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Helfersyndrom reloaded

Der Verwaltungsdirekter eines grossen Krankenhauses sagte auf dem „Tag der Krankenschwester“ in Salzburg nach meinem Festvortrag zwischen Mozarts Dissonanz-Quartett und einem kaltem Büffet, er sei erst kürzlich als Patient in seiner eigenen Klinik gelegen und habe keine Spur des Helfersyndroms bei seinem Personal entdeckt. Nachher setzten sich einige Lehrschwestern an meinen Tisch und erklärten mir, warum sie mich eingeladen hatten und warum es besser sei, in der Diskussion zu schweigen.

Irgendwo spricht mich ein bärtiger Sozialarbeiter an. Ihm habe sein Beruf immer Spass gemacht, ob ich das etwa für nicht normal halte? Und immer, immer wieder die drei Fragen: „Habe ich das Helfersyndrom? Woran bemerke ich es? Was kann ich dagegen tun?“

Die Samariter von heute

Ich habe manchmal versucht, sie durch eine Metapher zu beantworten: „Habe ich einen Ödipuskomplex? Wenn ja, woran bemerke ich ihn? Und was kann ich dagegen tun?“ Aber ein solcher Vergleich wird nur von Menschen verstanden, die etwas über Psychoanalyse wissen und sich damit befreunden können, dass es Grundkonflikte gibt, die sich nicht auflösen lassen. Wenn wir unter Ödipuskomplex die prägenden Verletzungen unserer Kindheit verstehen, dann wird uns vielleicht deutlicher, dass wir beispielsweise das Aufwachsen ohne Vater oder Mutter, die Kränkung, dass uns ein Geschwister vorgezogen wurde oder die Rolle des Aussenseiters in einer sozialen Gemeinschaft nicht in dem Sinn bewältigen können, dass alle damit verknüpften Probleme verschwinden. Aber unsere Einsichten in diese frühen Schicksale helfen uns wahrscheinlich, gelassener mit dem zu leben, das unseren Versuchen widersteht, es aus der Welt zu schaffen.

Aus eben diesem Grund finde ich die sperrige Qualität des Begriffs vom hilflosen Helfer nicht nur von Übel. Da so unendlich Vieles in unserem Leben und in unserer Kultur verwendet wird, um uns vor Ängsten zu schützen und Kränkungen abzuwehren, wird auch eine solche Komponente im Verhalten von Helfern nachweisbar sein.

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