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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Psychoanalyse als Sekte?

Die Psychoanalyse ist aus einer Polemik gegen die Hypnose und gegen eine biologisch-resignative Nervenheilkunde hervorgegangen. Sie war durch die frühen Abspaltungen von Alfred Adler und C.G.Jung in den Augen vieler Betrachter in die Nähe einer Sekte gerückt. Diese Situation hängt sowohl mit Freuds Persönlichkeit wie mit der unvermeidlichen inhaltlichen Auseinandersetzung zusammen, die Psychotherapeuten mit gesellschaftlichen Prozessen führen müssen.
Die meisten Geistes- oder Naturwissenschaften kommen einfach so daher, wie sie sind. Psychologie, Soziologie und ihre gemeinsame Tochter Psychotherapie hingegen tragen häufig Fahnen und singen Kampflieder. Diese sollen beweisen, dass sie sich als Natur- oder Geisteswissenschaft verstehen; meist gibt es irgendwo auch einen Feind, dem unterstellt wird, Tatsachen zu leugnen, sich in hartnäckigen Spekulationen zu ergehen oder den Flug der Schmetterlinge dadurch erforschen zu wollen, dass man die Länge ihrer Fühler misst.
Das von Freuds Schülern eingeleitete Bestreben der psychotherapeutischen Schulen, sich voneinander durch Aufnahmerituale zu unterscheiden, hat dazu geführt, dass das Rad immer wieder neu erfunden und anders benannt wurde. So sprechen Analytiker von Übertragung, Verhaltenstherapeuten von der Beziehungsvariable. Die ersten fordern eine Lehranalyse, die zweiten verlangen therapeutenzentrierte Selbsterfahrung. Da ein Akademiker mehrere Jahre braucht, um beispielsweise einen Antrag auf tiefenpsychologisch fundierte Therapie so geschmeidig auszufüllen, wie professionelle Praxis eigentlich sein sollte (manche behaupten, sie würden es nie lernen), ist die Bereitschaft sehr gering, sich die Terminologie und das kasuistische Verständnis einer anderen Methode als der erlernten anzueigen.
Die Psychoanalyse ist heute in den meisten entwickelten Ländern vertreten. Sicher nimmt auch die Zahl der Psychoanalytiker nach wie vor zu. Aber andere therapeutische Schulen gewinnen schneller neue Praktiker und haben inzwischen auch wohl mehr Einfluss auf die Behandlung seelischer Störungen als die Psychoanalytiker. Freilich sagt das wenig über den historischen Einfluss Freuds. Da seine Konzepte in anderer Terminologie immer wieder erfunden oder übernommen wurden, leistet er auch dort einen Beitrag, wo er als veraltet gilt.
Da die Zahl der Erkrankten in den industrialisierten Ländern durchweg schneller zunimmt als das Bevölkerungswachstum, die Ausgaben für das Gesundheitswesen aber wirtschaftliche Grenzen finden, muss die Psychoanalyse mit Verfahren konkurrieren, die behaupten, ökonomischer zu sein, d.h., in weniger Zeit ebensoviel zu erreichen. Suggestive und übende Verfahren, die schnelleren Erfolg versprechen, werden von Konkurrenten der Psychoanalyse der Öffentlichkeit und den kostenbewussten Gesundheitspolitikern als wissenschaftlich dokumentierter Fortschritt angedient.

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