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Burnout in der Psychotherapie

Beitrag zu dem von Otto Kernberg u.a. herausgegebenem Band "Wir Psychotherapeuten", Stuttgart 2004

Ein Teil solcher Gewinne, beispielsweise die Befriedigung durch die narzißtische Bestätigung und die Dankbarkeit des Klienten während einer erfolgreichen Behandlung sind unproblematisch. Aber es gibt Befriedigungen, die den beruflichen Erfolg der privaten Lust opfern, und die selbst dann der professionellen Ethik widersprechen, wenn der Patient sie wünscht.
Je wesentlicher eine emotionale, persönliche, nicht objektivierbaren Kriterien unterworfene Beziehung für die Arbeit des Therapeuten ist, desto schwerer wird es auch, hier das Zuträgliche vom Übermaß zu trennen. Das bekannteste Beispiel ist die sexuelle Beziehung zwischen einer Patientin und einem Therapeuten. Sie verspricht eine bequeme Abkürzung der Therapie – die Patientin gewinnt unmittelbar den begehrten Partner, nach dem sie sich sehnt, der Therapeut kann den phallischen Wunschtraum vom Penis als Universalmedizin in Wirklichkeit umsetzen, oder es sich doch zumindest einbilden. Aber diese Strategie ist so kurzsichtig, wie die Kuh zu schlachten, auf deren Milch man angewiesen ist. Nach einer kurzen, rauschhaften Periode kommt das böse Erwachen, die sexuelle Beziehung kann die Therapie nicht ersetzen, sondern sie verschlechtert nachhaltig die Möglichkeiten, noch an eine Therapie zu glauben. Die illusionären Erwartungen an eine Heilung durch die Befriedigung des neurotischen Liebesbedürfnisses führen auf beiden Seiten schließlich zu einem Zusammenbruch, der den verheißungsvollen Anfang entwertet. Solche Sexualisierungen in der Psychotherapie sind ein Signal für Burnout; das beste Mittel gegen sie sind nicht Verbot und Strafdrohung, sondern die Begeisterung für die eigentliche Arbeit eines Therapeuten, welche durch solche Befriedigungsformen sabotiert wird.
Während die triebbefriedigenden Formen sexueller oder materieller Ausbeutung der Klienten relativ leicht zu erkennen sind, ist die Grenze zwischen einer für beide Beteiligten nützlichen und einer schädlichen narzißtischen Befriedigung viel schwerer zu ziehen. Piraten, die beispielsweise die Partnerschaften ihrer Klienten ruinieren, um diese enger an sich zu binden, oder Piratenkapitäne, die das Schiff einer ihren narzißtischen Bedürfnissen dienenden Therapieschule mit Abhängigen bemannen, sind längst nicht so leicht identifizierbar, richten aber unter Umständen mehr Schaden an als der einzelne Übergriff.
Ich hoffe, daß diese Typologie so aufgefaßt wird, wie sie gemeint ist – als Anregung zu selbstkritischen Überlegungen und vielleicht auch zu einer ironischen Distanz von den Eigenarten unserer Berufsarbeit, als Hilfsmittel, nicht betriebsblind zu werden und zu glauben, daß alle ernstzunehmenden Menschen sich unbedingt für die Schicksale von Psychotherapeuten interessieren müssen. Verglichen mit anderen Berufen scheint mir der Beruf des Therapeuten anregend und inhaltlich so gefüllt, daß gerade diese Faszination es den Beziehungshelfern schwer macht, auf angemessene Erholungszeiten zu achten und nicht die eben gewonnenen, dringend benötigten Freistunden dem nächsten Patienten zu opfern, der sich für ein unverbindliches Vorgespräch gemeldet hat.
Wer sich in diesem Beruf das Interesse für menschliche Schicksale und Interaktionen, für den Einfluß der gesellschaftlichen und familiären Sitationen auf das Leben des Indidivuums erhalten kann, gewinnt aus ihm viel Befriedigung, auch wenn er manche seiner Klienten enttäuschen muß.

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