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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Seit der liberalen Wende in der Donaumonarchie schien die Möglichkeit greifbar nahe, solche Einschränkungen zu überwinden. Freud hat auf seine Weise für eine solche Zukunft gekämpft. Aus diesem Grund war für ihn auch der Bruch mit C.G. Jung so schmerzhaft. Er hatte die stürmische Hingabe des protestantischen Schweizers an die gemeinsame Sache als Zeichen genommen, dass die Psychoanalyse genau jene Bindungen schaffen könnte, von denen er als junger Wissenschaftler träumte.
Seine Söhne hat Freud nicht beschneiden lassen; er war hier einsichtiger als andere beschnittene Väter, die immer noch glauben, dieser verstümmelnde Brauch schade nicht. Er dachte als Gymnasiast daran, Jura zu studieren und Politiker zu werden. Was bewog Freud, diese erste Berufswahl aufzugeben und sich für die Rolle des Naturforschers und Heilers zu entscheiden? Nach seiner eigenen Aussage war es ein Vortrag von Goethes Hymnus „Die Natur“ im Jahr 1873. In diesem Werk preist der Autor ein mütterliches Wesen, grandios und unbestimmt; was er Natur nennt, könnte geradesogut Gott, Schicksal, Vorsehung oder Es heißen:
„Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie da, was war, kommt nicht wieder: Alles ist neue und doch immer das Alte.
Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verräth uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie….
Sie spielt ein Schauspiel; ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sie’s für uns, die wir in der Ecke stehen.
Die Menschen sind alle in ihr, und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel und freut sich, je mehr man ihr abgewinnt. Sie treibts mit vielen so im Verborgenen, daß sie’s zu Ende spielt, ehe sie’s merken…
Sie hat mich hineingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr; nein, was wahr ist und was falsch ist, Alles hat sie gesprochen, Alles ist ihre Schuld, Alles ist ihr Verdienst.“
Dieser Text wurde wohl nicht von Goethe verfaßt. Er hat ihn adoptiert, wie ein Maler, der im Alter ein Bild signiert, das von ihm sein könnte, obwohl er sich nicht daran erinnert, es gemalt zu haben. In einem späteren Zusatz schreibt Goethe: „Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann ich mich faktisch nicht erinnern, allein sie stimmen mit den Vorstellungen wohl überein, zu denen sich mein Geist damals ausgebildet hatte.“ Zudem war der Text „von einer wohlbekannten Hand geschrieben, deren ich mich in den achziger Jahren in meinen Geschäften zu bedienen pflegte.“

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