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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Wer an der Entwicklung der Psychotherapie interessiert ist, wird solche Streitigkeiten bedauern. Es wäre eine immense Verschwendung von Wissen, die psychoanalytische Forschung auszugrenzen, weil sie sich nicht in einen Doppelblindversuch zwängen lässt wie ein Medikament. Umgekehrt müssen sich die Analytiker damit abfinden, dass die Langzeitanalyse weder theoretisch noch praktisch der beste Weg ist, alle psychischen Störungen zu bekämpfen.

Freud als Kulturkritiker

Einen Ort, wo die Psychoanalyse nicht nur nicht veraltet ist, sondern immer noch darauf wartet, entdeckt und ernst genommen zu werden, finden wir in ihrem Beitrag zur Kulturkritik. Wo die Analytiker sich auf Freud besinnen, kommen sie nicht daran vorbei, dass es ihre wichtigste Aufgabe ist, sich kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen.
Die Psychoanalyse ist keine reine Wissenschaft, sondern eine praktische, die in der Leben derer eindringt, die sie betreiben. Sie ist ein merkwürdiges Ding zwischen Poesie und Wissenschaft, praktischer Philosophie und psychologischer Forschung. Sie ist anders als andere Wissenschaften, was viele Kritiker dazu führt, sie zu misshandeln.
Tatsächlich beruhen analytische Einsichten auf einer sehr persönlichen und damit schmalen Erfahrungsbasis, die grandiose Entwürfe stützt. Aber wenn wir uns darauf einlassen, die menschliche Subjektivität zu erforschen, ist nicht mehr eine breite Basis, sondern eher eine möglichst nach allen Seiten offene und zugleich in die Tiefe gehende Methode von Nöten.
Hier ist die Psychoanalyse unersetzlich, weil sie eine Haltung entwickelt hat, sich auf eine Person einzulassen und in ihre Geschichte, ihre Wünsche, ihre Gedanken, ihre Dynamik, ihr Selbstgefühl, ihre Hoffnungen und Ängste tiefer, geduldiger, weiter einzudringen, als es sonst üblich ist. Nur Künstler, Romanautoren oder Filmemacher erreichen Vergleichbares, allerdings ohne das der Psychoanalyse innewohnende, oft auch scheiternde Streben, das subjektiv Gefundene, Erfundene zu objektivieren, es mit naturwissenschaftlichen Qualitäten wie der Triebnatur und der menschlichen Evolution zu verknüpfen.
Wesentliche Qualitäten gewinnt die Psychoanalyse durch die Verbindung von Forschen und Heilen. Indem der psychologische Experte alles, was er an Einsicht in die Psyche seines Dialogpartner gewonnen hat, diesem möglichst gründlich und umfassend vermittelt, macht er ihn zum Komplizen in einem gemeinsamen Unternehmen, welches das Wissen beider vertieft und die sonst unweigerlich auftretenden Ermüdungserscheinungen bekämpft. Ohne diese praktische Aufgabe, die beiden Beteiligten immer wieder Glücksmomente vermittelt und Lösungen beschert, würde die Analyse an der Oberfläche bleiben.

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