Aufsaetze
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Der Bombenbastler

Dann sollte der Vater im Winter wieder einmal stempeln gehen. Die Frau an der Theke im Arbeitsamt fragte ihn, ob er nicht in Rente wolle. Er hatte nichts dagegen. Die Arbeit war hart, er musste um fünf Uhr aufstehen, manchmal spürte er ein Stechen in der Brust. Die Sachbearbeiterin half ihm, die Formulare auszufüllen. Es war nicht viel, aber er brauchte auch nicht viel, sie hatten das Holz aus dem Wald und die Hühner.
Niemand störte jetzt den Vater, wenn er bis in den Vormittag hinein schlief. Die Apfelbäume trugen jedes zweite Jahr eine überreiche Ernte an kleinen, wurmstichigen Früchten. Als die Mutter noch lebte, hatten sie gemostet, die Schräzmühle und die Presse standen im Schuppen. „Saft machen? Wo der Liter im Aldi 40 Cent kostet?“ Den Garten umgraben? Kartoffeln pflanzen? Stunden arbeiten für die paar Pfennige?
Die Tante hatte ihre Mutter zu pflegen, sie kam nur selten. Alois gewöhnte sich daran, sich selbst zu versorgen, wenn der Vater nichts kochte. „Ich weiss nicht“, sagte er, als der Vater fragte, was er nach der Schule lernen wolle. „Erst einmal mach ich den Zivildienst. Ich geh nicht in die Kaserne. In dem Altersheim von Freystadt suchen sie jemanden. Da kann ich mit dem Rad hinfahren.“
Am liebsten war Alois allein. Er hatte jetzt einen eigenen Fernseher. Wenn er vom langen Sitzen erschöpft war, nahm er den Rucksack und ging in den Wald, sammelte Tannenzapfen im Winter, Pilze im Sommer, schritt die Grenze der drei Hektar Wald ab, die zum Hof gehörten, und markierte mit der kleinen Axt aus dem Rucksack die Käferbäume. Sie mussten gefällt und die Rinde verbrannt werden. Ein Nachbar hatte ihm gezeigt, wie man die Motorsäge ansetzen musste.
Er konnte sich nicht vorstellen, von hier fort zu gehen. Der Hof war seine Heimat. Der Vater hatte ihn verkommen lassen. Etwas war falsch. Es gab kein Geld, um den Traktor zu reparieren, Vieh anzuschaffen. Das Holz war nichts wert. „Mit der Landwirtschaft ist es vorbei“, sagte der Vater. „Früher verkaufte man ein paar Dutzend Stämme und hatte Geld genug für ein Pferd oder einen Wagen. Heute müsstest du den ganzen Wald verkaufen und hättest nicht genug für einen neuen Schlepper!“
An Silvester brachte der Vater eine Flasche Schnaps und eine Packung mit Feuerwerk mit – Raketen, Knallfrösche, Donnerschläge. Als das neue Jahr anbrach, war nur noch Alois nüchtern genug, um vor die Tür zu gehen und das Feuerwerk anzuzünden. Was war das nur? Man machte etwas Kleines, scheinbar Harmloses, und dann – ganz plötzlich – dieser markerschütternde Krach. Erst erschrak er. Das war doch wie der Krach von damals, bei dem Unfall, als die Mutter starb. Aber er fühlte sich gut. Stärker als sonst. Der Krach kam nicht unerwartet. Er kam genau, wenn er es wollte. Er konnte sehen, wie die Zündschnur brannte, der Funke in das Bündel aus Pappe und Schnur kroch. Wumm!

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