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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Die wirkliche Arbeit, die Erkenntnis des Analytikers beginnt erst dort, wo die exakte Wissenschaft aufhört und Illusion oder Indoktrination dennoch nicht Platz greifen: Im Dialog mit einem Gegenüber, in der Suche nach einer lebensgeschichtlichen Wahrheit, die nicht objektiv sein kann, weil es Objektivität in einem Subjekt nicht gibt, aber auch nicht beliebig ist, denn sie wird durch den analytischen Prozess zwischen zwei Menschen bekräftigt, die sich bereit gefunden haben, sich an einer gemeinsamen Wahrheitssuche zu orientieren.
Das ist keineswegs unmöglich, auch wenn es nicht immer gelingt. Und es ist ebenso defensiv wie unnötig, wenn sich Analytiker damit verteidigen, nur wer eine Analyse absolviert habe, könne die Analyse verstehen. Das ist so sinnvoll, wie zu sagen, nur wer eine Beethovensonate spiele, könne sie geniessen.
Die analytische Art, sich möglichst vorurteilslos in die menschliche Innenwelt zu vertiefen, Inhalte als Symbole zu nehmen, Metaphern zu entwickeln und wieder aufzugeben, Bilder mit Abstraktionen zu deuten und abstrakte Modelle bildhaft zu füllen hat ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Faszination. Sie führt uns zu einem Wissen, das wir anders nicht gewinnen werden.
Indem die Analyse erforscht, was einen Menschen krank macht oder sein Verhalten selbstzerstörerisch werden lässt, entwickelt sie immer auch ein Stück Heilung. Es ist eine Heilung durch Orientierung, wie wir etwa einen chronisch Vergifteten dadurch heilen können, dass wir ihm zeigen, wo er das Gift aufnimmt, wo er von ihm verschont bleibt und wie er es, wenn er es aufgenommen hat, schnell wieder ausscheiden kann.
Selten ist in einer Schrift gelassener und gleichzeitig rücksichtsloser über die menschliche Bedürftigkeit nach schnellen Lösungen diskutiert worden als in Sigmund Freuds 1927 erschienener Schrift „Die Zukunft einer Illusion“. Verglichen mit dem wenige Jahre später erschienen Essay über „Das Unbehagen in der Kultur“ wirkt Sigmund Freuds religionskritischer Essay optimistisch. Hier steht die berühmt gewordene Formulierung: „Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“
Freud mußte die Veröffentlichung gegen den Widerspruch seiner politisch denkenden Mitstreiter in der psychoanalytischen Bewegung durchsetzen. Diese sahen die Etablierung der Analyse durch derlei Kulturkritik gefährdet, während ihr Gründer fürchtete, daß ohne klare Worte die psychotherapeutische Hilfe in ihrer kritischen Distanz zur Gesellschaft von der Medizin oder von der Seelsorge vereinnahmt und ihrer Eigenständigkeit beraubt werden könnte.
Freud war sich sicher, daß Religion die geistige Beweglichkeit der Wissenschaft nicht nur nicht gestalten kann, sondern sie lähmt. Er vergleicht sie mit einem Brauch, den Schädel von Kindern zu deformieren, welcher dann die Messungen der Anthropologen unmöglich macht. Wenn wir den betrüblichen Gegensatz zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen betrachten, müssen wir – so fordert er – doch erkennen, wieviel Schuld die religiöse Erziehung an solchen Verkümmerungen trägt.

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