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Die Freude am Verfahren

Mein zweites Beispiel ist Sigmund Freud, der im Alter von über achtzig Jahren, an den Folgen einer Krebsoperation leidend und gerade der Lebensgefahr durch die Gestapo in Wien entronnen, in London Asyl fand und gleich wieder begann, mit Patienten zu arbeiten. In einem Brief schreibt er dazu, er staune jetzt, wie oberflächlich seine frühen Analysen gewesen seien.

Wir würden nichts von diesen Männern wissen, wenn sie nicht auch große Werke geschaffen hätten. Aber beide strahlen in diesen Anekdoten etwas anderes aus: nicht die Freude am Erfolg, der flüchtig ist und umstritten, sondern die Freude an der eigenen Tätigkeit, an der Selbstvergessenheit, in der demütiger Dienst an einem großen Werk selbst etwas Großes wird. Wer andere für sich arbeiten lässt und sich auf seinen Lorbeeren ausruht, kennt diese Freuden nicht. Sie sind nicht Arbeit und nicht Lust, sondern eine Harmonie beider, wie die Wanderung durch eine reizvolle Landschaft, in der sich der Geist schon auf den Anblick freut, den die nächste Wendung des Weges bieten wird.

III.

Die Beilage selbst sah aus wie ein etwas schmal geratenes SZ-Magazin in Himmelsblau mit Zirrus-Wolken – heiterer Himmel vor Gewitter! Sie entpuppte sich als BMW-Werbung; der geistige Zusammenhang zwischen „Freude ist der BMW X 6“ und den Artikeln schien mir etwas weit hergeholt. Dennoch gefiel mir mein Text nach wie vor; er hat einige ironische Einfälle und auch einen Bezug zu mir selbst. Auch ich bin Psychoanalytiker, arbeite noch im Rentenalter, versuche, mir die Freude am Schreiben in ähnlicher Weise zu erhalten wie in meiner Anekdote der Bildhauer. Aber die Geste des Leserbriefschreibers gab mir zu denken. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit einer kritischen Sicht auf die Konsumgesellschaft und die in ihr implizierte Umweltzerstörung. Ich habe 1973 den Homo consumens beschrieben, von dem ich damals sagte, er sei, wie der Dinosaurier, zum Aussterben verurteilt; die bange Frage bleibe, ob Homo sapiens das überleben könne.

Seither werde ich immer wieder eingeladen, auf Veranstaltungen über Konsumkritik und Umwelterziehung zu sprechen. Und wenn es ein Thema gibt, auf das ich darin häufig zurückkomme, ist es die Problematik moralisierender Lösungen. Ich erinnere mich, wie ich um 1980 auf dem Weg zu einer Tagung der Schweizer Umweltpädagogen auf einem Rastplatz bei Sankt Gallen in der Sonne saß und meine während der Fahrt gesammelten Gedanken für meinen Vortrag notierte.

Ich fuhr einen Golf Diesel, das erste Modell seiner Art und damals das sparsamste Auto auf dem Markt. War es aber nicht ebenso „gut“, einen Cadillac zu fahren, dessen acht Zylinder zwanzig Liter schlucken, wo der Golf mit vier zufrieden ist? Denn der Golf ist nur etwas weniger verrückt, er hilft, den Wahnsinn der Verschwendung etwas länger zu pflegen, ein Zeichen für ernsthaft ökologisches Wirtschaften ist er nicht, eher ein Symbol, wie bereitwillig wir uns etwas vormachen.
Dennoch hätte ich mich geschämt, auf der Tagung mit einem Cadillac oder Range-Rover vorzufahren. Der Golf Diesel war politisch für meinen Auftrag korrekt; noch korrekter wäre es gewesen, mit der Bahn zu reisen.

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