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Die Freude am Verfahren

Solange sich BMW an die Gesetze hält und ich mich an sie halte, können solche Widersprüche koexistieren. Es gibt sicherlich auch bei BMW Mitarbeiter, die grün wählen und Smart fahren. Sollen sie deshalb ihren Arbeitsplatz kündigen? So lange Pelzmäntel legal sind, ist es nicht richtig, der Nerzträgerin Tierquäler auf den Mantel zu sprühen.

VII.

Mir scheint der Vorwurf, in der BMW-gesponsorten Beilage tätig gewesen zu sein und so grüne Überzeugungen verraten zu haben, typisch deutsch. Ich kann mir nicht vergegenwärtigen, dass solche Leserbriefe auch französische oder amerikanische Zeitungen erreichen, während mir aus deutschen Kontexten mehrere ähnliche Szenen einfallen.

Die erste spielte sich in den siebziger Jahren ab, als die Humanistische Union Ernest Bornemann eingeladen hatte, auf einer Tagung über Das Private ist politisch über seine Kritik am Patriarchat zu sprechen. In der Diskussion wurde er dann voller Häme der Unglaubwürdigkeit bezichtigt, weil er einen Artikel in der Zeitschrift Playboy veröffentlicht hatte.

Soweit ich mich erinnere, wurde mit keinem Wort auf den Inhalt des Artikels eingegangen; das magische Denken dominierte: Wer in der Hauszeitschrift des patriarchalischen Sexismus veröffentlicht, hat unter Sexismus- und Patriarchats-Kritikern nichts zu suchen. Bornemann reiste überstürzt ab; nachher wurde erzählt, er habe einen Herzanfall erlitten. Warum hatte er sich nicht gewehrt und auf seinem Recht bestanden, zu schreiben, was er wolle, und es zu veröffentlichen, wo er wolle?
Heute vermute ich, dass solche Ausgrenzungen und damit verbundene Clanbildungen eine der vielen nicht ganz bewussten Folgen der NS-Zeit sind. Die Deutschen waren empfindlicher geworden für falsche Nähe. Ihr Selbstgefühl belasteten die immensen Zahlen von Mitläufern. Das NS-Regime hatte versucht, die Zivilgesellschaft zur Volksgemeinschaft umzudefinieren und ein magisches Denken von Blutmacht und völkischer Nähe aufgebaut, in dem Nichtzugehörige willkürlich bestimmt, ausgegrenzt, entrechtet und ermordet wurden.

Seither müssen wir Deutschen mehr als andere mit der Erinnerung daran umgehen, dass ein wohl organisiertes, nach außen Recht und Gesetz verpflichtetes Gemeinwesen zum Werkzeug des Massenmordes und der rassistischen Verblendung werden kann. Wer mit dem Falschen in Berührung kommt, so scheint eine Lehre daraus zu lauten, der ist selbst verfälscht. Wir trauen dem Rechtsstaat und der Zivilgesellschaft nicht, wir wollen Idealismus sehen.

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