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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse hat betont, daß es einen Unterschied gibt zwischen (lösbarem) neurotischen Elend und (unlösbarem) allgemeinem Leid. Sie bekämpfte die Versuchungen, wohlfeil zu trösten und illusionäre Hoffnung zu spenden. Das Menschenbild der Analyse soll von den Forderungen der Wissenschaft geprägt sein und diese in die Auseinandersetzung des Menschen mit seinen Ängsten und Nöten, mit Sexualwunsch und Aggressionslust hineintragen. Ziel ist eine Persönlichkeit, die so reif ist, daß sie ihre tierischen und kindlichen Seiten nicht verdrängt, sondern erkennt, ihnen nicht mit Verboten, sondern mit Entscheidungen begegnet.
Gegenüber der biblischen Botschaft, daß schon der Gedanke an das Böse verwerflich ist, setzt die Analyse eine ausdrückliche Erlaubnis. Jeder Mensch, nicht nur der Bösewicht, ist unmündig, verführbar, triebbestimmt. Aber jeder kann auch seine Gegenkräfte stärken, kann Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, Einsicht entwickeln, Selbstkritik üben, so daß ihn nicht plötzlich in Projektionen das unterdrückte Feindbild überfällt oder im Symptom ein fauler Kompromiß zwischen Wunsch und Zensur einschränkt.
Diese Haltung ist egalitär und emanzipatorisch. Nicht die Erbanlage, nicht Rasse, Religion, Kaste oder Stand prägen den Menschen, lassen uns den Gesunden vom Kranken unterscheiden. Das tut in erster Linie der zumindest potenziell lösbare Konflikt und die Verarbeitung der eigenen Geschichte. Niemand ist über seine Triebe erhaben, niemand kann sich selbst gänzlich erkennen; jeder aber ist in der Lage, seine Einsicht zu verbessern und so Einschränkungen zu überwinden, die ihm unbewußt gewordene Konflikte der Kindheit auferlegen.
Wo Freud noch beschreibt, daß keine emotionale Beziehung ohne Ambivalenz ist und jedes therapeutische Bemühen an Grenzen stößt, steigern sich die Versprechungen seiner Epigonen bis zur Neuprogrammierung des Geistes, zur Neugeburt des ganzen Adam und zum Durcharbeiten früherer Inkarnationen.
Was noch paradoxer ist: Es gibt Therapeuten, welche Freud den Gestus des schonungslosen Illusionskritikers aus der Hand genommen haben und mit ihm gegen die Tiefenpsychologie vorgehen. Sie sei nicht wissenschaftlich, beruhe nicht auf experimentell kontrollierten Beobachtungen. In vielen Einzelheiten ihrer Praxis hat diese Strömung die psychoanalytische Tradition geplündert; im Grundsatz aber wird Freuds Position zwischen Erfahrung und Theoriebildung zum haltlosen Spekulieren herabgesetzt.
Freud war eine widersprüchliche und komplexe Persönlichkeit von aussergewöhnlicher intellektueller Begabung, belastet durch eine grosse innere Unruhe, die er durch seine Nikotinsucht leidlich steuern konnte, einerseits kämpferisch-ehrgeizig und wahrheitsdurstig, anderseits auf ein hohes Mass an emotionaler Sicherheit angewiesen, wenn er auf der Höhe seiner Fähigkeiten funktionieren sollte. Er hat sich parallel zum Aufbau seiner revolutionären Theorie ein festes soziales Gehäuse gebaut: seine Familie, seine Kinder, seine Freunde, mit denen er samstags Tarock spielte, die (Brief)Freunde, mit denen er die „psychoanalytische Bewegung“ vorantrieb.

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