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Burnout in der Psychotherapie

Beitrag zu dem von Otto Kernberg u.a. herausgegebenem Band "Wir Psychotherapeuten", Stuttgart 2004

Heute gibt es einerseits eine Fülle von miteinander konkurrierenden Therapierichtungen und -Schulen, andrerseits aber auch eine wachsende Gruppe von Personen, die an eine Behandlung den Anspruch stellen, sie hätte ihre übermäßigen Ansprüche an das Leben, ihre unrealistischen Verwöhnungswünsche und passiven Bedürfnisse nach idealen Eltern zu erfüllen. In der Weltanschauung dieser Dauerpatienten von Psychotherapie mischen sich richtige und falsche Gedanken zu einem Konglomerat, das den angehenden Therapeuten sehr verwirren kann und ihm erst nach einigen schmerzhaften Erfahrungen kritische Distanzierungen abnötigt.
Der Patient berichtet über eine belastende Kindheit und nötigt den Therapeuten, ihn dafür zu entschädigen. Je weniger sich dieser über die Grenzen seiner Möglichkeiten klar ist, je mehr er gerade aus seiner Unsicherheit heraus sich selbst und seinem Gegenüber Hoffnungen einredet, desto verführbarer ist er auch für die kurze, gemeinsame Illusion, man könnte in passivem Anspruch an die Welt der Erwachsenen für das Wiedergutmachung erfahren, was einem tatsächlich oder vermeintlich als Kind mangelte.
Wer sich in der Arbeitswelt zurechtfinden will, weiß bald, daß für jede angenehme Aufgabe einige unangenehme Aufgaben anfallen. Vielleicht begnet er auch in sich selbst der menschlichen Ur-Neigung, diese Unannehmlichkeiten zunächst nicht wahrhaben zu wollen, ähnlich wie ja ganze Industriegesellschaften der Illusion huldigten, sie können den Komfort von Chemie und Automobilverkehr haben und gleichzeitig saubere Flüsse und stille Städte behalten. Kurzum, erfolgreiche Berufsarbeit setzt voraus, daß die ganze Wirklichkeit des Berufs akzeptiert und ausgefüllt wird, was auch bedeutet, daß viele Träume beschnitten und die Leerstellen mit Trivialem ausgefüllt werden müssen, dem man in der ursprünglichen Berufswahl vielleicht gerade entgehen wollte.
In unserem Gefühlsleben, vor allem in unseren emotionalen Beziehungen, die einen so wesentlichen Anteil unserer Zufriedenheit ausmachen, ist eine ähnliche Reifungsarbeit und Anspruchschrumpfung unerläßlich. Wir sind nicht unsterblich, und unsere Fähigkeit, neue, attraktivere Freunde oder Freundinnen zu gewinnen, die an die Stelle der Menschen treten, die uns enttäuschen, so wie uns auch unsere Eltern enttäuscht haben, ist begrenzt. Ähnliches gilt für unsere Fähigkeit, unsere Männer- oder Frauenrolle auszufüllen, oder – falls es soweit kommt, und wir uns entscheiden, eine Elternschaft zu riskieren, für die Art und Weise, in der wir unsere Kinder erziehen.
Wer hier ein hohes und aus einer Opposition gegen Erfahrungen mit den eigenen Eltern gewonnenes Ideal hat – Spuren davon lassen sich bei vielen Therapeuten nachweisen – der wird in der Auseinandersetzung mit einem Lebenspartner oder einer Partnerin, mit eigenen Kindern erleben, daß auch er unvollkommener ist, als er es bisher glaubte, daß sein Verhalten weit stärker von den verachteten realen Eltern geprägt wurde, als er es wahrhaben wollte. Das macht bescheidener, söhnt vielleicht ein wenig mit der eigenen Vergangenheit aus, und es wäre ein großes Wunder, wenn solche Entwicklungen in der Persönlichkeit des Therapeuten nicht auch viele Folgen für seine Arbeit hätten. Mehr als eine Psychologin, die vor Ehe und Elternschaft als Erziehungsberaterin gearbeitet hatte, gestand in der Analyse, daß die Erfahrung mit den eigenen Kindern ihr Urteil über realistische Ansprüche an Elternschaft weit mehr beeinflußt habe, als zehn Semester Studium der Entwicklungspsychologie.

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