Artikel
Schreibe einen Kommentar

Helfersyndrom reloaded

Karadzics politische Schuld ist mit der 43 Monate andauernden Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1995 verbunden. Dabei wurden von Heckenschützen rund 10.000 Menschen getötet. Der frühere Arzt posierte in einem BBC-Video mit dem nationalistischen russischen Dichter Eduard Limonow auf einem Hügel, vor ihnen ein Maschinengewehr. Karadžić schießt kurz in die belagerte Stadt hinunter. Dann lädt er seinen Freund ein, es ihm gleichzutun. Limonow feuert in die Häuser Sarajevos.

Radovans Vater Vuk Karadzic war ein serbischer Nationalist, ein Tschetnik. Im zweiten Weltkrieg kämpften diese königstreuen Serben auf der Seite der deutschen Besatzer gegen die kommunistischen Partisanen. Vuk wurde nach deren Sieg verhaftet und kam ins Gefängnis. Der 1945 geborene Sohn Radovan erlebte einen gebrochenen Mann als Vater, der nicht in die neue Zeit passte.

Die Familie profitierte von dem sozialistischen System, dass Bauernsöhnen Schulbildung und Studium ermöglichte. Radovan Karadzic studierte in Sarajewo Medizin und spezialisierte sich als Psychiater und Psychotherapeut in Studienaufenthalten in Dänemark sowie in den USA, wo er ein Jahr an der Columbia-Universität verbrachte. Dann kehrte er in das psychiatrische Krankenhaus von Sarajewo zurück.

Bis dahin verrät nichts die problematische Seite dieser Persönlichkeit. Allerdings ist es auch falsch, in Radovan Karadzic einen unauffälligen Arzt zu sehen, der sich zum sadistischen Politiker verwandelte. Er war als Arzt keineswegs unauffällig, nicht nur, weil er schlechte Gedichte schrieb, sondern auch, weil er grundsätzlich alle ethischen Vorgaben so verbog, wie es seiner Grandiosität diente. Das ist sehr charakteristisch für Helfer, welche diese Rolle benötigen, um eine narzisstische Störung auszugleichen und daher im Dienst ihrer Grandiosität notfalls auch Gesetze brechen.

Radovan Karadzic war schon damals ein Scharlatan, wie es sie auch unter den studierten Therapeuten gibt, ein rücksichtsloser Charismatiker, wie sie immer wieder die Ethikausschüsse der Ärzte- und Psychotherapeutenkammern beschäftigen. Es sind dann freilich meist Delikte, die neben den Verbrechen von Radovan Karadzic harmloser wirken: Ärzte, die ihre greisen Patientinnen dazu bringen, sie als Erben in ihr Testament zu setzen, Psychotherapeuten, die durch Schäferstündchen die Erotik ihrer Patientinnen zu fördern behaupten.

Als pdf herunterladen Download PDF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.