Aufsaetze
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Der Bombenbastler

Am liebsten kaufte er seinen Bastelbedarf auf den Trödelmärkten, von den Händlern aus Tschechien oder Polen, die billige Werkzeuge anboten, Gaskartuschen, Feuerzeuge, Knopfzellen, Lötkolben und manchmal auch Feuerwerk, obwohl es hier nur vor Silvester erlaubt war und sonst verboten.
Er sammelte Explosionen. Er sprengte eine dickwandige Glasflasche mit einem Gemisch aus abgeschabten Zündholzköpfen, Backpulver und Benzin. Er war aufgeregt, wenn er einen neuen Donnerschlag probierte, und für Tage stolz, wenn sie ihm gelungen war. Wie alle Sammler freute es ihn am meisten, wenn er mit wenig Aufwand viel erreichen konnte. Hier waren die Gaskartuschen für Campingbedarf unübertroffen, die es auf dem Polenmarkt billig gab.
Er stach eine Kartusche an und warf sie mit einem speziellen Zünder in einen Felsspalt. Die Explosion dröhnte, dass seine Ohren noch eine Stunde später sangen, eine Fontäne aus Dreck und Steinen schoss hoch. Auf den Zünder war er stolz. Das hätte ihm keiner zugetraut. Einfach und wirkungsvoll. Die Zündschnur steckte in einem Papprohr. Er setzte sie in Brand und faltete beide Enden so, dass kein Funke nach aussen drang. Wenn das Gas – es war schwerer als Luft und sammelte sich in der Grube – ausgeströmt war, hatte sich auch der Funke durch die Pappe gefressen…….Wumm!
Das Hochgefühl hielt nie lange an. Es fehlte etwas, sonst wäre dieses Zittern, diese nagende Spannung nicht immer wieder gekommen, fast schlimmer als zuvor, weil sie früher doch nie wirklich weg war und ihn daher auch nicht so böse überraschte. Er konnte mit niemandem über seine Künste reden. Sie mit keinem Menschen teilen. Er hätte sie gerne gezeigt. Das hätte den vielen Menschen, die traurig durch ihr Leben schlichen und sich über nichts freuten, Erleichterung gebracht. Warum konnte er dem Vater, der Tante, den früheren Freunden, den Nachbarn nichts geben von dem Wunder der Explosion, das ihn von Spannungen und Bedrückungen erlöste? Wenn diese Freude nach einigen Tagen schal wurde und er nach einer neuen, schöneren, lauteren Explosion für seine Sammlung suchen musste, lag das wohl daran, dass niemand seine Künste bemerkte.
Er fühlte sich ausserstande, über dieses Bedürfnis zu sprechen. Schreiben? Schreiben war etwas anderes. Da war er zuerst einmal ganz für sich, ungestört, konnte ohne Scham tun, was er wollte. Und vielleicht las es jemand, verstand, was er zu sagen hatte?
So kam der Bericht über einen Mann, der viele Jahre in Österreich Briefbomben verschickt hatte, wie gerufen. Der Bürgermeister von Wien hatte nicht gewusst, wie er mit einer solchen Bombe umgehen musste, sie hatte ihm die Hand zerrissen. So arg musste es nicht sein, aber ein Knall in der Amtsstube, eine explosive Botschaft an einen von den Gewappelten, den Hochnasen und Ausbeutern, würde endlich dazu führen, dass seine Explosionen nicht verborgen blieben und sinnlos verhallten.Aus einer Flohmarktkiste hatte er um einen Euro ein Exemplar des Adressbuchs gekauft, in dem alle verzeichnet waren, die Rang und Namen hatten, Bürgermeister, Landräte und wie die Titel alle hiessen. So beschloss er, den ersten Knallbrief zu schreiben. Briefbombe war wirklich ein zu hohes Wort. Eine Stichflamme und ein Krach war alles, was er mit seinem Schwarzpulver erreichen konnte, eine Fontäne von Papier auf einem Schreibtisch, vielleicht ein kleiner Brand. Wenn er Plastiksprengstoff gehabt hätte, und richtige Zünder aus Knallquecksilber, dann….

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