonia ein, doch bei ihm zu leben und ihre Facharztausbildung in Deutschland abzuschliessen. Sidonia wäre gerne gekommen; in Neapel gab es für junge Ärztinnen ohne Beziehungen kaum die Möglichkeit, überhaupt eine bezahlte Stelle zu finden. Wer Facharzt werden wollte, musste Jahre umsonst arbeiten. Aber es war auch klar, dass ihre Eltern nicht zustimmen konnten, wenn es darum ging, mit einem Mann die Wohnung zu teilen, ohne verheiratet zu sein.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.