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Burnout in der Psychotherapie

Beitrag zu dem von Otto Kernberg u.a. herausgegebenem Band "Wir Psychotherapeuten", Stuttgart 2004

Klagen und Schuldzuschreibungen in einem Burnoutzustand sind geradezu das Gegenteil von Versuchen, die eigenen Arbeitsbedingungen zu verbesseren. Es werden keine konkreten Schritte unternommen, Vorgesetzte in die Pflicht zu nehmen, um Missstände zu beseitigen. Solche Bemühungen werden als hoffnungslos beurteilt und eigene Opferrollen kultiviert.
Dieser Periode wachsender Gefühlen der Benachteiligung folgt als letztes Stadium einer Burnout-Entwicklung der Leistungsabbau. Die Betroffenen können sich nicht mehr konzentrieren, es unterlaufen ihnen gehäuft Flüchtigkeitsfehler. Es scheint ihnen gleichgültig, ob sie gut oder schlecht arbeiten; ihre Leistungsbereitschaft und ihr berufliches Engagement schwinden. Der Krankenstand ist sehr hoch; zu den Symptomen einer depressiven Entwicklung treten körperliche Leiden: Chronische Rücken- und Gelenkschmerzen, Schlaflosigkeit, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und Herzkreislaufprobleme. Die Gefahr von Alkoholismus oder Medikamentenmissbrauch wächst. Der Burnout erfasst in der Abbauphase auch die nichtberuflichen Beziehungen. Die Krise wird weiter vertieft, weil Regenerationsmöglichkeiten wegfallen. Durch das verlorene berufliche Selbstbewusstsein ist auch das Privatleben beeinträchtigt. Die Betroffenen ziehen sich von Kontakten zurück, pflegen Freundschaften nicht mehr, unternehmen nichts, wenn sich ein Partner trennt oder scheiden lässt. Sie vereinsamen.
In einer Balint-Gruppe schildert ein junger Mediziner seine Situation. Er hat soeben die Praxis eines alteingesessenen Internisten übernommen. Dieser war relativ jung an einem Herzinfarkt gestorben.
Der Nachfolger berichtet, er wundere sich jeden Tag, wie die achzigjährigen Patientinnen und Patienten seines Vorgängers vertrauensvoll im Wartezimmer säßen und keine Minute darüber nachdächten, weshalb der Arzt, der sie bis in dieses hohe Alter betreute, so früh an einem Leiden gestorben war, dessen Vorbeugung er doch gekannt haben mußte.
Wenn dieser junge Arzt erschöpft nach einem langen Arbeitstag bemerkte, wie ihm das hastig hinuntergeschlungene Mittagessen im Magen lag, überlegte er auch, daß er endlich seinen Patienten sagen müsse, wenn sie ihn weiter so beanspruchen würden, sei der Weg zu seinem Herzinfarkt nicht mehr weit.
Hier widersprechen sich zwei Idealvorstellungen: die des machtvollen, selbst bedürfnislosen Helfers und die des Experten, der weiß, wie eine gesunde Lebensführung aussieht. Wer nicht weise, sondern streng oder bösartig mit seinem inneren Kind umgeht, überfordert sich in der Regel seelisch wie körperlich. Die eben angesprochene Helfer-Problematik zeigt sich nun darin, daß es erheblich leichter scheint, diese Gesetze anderen zu vermitteln, als selbst nach ihnen zu leben.
Im einen Fall sagt der Helfer nur, welches Haus sozusagen gesünder wäre; im anderen muß er selbst umziehen und Folgen tragen, die mit seinen Geltungsansprüchen nicht vereinbar sind. Einmal ist er der Wegweiser, in der anderen Situation macht er sich selbst auf den Weg. Der Helfer findet seine Entspannungs- und Ruhebedürfnisse nicht wichtig genug, er kann die Kränkung nicht ertragen, solche „ohnmächtigen“, abhängigen, kindlichen Seiten zu haben und klammert sich unablässig, bis zur Erschöpfung, an seine berufliche Rolle.

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