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Die Ängste der dritten Generation

Woraus besteht dieses Lebenskartenhaus?
Aus materiellen Dingen, beruflichem Status, Prestige, Chancen beim anderen Geschlecht. Heute hat jeder unglaublich viele Möglichkeiten hat, sich zur Geltung zu bringen – die wiederum alle miteinander konkurrieren. Es ist sehr viel schwieriger geworden, daraus eine Auswahl zu treffen, mit der man sich dann zufrieden geben kann. Und in der Fantasie kann man ja ganz widersprüchliche Möglichkeiten verwirklichen: zum Beispiel dass man sehr erfolgreich ist und viel arbeitet und andererseits immer schön am Strand liegt und gar nichts macht. Beides zugleich als Lebensziel – eine äußerst verwundbare Konstruktion.

Wie äußern sich solche Konflikte?
Bei Patienten erlebe ich immer wieder solche Muster: Wenn sie arbeiten, sagen sie sich, mein Gott, bin ich blöd, dass ich mich schon wieder so stresse. Und wenn sie dann auf der Wiese liegen, dann fällt ihnen alles Mögliche ein, was sie eigentlich noch alles machen müssten, um weiterzukommen. Die Leute sind nie mit sich zufrieden – und ihr Selbstbild ist durch diese widersprüchlichen Erwartungen so komplex und fragil, dass es bei geringen Störungen leicht kollabiert. Sie sind gefangen im Angstkreis des Perfektionismus.

Und was hat dieser Perfektionismus mit Beziehungsängsten zu tun?
Wir alles sehnen uns im Grunde nach einem paradiesischen Zustand, in dem wir völlig glücklich sind, ohne existenzielle Gefahren. Nach diesem Zustand müssen wir umso mehr streben, je weniger wir glauben, ihn bislang erlebt zu haben. Jemand, dessen Beziehung total baden gegangen ist und der dadurch schwer gekränkt wurde, wird an den nächsten Partner einen viel höheren Anspruch stellen. Er wird nicht sagen: Ich bin ich froh, dass ich wieder jemanden habe; ich darf nicht mehr so anspruchsvoll sein und rumkritisieren und mich wieder von meinem Partner verabschieden, wenn der nicht so toll ist – sondern bin zufriedener, nehme die Dinge, wie sie kommen: Nein, so ist der Mensch nicht. Wenn er einmal gescheitert ist, will er es beim nächsten Mal noch besser machen, noch sicherer sein. Und je höher ich meine Ansprüche setze, desto größer wird die Gefahr, wieder zu scheitern. Diesen Teufelskreis findet man in vielen Situationen: Man steigert seinen Anspruch, um eine Kränkung zu kompensieren, und der gesteigerte Anspruch führt zur nächsten Kränkung. So etwas führt dann irgendwann in die totale Resignation.

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1 Kommentare

  1. Harald Kupfer sagt

    Guten Tag Herr Schmidbauer,
    leider wird in dem Artikel zu wenig die Einflüse der Gesellschaft auf den Einzelnen (Gruppenzwang, Werbung etc.) erwähnt bzw. berücksichtigt. M.E. sind die Strukturen in diesere kapitalistischen Welt daruf ausgerichtet, den Individualismus über den Gemeinsinn zu stellen und Ur-Triebe zu wecken, die eigentlich nicht in eine kultivierte Gesellschaft gehören. Allerdings sind sie für den Absatz von Waren aller Art und der Erzielung von maximalen Profit oft sehr nützlich (Horror-, Krimi-, Pornofilme /gewaltverherrlichende PC-Spiele / ungesunde FastFood-Nahrung etc.). Wo bleibt der erzieherische Einfluss der Gemeinschaft auf den Einzelnen? Viele Eltern können oder wollen die Verantwortung für ihren Nachwuchs nicht übernehmen. Wer fängt die Kinder und Jugendlichen auf, die in solchen Strukturen heranwachsen? Die Schule wehrt sich gegen eine solche Aufgabe. Sie sieht nur den Lehrauftrag, keineswegs den Erziehungsanteil, den m.E. die Pädagogik vereint.

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