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Die Ängste der dritten Generation

Wie kann ich erkennen, wo die Grenze ist zwischen berechtigten, gesunden Ängsten – und solchen, die mir schaden, mich blockieren?
Das ist relativ einfach. Stellen Sie sich die Frage: Ist es wirklich existenziell gefährlich? Wenn ja, dann ist es klug, der Angst zu folgen. Wenn nicht, sollte man die Angst ignorieren. Wenn ich unbegründeten Ängsten immer wieder nachgebe, dann sammle ich Erfahrungen, dass die Angst stärker ist als ich. Das führt dazu, dass ich beim nächsten Mal noch mehr Angst habe, die mich in die Vermeidung drängt.

Und wie überwindet man konkret derartige Ängste?
Zunächst hilft es, sich klarzumachen, dass der Mensch sehr viel mehr Angst vor Eventualitäten hat als vor Realitäten. Nehmen wir das Beispiel des jungen Mannes, der Angst vor dem Kinderkriegen hat: Wenn das Kind bereits da wäre, dann könnte er sich etwaigen konkreten Problemen stellen. Vermutlich würde er viel besser in die Vaterrolle hineinfinden als befürchtet. Keine Entscheidung ist oft schlechter als eine vermeintlich falsche. Gerade wenn es um Fragen geht wie: Richtiger oder falscher Partner? Kinder oder nicht? Wenn das Leben überhaupt nicht weitergeht, das ist sehr destruktiv.

Wir sollten uns also alle ein bisschen lockerer machen?
Nein, »locker machen« hieße ja warten, bis die Angst besser wird. Besser ist es, trotz der Angst zu handeln. Im Handeln geht die Angst weg. Wenn Sie Angst vor Wasser haben und sitzen am Ufer des Flusses und lesen das zwanzigste Buch »Wie überwinde ich meine Angst vor dem Wasser?«, ist das weniger produktiv als wenn Sie jemanden finden, der Sie ins Wasser schmeißt. Übertragen auf Weichenstellungen im Leben heißt das: Die unvollkommene Entscheidung ist meistens besser, als passiv auf die vollkommene Befriedigung zu warten. Die Realität ist nicht perfekt, nirgendwo – aber sie ist doch die beste, die wir haben.

Bei all dem, was Sie sagen, könnte man beinahe schon wieder eine neue Angst entwickeln.
Die da wäre?
Die Angst, man könnte, wenn man selbst Kinder in die Welt setzt, dabei vor lauter Perfektionismus so viele Fehler machen, dass sie ihrerseits voller Ängste aufwachsen.
Ein ehrenhafter Gedanke: Wie kann ich den Perfektionismus perfekt vermeiden? Im Ernst: Ich glaube nicht, dass das so kompliziert ist. Ein Kind teilt einem ja mit, was es braucht und was eher nicht. Dieser Dialog, in dem man mit dem Kind gemeinsam entwickelt, was für seine Entwicklung nützlich ist, der ist durch nichts zu ersetzen. Und ich denke, man kann auch dem Kind vermitteln, was man selbst braucht, um sich in seiner Elternschaft wohl zu fühlen. Kinder wollen ja auch den Eltern etwas Gutes geben. Darauf zu achten und das auch anzunehmen – das vergessen viele in ihrem Perfektionismus.

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