Artikel, Auswahl
Kommentare 1

Die Ängste der dritten Generation

Wie sieht diese Resignation aus?
Ich erlebe Leute, die ein-, zweimal in Beziehungen gescheitert sind und dann ihren Anspruch so hoch schrauben, dass ihnen niemand mehr gut genug ist. Dann wird die ganze Beziehung visionär in die Zukunft verlegt, und in der Realität passiert gar nichts mehr.

Inwieweit ist das ein typisches Problem der heutigen Generation?
Das Phänomen nimmt zu, je wichtiger der Partner wird, um das eigene Selbstgefühl zu stabilisieren. Je weniger Traditionen man hat, je weniger die Ehe etwas ist, was zwischen zwei Familien ausgehandelt und arrangiert wird. Statt dessen geht es darum, per Turbodating genau den Richtigen zu finden. Da muss dann alles von Anfang an klappen und genau passen; es gibt einen sehr viel höheren Anspruch an die Beziehung. Ein großes Problem ist auch die Sehnsucht danach, dass die Kinder möglichst ganz toll zu sein haben und einen als tolle Mutter oder tollen Vater bestätigen. Junge Mütter konkurrieren heute schon darum, ob das Kind genauso schnell sprechen und laufen lernt wie das Kind ihrer Freundin, und haben Angst, dass das Kind gestört ist, wenn es zurückfällt. Dieser Stress ist ein neues Phänomen. Je mehr Informationen man darüber hat, was alles in Ordnung sein müsste und wo eventuelle Fehlerquellen lauern  – umso mehr neue Ängste entstehen.

Ein Problem der Wissensgesellschaft also.
In der Tat. Je mehr wir über uns wissen, desto mehr können wir subjektiv auch falsch machen. Und auch die Prägung in der Kindheit ist entscheidend: Wer die Erfahrung gemacht hat, dass er seinen eigenen Gefühlen vertrauen kann, der kann solche Dinge eher einordnen. Wer als Kind dagegen emotional traumatisiert worden ist, hat später in einer Partnerschaft oft ständig Angst, etwas falsch zu machen, weil er sich nicht auf seine Gefühle verlässt.

Da kommen wir also zur Rolle der Eltern…
Die Eltern der Generation Angst sind selbst sehr unsicher: Die Achtundsechziger wollten anders sein als ihre Eltern aus der Nazi-Generation. Sie wollten Ideale umsetzen, auch die Kindeserziehung besser machen. Patienten, die heute um die dreißig sind, erzählen oft Dinge wie: Immer wollen meine Eltern was, rufen an, mischen sich in mein Leben ein, wollen von mir bestätigt werden, das nervt total – aber sie zurückweisen kann ich auch nicht, das würde sie kränken. Die Idee der Achtundsechziger, Kinder zu selbstbewussten und emotional freien Menschen zu erziehen – die hat offensichtlich nicht funktioniert.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.