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Der Beichtspiegel

Teil 1. Lebensregeln, die nicht gelebt werden können?

Von allen Versuchen, die Wärme und Vielfalt des menschlichen Lebens mit klaren, kalten Vorschriften bis ins Intime hinein zu regeln, hat die katholische Sexualmoral wohl die längste Tradition und die mächtigste Organisation hinter sich. Aber wie das angesichts solcher aufgeblähten Tyrannei zu geschehen pflegt: Geheime Gänge durchziehen den Untergrund, wie es sie im Mittelalter schon zwischen Mönchs- und Nonnenklöstern gegeben haben soll; das Priestergewand wird zu Camouflage, Heuchelei ist alltäglich.

Meine eigene Laufbahn in der katholischen Kirche begann mit der Taufe und erreichte ihren Höhepunkt im Amt des linken Ministranten (der rechte war mein zwei Jahre älterer Bruder) vor der Pubertät. Bis dahin ging ich beichten, fürchtete die Hölle, empfing die Sakramente. Anfangs verstand ich den Beichtspiegel in meinem Gebetbuch nicht ganz, in dem als Anleitung zur Gewissenserforschung alle erdenklichen Sünden aufgezeichnet waren. Die Messe versäumen, naschen, lügen, solche Sünden waren fassbar. Aber was waren unkeusche Gedanken? Handlungen?

Allmählich wurde die Sache klarer; ich beichtete beispielsweise, dass ich das Plakat des Filmes „Die Sünderin“ betrachtet hatte, auf dem eine verführerische Hildegard Knef angedeutet war. Das war 1951, ich war zehn Jahre alt. Vier Jahre später hörte ich auf zu beichten. Während des Psychologiestudiums wurde ich aufgeklärt, dass um diese Zeit die menschliche Intelligenz ausgereift ist (in manchen Tests erreicht keine andere Altersgruppe so gute Ergebnisse). Ich glaubte nicht mehr an die Hölle, ich wusste dass es viele Religionen gibt, nach einem Umzug war es auch mit dem ministrieren vorbei.

Ich hatte Glück. In dem Identifizierungsangebot meiner Mutter überwog das Ideal der Rationalität. Ich war ermutigt worden, meinen Verstand zu gebrauchen, ich gewann sicheren Abstand zu den Ängsten vor ewiger Verdammnis, die meinen Kinderglauben so viel stärker geprägt haben als das Bild eines liebenden Gottes. Von meiner damaligen Hybris, wer in der Kirche bleibe, könne nicht denken, ist nichts geblieben, ich habe zu viele kluge und warmherzig Gläubige kennen gelernt, auch wenn ich nicht zu ihnen gehöre. Vermutlich hilft ihnen eben dieses Bild des liebenden Gottes, mit ihrer Fleischeslust angemessen umzugehen und die papierenen Regeln der Kirche zu ignorieren.

Als Psychoanalytiker und als Dozent in der Ausbildung katholischer Eheberater habe ich später viele Blicke hinter die Kulissen und in die unterirdischen Gänge werfen können, in denen manchmal auch das gedeiht, was ekklesiogene Neurose genannt wird – psychische Störungen, die durch das Scheitern einer Integration eigener Bedürfnisse in das Korsett der kirchlichen Moral (mit)bedingt sind.

Die Erfahrung lehrt, dass die Moralpredigt alleine ganz und gar nicht die erwünschten inhaltlichen Folgen hat. Wer in einer katholischen Klosterschule erzogen wurde, bleibt manchmal prüde – und ebenso oft ganz und gar nicht. Ein Patient, früher Kaplan, verliebt sich in die Leiterin einer Jugendgruppe. Sie beginnen ein sexuelles Verhältnis. Er geht zu seinem Bischof und schildert ihm die Situation. Die Auskunft: Solange es nicht öffentlich wird, die beiden nicht heiraten, kann er Priester bleiben. Er ist nicht einverstanden, will heiraten, muss einen neuen Beruf lernen.

Es gibt Subkulturen in der katholischen Kirche, etwa im Bereich der Klinikseelsorge, in denen sich ein Teilnehmer in einer Selbsterfahrungsgruppe so vorstellt: Ich bin katholischer Priester und ich habe eine Freundin. Unter den Eheberaterinnen, die an kirchlichen Beratungsstellen tätig sind, hat sich großenteils die psychologische Einsicht durchgesetzt, dass gelebte, lustvolle Sexualität ein wichtiges Element jeder liebevollen Bindung ist, ganz und gar keine Sünde.

Aber was geschieht mit einer Psyche, die es sich zu Aufgabe macht, die Regeln der katholischen Sexualmoral ganz und gar zu verwirklichen? Sex ist nur innerhalb einer heteronormativen Ehe erlaubt, es soll ausschließlich um Zeugung von Nachwuchs gehen, Selbstbefriedigung ist Unzucht, es darf nur eine sexuelle Verbindung pro Menschenleben geben.

Nach einer vorsichtigen Schätzung sind in dieser Sicht 99 Prozent aller sexuellen Handlungen unkeusch und unzüchtig; wer sie nicht rechtzeitig beichtet, kommt nicht ins Himmelreich. Wer glaubt denn so was? Das kirchliche Lehramt in seiner langen und stets gleichbleibenden Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen haben niemals gezögert, die Selbstbefriedigung als eine in sich schwere ordnungswidrige Handlung und Verstoß gegen die Keuschheit, zu brandmarken. So steht es in der Kathpedia, die – mittelalterlich im Denken, modern in der Form – im Internet zugänglich ist. Realitätsferner kann im Grunde die autoerotische Entdeckung des eigenen Körpers als wichtige Vorstufe einer gelingenden, erwachsenen Sexualität nicht aufgefasst werden. Mit Händen und Füßen stimmt das Kirchenvolk längst gegen seine Oberen, während diese nicht in der Lage sind, der Realität ihren Platz zu geben.

Man könnte die begrenzte Lebbarkeit katholischer Vorstellungen zur Sexualität, die im Zölibat für die Priester kulminieren, mit einem psychoanalytischen Gedanken rechtfertigen: durch strikte Verbote werden Anreize geschaffen, primitive sexuelle Bedürfnisse in kulturell höher stehende Aktivitäten zu „sublimieren“. Als Gewährsmann lässt sich hier Sigmund Freud nennen, freilich nur so lange, wie man ihn nicht gelesen hat.

Freuds Aussagen bekräftigen, dass erzwungene sexuelle Abstinenz nicht kulturell wertvolle Kreativität fördert, sondern die Psyche schwächt. Nun ist der Zölibat formell freiwillig – aber wie „freiwillig“ sind die Entscheidungen mutterabhängiger Söhne katholischer Familien? Wenn die Reifungsanreize einer sexuellen Begegnung zweier Erwachsener fehlen, braucht es eine starke, gefestigte Persönlichkeit, um dieses Defizit zu ertragen. Wo diese fehlt, wächst die Gefahr, dass die ihrer Spiegelung in einem Gegenüber beraubte Erotik nach Abhängigen, vor allem nach Kindern greift.

Die von Freud beschriebene allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens ist der zweite Schatten, den die katholische Sexualmoral produziert. Sie vergiftet die Natur, treibt einen Keil zwischen zärtliche Empathie und phallische Eroberung. In seinen Analysen stellte Freud fest, dass viele Männer ihr Frauenbild spalten; es gibt die hochstehende, sexuell wenig reizvolle Madonna und die verachtete Hure, der gegenüber die sexuelle Potenz aufblüht.
Diese Spaltung prägt bis in die Gegenwart das erotische Erleben. Zärtliche, liebe- und respektvolle Gefühle für einen Partner verbinden sich nach den leibfeindlichen Erfahrungen einer „christlichen“ Erziehung nicht mit erotischer Hingabe. Sex wird als Störer ehelicher Harmonie erlebt, nicht als die Paarbindung stiftende und erhaltende Kraft. Die im Internet allgegenwärtige Pornographie praktiziert die Erniedrigung des Liebeslebens massenhaft; die Entwertung der Frau steckt in den Bildern, braucht keine Worte mehr.

Friedrich Nietzsche hat es in der „Morgenröte“ beschrieben: Böse denken heisst böse machen. – Die Leidenschaften werden böse und tückisch, wenn sie böse und tückisch betrachtet werden. So ist es dem Christenthum gelungen, aus Eros und Aphrodite – grossen idealfähigen Mächten – höllische Kobolde und Truggeister zu schaffen, durch die Martern, welche es in dem Gewissen der Gläubigen bei allen geschlechtlichen Erregungen entstehen liess. Ist es nicht schrecklich, nothwendige und regelmässige Empfindungen zu einer Quelle des inneren Elends zu machen und dergestalt das innere Elend bei jedem Menschen nothwendig und regelmässig machen zu wollen!
Nun ist die katholische Kirche in punkto Sexualität nicht nur besonders rigide. Sie hat auch ein besonders hohes Maß an Toleranz für die Unerfüllbarkeit der eigenen Ansprüche entwickelt. Viele Gläubige bleiben in der Kirche, obwohl sie nach konsequenter Auslegung ihres Sexualverhaltens im Zustand schwerer Sünde leben. Ist es das Vertrauen in einen gnädigen Gott oder die Möglichkeit, sich selbst mühelos in den Stand der Unschuld zurückzuversetzen, wie es der von Roger Peyrefitte beschriebene junge Priester in Rom praktiziert, der nach jedem Besuch bei seiner Geliebten sogleich einen Beichtvater aufsucht und sich die Absolution besorgt?

Fast alle Kulturen kennen und fördern die Bindung zwischen Mann und Frau als geschützten Raum, in dem Kinder heranwachsen. Nur die katholische Sittenlehre verkennt die Macht der Sexualität in dieser Bindung und sucht sie kalt zu versachlichen. Wo sie nicht dazu dient, neue Gläubige zu zeugen, sollte sie besser nicht stattfinden.
Das Projekt, die Sexualität zu unterdrücken, muss scheitern. Verdrängtes kann sich dann nicht im Kontakt mit der Realität und in einer liebevollen Bindung an ein Gegenüber entfalten. Der Einsiedler kasteit sich in der Wüste und wird von Projektionen nackter Frauen verfolgt, die nicht vom Teufel kommen, sondern aus seiner eigenen, malträtierten Psyche.

Seine Sexualität konfrontiert den Menschen mit Abhängigkeit und Schwäche – und schenkt ihm die Möglichkeit, diese in einer liebevollen Partnerschaft zu gestalten. Wer auf diese Möglichkeit verzichtet, lebt sehr riskant. Er kann in einem heroischen Kampf die Versuchungen niederzwingen, die in Träumen und Visionen Wirklichkeit werden wollen. Wenn das jedoch scheitert, gewinnt eine unreife, impulsive, nicht durch Einfühlung gemäßigte Triebhaftigkeit die Oberhand.

Viele Beobachter der römischen Beratungen über den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Kirche haben ein entschlossenes Einschreiten des Papstes gefordert. Wenn am Ende alle so entschieden wie unbestimmt gegen Missbrauch sind, hat das alte Weltbild gesiegt. Wenn der Papst aber klare Regeln verkündet, wie die Kirche künftig mit Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten will, wie sie Betroffenen helfen und sie angemessen entschädigen will, wenn sie klarstellt, dass ein Täter kein Priester mehr sein kann und ein Vertuscher kein Bischof, dann sind das auch Schritte hin zu einem neuen Kirchenverständnis. So Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung.

Die Forderung nach harten Strafen und Berufsverboten allein trägt etwas von dem Geist in sich, dem sie sich entgegenstellt. Die Kirche sollte Missbrauch weder dulden noch vertuschen, sie sollte alles Angemessene für die Opfer tun, das ist selbstverständlich. Aber die Täter nur verdammen und ihnen weder weiterhelfen noch die Ursachen der Misere erforschen? Ebenso wichtig wie der Umgang mit dem, was da so schief gelaufen ist, scheint mir das Nachdenken über die Prophylaxe: endlich mit lebensfremden, unsinnigen Verboten aufzuräumen, der Selbstbefriedigung die Selbstverständlichkeit zurückzugeben, die ihr gebührt, das Priesteramt für Frauen zu öffnen, Zölibat als freie Wahl, nicht als lastender Zwang, Gottes Segen für den zweiten oder dritten Liebesbund so gut wie für den ersten zu spenden.

Teil 2

Diesen Text habe ich mitten in der Arbeit an „Bücher und Frauen“ für den Teil Christ und Welt der ZEIT geschrieben, auf Anfrage der Redaktion und nicht ohne Rück-Erinnern und Gedanken über das Gesagte und das Beschwiegene. Dieses Beschwiegene war die Tatsache, dass es „natürlich“ auch die eigene Selbstbefriedigung war, welche mich aus den Sakramenten und in der Folge auch aus dem Kinder-Kirchenglauben katapultierte. Die Scham, in der Beichte darüber zu sprechen, war sehr nahe und sehr mächtig; der Gedanke an die ewige Verdammnis, das Höllenfeuer, die Todsünde blieb ein Schatten der Unterwelt, dem ich täglich weniger Blut zu trinken gab, bis er ganz verblasste und ich mit dem Triumph zurückblieb, ohne den Glaubenstrost gerade so gut leben zu können.
Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich aus der Kirche austreten. Meine Mutter sprach dagegen, vielleicht sei es für die Karriere eines Psychologen günstig, Mitglied zu bleiben. Sie hatte nicht ganz Unrecht; der Mann, der später die Professur für klinische Psychologie in München bekam, war ein strammer Katholik und Verhaltenstherapeut. Aber ich hatte den Journalismus entdeckt und verdiente damit gutes Geld. Außerdem wollte ich Psychoanalytiker sein und hatte Freuds Aufsatz „Die Zukunft einer Illusion“ verschlungen. Als das Kirchensteueramt in Augsburg seinen Teil abhaben wollte, hielt mich nichts mehr. Ich trat aus, das kostete zehn Mark und einen Gang in das Rathaus in Feldafing.

Das mit dem Primat der Vernunft in der Identifizierung mit meiner Mutter stimmt und stimmt auch wieder nicht. Generationen einer prüden Haltung lösen sich nicht im Vernunftbad auf wie Salz in der Suppe. Ich konnte mich von den Katechismus-Deutungen biblischer Texte und dem Sündenregister des Beichtspiegels lossagen, da setzte ich Gedanken gegen Gedanken. Aber mit meinen von aller Sündhaftigkeit befreiten Gedanken über nackte Körper und Sex blieb ich doch am Rand eines Abgrunds stehen, der mich davon trennte, über diese Gedanken zu sprechen. Vor allem auch über das, was sie in meinem Körper taten, was sie weckten und was in den ersten Jahren meiner halben Befreiung in heimliche Selbstbefriedigung mündete.

Was Nietzsche über die Vergiftung sagt, sprang mich an, sobald es körperlich wurde und ich das sichere Reich der Gedanken in Wort und Schrift verließ. Es hat lange gedauert bis ich entkam, und ohne die Unterstützung der Frauen wäre es nicht gelungen, eine in Generationen eingefleischte Prüderie zu überwinden. Vielleicht hat im Körperbewusstsein der Vater viel mehr gefehlt als in meinen Gefühlen und Gedanken, die darauf hinausliefen, dass ein Rivale um die Aufmerksamkeit der Mutter, ein Erwachsener voller Einwände in kindliche Freuden mir nicht wirklich fehlte. In den Jahren nach 1945 waren die Gefallenen keine Kleinigkeit, aber auch nichts, worüber man Aufhebens machte, leere Stellen in Formularen, in Zimmern und Betten.

Wenn die Verteufelungen der Kirche falsch waren und die Gedanken völlig in Ordnung, sich Lust auf allen erdenklichen Wegen zu verschaffen, so ergeb das noch keine Sicherheit, den Weg zu verlassen, der bei meiner Mutter ebenso gangbar wie in diesem Punkt uninteressant war, hinein ins Körperliche. Wie ging das?

Der Abgrund zwischen meiner Wissbegierde und den vorhandenen Möglichkeiten, in Büchern Antworten zu finden (denn Erwachsene zu fragen, hätte die Scham ins Unerträgliche gesteigert) war nicht zu überbrücken. Ich habe aus dieser Zeit einen tiefen Hass gegen einen Autor mit Namen Leist behalten, in dessen Buch mit dem Titel „Liebe und Geschlecht“ ich Antworten zu finden hoffte und rein gar nichts Hilfreiches zu meiner Frage nach dem fand, was kalt als Geschlechtsverkehr begriffen wird.

Ein einziges der verachteten Porno-Videos, die heute tausendfach im Internet kursieren, hätte ich inniger begrüßt als den heiligen Geist. Aber im Jahr 1954 in Passau steckte ich mit solchen Wünschen in einer Sackgasse. Salbungsvolles Gerede gab es im Überfluss, auch auf den Exerzitien, an denen ich teilnahm. Aber wie macht man das mit einer Frau? Aus dem frommen Nebel, der die Sexualität zur Unkeuschheit verwandelt und mit einer dicken Schicht Lügengewebe (Freud) verhüllt, war ich zur brennenden Neugier vorgedrungen – und kam partout nicht weiter. Aus der Rückschau kann ich kaum verstehen, weshalb ich einfach zu dem so nahe liegenden Gedanken nicht fand, dass Sexualität mit Reibung zu tun hat – angefangen mit der Entdeckung des Orgasmus unter dem Strahl der Dusche über die Fortführung dieser Entdeckung zum Rubbeln der Vorhaut gegen die Eichel mit ebenfalls höchst befriedigenden Ergebnissen. Aber meine Vorstellungen über den Kontakt zwischen Penis und Scheide entwickelten sich nicht, sie zerbrachen, wie Bilder auf einem Bildschirm in Pixel zerfallen. Ich dachte nicht weiter und war überzeugt, nicht zu wissen, was da zu tun sei.

Die Menschheit hat nicht auf die Pornographie gewartet, um ihren unreifen Sprösslingen die Geheimnisse der Erotik nahe zu bringen. Auf griechischen Vasen ist die Sache viel unbekümmerter als in der Kirchenmalerei; vor allem aber braucht es zivilisiertes Wohnen mit Mauern und verschließbaren Türen, um neugierige Kinder so von den Tatsachen fern zu halten wie es in meiner Kindheit der Fall war: Viele Bücher, aber kein Sex weit und breit, die Großeltern in ihren Schlafzimmern, die Mutter stets allein in ihrem Bett.

Später habe ich bei Margret Mead gelesen, dass die Sexualaufklärung in primitiven Gesellschaft auf Beobachtung beruht. Erwachsene Liebespaare ziehen sich in die Büsche zurück und die Sanktionen, sie beim Sexualakt zu beobachten, sind ähnlich schwach wie heute die Schranken, mit denen Pornographie von Schulkindern ferngehalten werden soll.

Ich aber wuchs in einer Epoche auf, in der weder das eine noch das andere zu haben war. Boccaccio hat eine vergleichbare Tugend der Unwissenheit einer Jungfrau zugeschrieben, die sich im Wald verirrt und bei einem Einsiedler unterkommt. Beide baden in der Quelle und die Jungfrau fragt den Einsiedler, was denn bei ihm da unten hervorsteche, das sie nicht habe. „Das ist der Teufel“, sagt der Einsiedler, „und du trägst zwischen deinen Beinen die Hölle. Und damit der Teufel Ruhe gibt, muss ich ihn in die Hölle schicken, wenn er sich erhebt!“ Die Jungfrau ließ sich davon überzeugen und gewann sogar Geschmack an dieser Übung. Woher der Einsiedler seine Kenntnis hatte, muss Boccaccio seinen Lesern nicht erklären.

Vom Helden zum Bösewicht in zwanzig Zeilen

Unter anderem Titel erschienen in der „Welt am Sonntag“ am 15.9.2019

„Die Zukunft war früher auch besser“ hat Karl Valentin gesagt; der Satz beleuchtet auch das Schicksal der romantischen Liebe. Zu ihrem Wesen gehört ja eine Zukunft wie der Start einer Rakete in eine Flugbahn, so hoch, dass die Schwerkraft der Erde die beschleunigte Kapsel nicht mehr einfangen wird. Dem gesunden Menschenverstand ist das fremd, und er behält meistens Recht. Das Feuerwerk verpufft, eine ausgebrannte Hülle landet, von Absturz und Aufprall mehr oder weniger beschädigt. Romeo und Julia sind ein unsterbliches Symbol geworden, weil sie diesen Absturz nicht erlebt haben und so nach einer einzigen Liebesnacht wie ein Komet ihre Bahn ziehen.

Im 21. Jahrhundert ist es schon fast ein Klischee, dass ein Star unter den Verdacht gerät, er haben seine Macht missbraucht. Der Star erinnert sich an eine romantische Ekstase, an die Illusion via Erotik von seiner Größe etwas abzugeben, Anbetung zu erhören. Wieso hätte er sich in einer erotisch befreiten Gesellschaft angesichts einer Frau zurückhalten sollen, die ihn anschwärmte? Die Frau erinnert sich, widerstrebt zu haben, aber überwältigt worden zu sein; schockiert und verängstigt angesichts des Übermächtigen sei sie nicht in der Lage gewesen, den Übergriff sogleich zu dokumentieren und anzuzeigen.

Alle Romantik ist abhanden gekommen, wenn solche Ereignisse zurück in die Öffentlichkeit kommen – was aber nicht besagt, dass sie niemals vorhanden war. In der medialen und (seltenen) juristischen Aufarbeitung des Geschehens ist von dem ursprünglichen Gemisch aus Idealisierung, Verschmelzung, halb gezogen, halb gesunken nicht mehr die Rede. Es geht um kalte Prinzipien: Ist etwas geschehen? Lässt es sich beweisen? Das Modell der juristischen Aufklärung, an dem sich die Medien orientieren, ist die Interaktion von Handelspartnern. Gab es einen Vertrag? Wie sah er aus? Gibt es Dokumente? Andere Beweise?

Während in der Geschichte zum Sexualakt hin Verschmelzung und Illusion vielleicht ihren Raum hatten, wird in der Erzählung einer desillusionierten Gegenwart zum Sexualakt zurück dieses „vielleicht“ gänzlich ausgeschlossen, von Anklage wie von Verteidigung in kalter Gemeinsamkeit. Es ist, als hätten die Beteiligten das Fernrohr umgekehrt: waren zuerst die Gefühle groß und die Bedenken schwach, überwiegt jetzt die Kränkung durch ein kaltes Urteil. Beide Seiten haben verdrängt, was jemals an romantischer Illusion, an Verschmelzung und Teilhabe in einer erotischen Szene hätte gewesen sein können. Es ist sehr kalt geworden zwischen dem Opfer einer Gewalttat und dem Opfer einer rufschädigenden Anklage.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP erhoben im Sommer 2019 Frauen Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den mittlerweile 78jährigen Sänger und Dirigenten Placido Domingo. Dieser weist die Vorwürfe zurück als Anschuldigungen ungenannter Personen, die bis zu dreißig Jahre zurückliegen. Er sei überzeugt gewesen, „dass all meine Handlungen und Beziehungen immer gewünscht und einvernehmlich waren.“ Es fallen Worte wie „unethisch“ und „Kampagne“.

Der Verdacht wird bleiben und – verdient oder unverdient – den Lebensabend des Sängers belasten. Nichts ist bewiesen, aber sobald die ersten Anklägerinnen öffentliche Aufmerksamkeit gewannen, meldeten sich auch weitere zu Wort, prominente Fürsprecherinnen, die Domingo verteidigten, ebenso wie Frauen, die ihn übergriffig erlebt hatten. Ein Musikkritiker sagt dazu: Alle, die mit Domingo zu tun haben – Intendanten, Orchester, Opernhäuser, Publikum – müssen Haltung beziehen: Ob sie Domingo glauben oder den Frauen, ob ihnen die Kunst wichtiger ist oder die Moral.

Das Publikum der Festspiele in Salzburg hat Domingo im August geradezu ostentativ bejubelt. Er wird dort weiter auftreten. Das Philadelphia Orchestra und die Oper in San Francisco sagten dagegen Domingo-Auftritte ab.  Domingo arbeitet inzwischen auch als Dirigent und Intendant; er leitet seit 2003 die Oper von Los Angeles. Dort wurden eigene Ermittlungen angekündigt. Andere Opernhäuser wollen jetzt erst einmal abwarten, was sich in Kalifornien klären lässt.

In der Stellungnahme des Kritikers zeigt sich die gegenwärtige Begriffsverwirrung. Die Paare Kunst/Moral – Domingo/Frauen können nur ein schiefes Bild liefern. Kunst und Moral sind keine Alternative, die zu einer Entscheidung zwingt. Sie bewegen sich in verschiedenen Sphären; die Mona Lisa bleibt ein Kunstwerk, gleichgültig ob Leonardo da Vinci pädophil war oder nicht. Ob eine Anklage zutrifft oder üble Nachrede ist, sollte ein Gericht entscheiden. Gerichte entscheiden langsam, während die Medien schnell dabei sind, eine Meldung zu bringen. Wer das Motiv vom Versagen eines Idols aufgreift, kann sich der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein.

Die menschliche Erinnerung ist ein fragiles, extrem subjektives Ding, das sich selbst felsenfest für objektiv hält. Unsere kleinen grauen Zellen sind keine Tontafeln, in denen das Eingegrabene hart gebrannt für Jahrzehnte identisch bleibt. Es sind Geschichtenerzähler, die von Tag zu Tag die Vergangenheit mit der Gegenwart so abstimmen, dass ihr herrschendes Prinzip, das große Ich, am besten dasteht.

Der verführerische Held ist Stoff für die große Oper. Zuschauer und wohl auch Zuschauerinnen genießen die heimliche Freude von Textdichter und Komponist, dass es doch geraume Zeit dauert, bis der Wüstling die gerechte Strafe bekommt. Dem Don Giovanni der Moderne droht nicht die Hölle im Jenseits, sondern ein Rachechor von Frauen, denen er zu nahe getreten ist. Die Einzelne war zu schwach, sich angemessen zu wehren, aber vereint können sie ihn besiegen. Sie werden ihn in Stücke reißen, wie die Mainaden den König, der ihnen Einhalt gebieten wollte. Aber es ist nicht der Kult des Dionysos, der hier eingeführt werden soll, sondern der Glaube an eine von Illusion und Verschmelzung befreite, von rationalen Individuen gestaltete Sexualität.

Das scheint die wirkliche Neuerung in der Mediengesellschaft: Es darf niemand groß bleiben; die Schwächen der Mächtigen überwältigen den Respekt vor ihnen. Schon lange ist der Titel „der Große“ nicht mehr verliehen worden. Der letzte war König Friedrich von Preußen, wie seine Vorgänger, der Makedonierkönig Alexander und der Frankenkönig Karl ein verehrter Herrscher, groß gewiss auch im angerichteten Leid für sein Volk und dessen Nachbarn. Heute gibt es nur noch unzählige, selbsternannte „Größte“, die in vielen Farben schillern und platzen wie Seifenblasen.
Jemanden dauerhaft gut zu finden, über Berg und Tal an ihm festzuhalten, das passt nicht zu einem Zeitgeist, in dem der größte Feind des eben noch besten Smartphones aller Zeiten sein Nachfolgemodell ist. So gewöhnen wir uns an die Flüchtigkeit des Bewunderten; aus Stars werden Schnuppen.

Und wie wird es weiter gehen? Von Nachhaltigkeit wird zwar viel geredet, aber mit ernsthaften Schritten in diese Richtung tun wir uns schwer. Eine nicht sonderlich erfreuliche Konsequenz der gehäuften Abstürze von Stars sind völlig unempfindlich wirkende Selbstbewunderer, die sich mit einer kritikfesten Mauer an Selbstbeweihräucherung umgeben. Ich vermute, dass erst in einer Gesellschaft, die wirklich ins Handeln gekommen ist und nicht mehr nur nachdenkt über ihren falschen Umgang mit allem, was ihr anvertraut ist, der Verschleiß an den Gütern der Natur ebenso wie der an menschlicher Würde langsamer wird. Der Star, der seinen Glanz missbraucht, ist ebenso ein Auslaufmodell wie die Frau, die sich mehr gefallen lässt als ihr gefällt und erst in der Opferschar die erlittene Kränkung zurückzahlt.

Zum Thema passt „Helikoptermoral„, erschienen 2017 im Kursbuch-Verlag in Hamburg.

Tapirkind und Sonnensohn (eBook)

Alles war fertig geplant. Palumbo Impresas, die Großfirma mit den besten Beziehungen zur Regierung, sollte die Straße bauen, um die Erzlager im Kä-Gebirge zu erschließen. Niemand störte es, dass damit das Stammesgebiet der Yaqui-Indianer verletzt wurde. Schließlich hatte ein bestochener Häuptling sogar das Land für den Bau abgetreten, weil er sich Vorteile für sich und seine Freunde versprach. Doch dann kommt alles anders. Ein alter Mann will lieber sterben, als es zu dulden, dass der große Baum gefällt wird, in dem die Seelen der Kinder des Tapir auf ihre Wiedergeburt warten. Er findet Verbündete, mit denen weder er selbst noch seine Gegner gerechnet haben. Und obwohl die Straßenbauer mit List und Brutalität kämpfen, scheinen sich ihre eigenen Waffen gegen sie zu wenden. Die Gegner der Straße tragen die Auseinandersetzung zurück in die kalte und bedrohliche Welt der großen Stadt.
Die Gegensätze zwischen der viele Generationen im Gleichgewicht mit der Natur lebenden Gesellschaft der Yaqui und der drohenden Industrialisierung sind in einer packenden Handlung dargestellt. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Gestalten: der „moderne“ Indianer Antonio und der alte Medizinmann Talayesa, der Intellektuelle Sebastian und der geheimnisvolle Manuel, der Ingenieur Mendez und das Mädchen Rosita. Wird die neue Straße Fortschritt oder Verwüstung bringen? Lässt sich der Gegensatz zwischen den Bedürfnissen der Zivilisation und der Naturnähe einer Jägerkultur überbrücken?

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Das schwarze Gesicht (ebook)


Das schwarze Gesicht ist ein Roman über den letzten Eroberungskrieg in Afrika, den Mussolini gegen Äthiopien führte und verlor. Facetta nera, das schwarze Gesicht war das Lied der faschistischen Kämpfer, die sich nicht davor scheuten, das sonst überall tabuisierte Giftgas einzusetzen, um den Widerstand der Äthiopier zu brechen. Der Ingenieur Curci hat sich im Gaskrieg schuldig gemacht und sucht Erlösung in der Beziehung zu einer Amhara, seiner ehemaligen Sprachlehrerin. Die Verletzungen auf beiden Seiten scheinen zuerst der Liebe zu weichen, aber damit ist das Schicksal von Ugo und Paita noch nicht entschieden.

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Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus


Die Geschichte unserer persönlichen Entwicklung lässt sich immer auch als Kränkungsgeschichte schreiben. Je komplexer die Kultur wird, desto mehr Kränkungen müssen wir verarbeiten. Der Einsicht in dieses Geschehen steht die Verdrängung und Verleugnung menschlicher Kränkbarkeit im Weg, die in den Psychotherapien der Gegenwart eine ähnlich einflussreiche Rolle spielt wie die Verdrängung und Verleugnung sexueller Wünsche im ausgehenden 19. Jahrhundert, als Freud die Psychoanalyse begründete. Schmidbauer geht in seinem neuen Buch den unterirdischen Wegen des Kränkungsgeschehens nach und untersucht, weshalb manche Menschen Kränkungen so viel besser verarbeiten können als andere. Er beschreibt die Entwicklung des gesunden und des traumatisch überlasteten Narzissmus, deren Folgen zwischenmenschliche Konflikte ebenso prägen wie das Geschehen in einer Psychotherapie.

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Auf dem Holzweg

Dieser Text erschien leicht verändert in der Rubrik „Zur Seele: Erkundungen mit Schmidbauer“ im Neuen Deutschland, 2./3. Juni 2018

In Norwegen gehören mit Schindeln verkleidete Kirchen aus Holz zu den Sehenswürdigkeiten. Manche stehen seit dem Mittelalter am selben Platz. So hat es den Zeitungsleser doch verwundert, über die 1971 eingeweihte Kirche in Breitbrunn am Ammersee zu erfahren, dass ihr von Holzbalken getragenes Dach einsturzgefährdet ist. Die Kirche wurde gesperrt, vielleicht wird sie abgerissen, eine Sanierung wäre sehr teuer. Schuld an der Misere ist der Leim, und der Geist der Konsumgesellschaft war hier wieder einmal mächtiger als der heilige Geist, dem die Kirche geweiht ist.
Es ist so ein verflucht praktischer Gedanke, nicht mehr aus dem natürlich gewachsenen Langholz zu zimmern, sondern maschinell aus kurzen Stücken mit Hilfe von Säge-, Fräse- und Hobel-Maschinerie eindrucksvoll mächtig wirkende Balken herbeizuzaubern, die nur dem genauen Blick verraten, dass sie aus kürzeren Stücken zusammengepappt sind. Früher gingen die Zimmerleute in den Wald und schugen selbst das Holz, das sie für die damals in vielen Regionen vorherrschenden Fachwerkhäuser brauchten. Lange Zeit versorgten Flößer und Eisenbahnen die Holzhändler und Säger. Holz ist ein wunderabrer Baustoff, es hält bei guter Pflege viele Jahrhunderte.
Heute jedoch kommt viel Bauholz nicht mehr aus dem Wald oder vom Lagerplatz des Holzhändlers, sondern aus der Fabrik. Kurze Stücke, die sich von den “Holzvollerntern” ohne menschliche Arbeitskraft aus dem Wald holen und einfach auf dem LKW transportieren lassen, werden geleimt, zugerichtet, gewiss auch mit einer Garantie versehen, dass sie statisch genauso gut sind wie das so umständlich in hohen Bäumen heranwachsende Holz aus den Wäldern. Der Bauingenieur findet das praktisch, der Bauherr versteht nichts von der Sache, die Baubehörde ist auf der Seite der Ingenieure und Fabriken, alle glauben an den Fortschritt, bis – wie 2006 in Bad Reichenhall geschehen – eine Eissporthalle einstürzt und 15 Menschen unter den Trümmern ums Leben kommen.
In Breitbrunn sind die Träger der Dachkonstrution mit einem ähnlichen Leim verklebt. Inzwischen ist klar geworden, dass ein Dach, das sich bald durch Sonnenstrahlen aufheizt, bald dem Kondenswasser ausgesetzt ist, dem verwendeten Holzleim im Lauf der Zeit seine Klebekraft raubt. In Bad Reichenhall wurde nach dem Unglücksfall über viele Jahre hin prozessiert; am Ende gab es eine Bewährungsstrafe für einen identifizierten Sündenbock.
In den Berichten steht dann nur zu lesen, es sei der falsche Leim gewesen, nicht ein Holzweg in der Holzwirtschaft.

Die Geschichte über das Leimholz ist ein Lehrstück über die Bereitschaft, die Gefahren industrieller Neuerungen nicht den Profiteuren, sondern den Nutzern aufzubürden. Wer dem Versprechen vertraute, dass er vergleichbare Qualität billiger haben kann, als sie das traditionelle Handwerk liefert, muss umständlich nachweisen, dass es nicht seine Schuld ist, wenn etwas schiefgeht. Selbst wenn ihm das gelingt, wird nicht der Produzent in die Haftung genommen und das Handwerk wieder in seine Rechte eingesetzt. Alle reden von dem falschen Leim und dem Versagen einer ordentlichen Leimkontrolle an den exponierten Stellen der Holzdächer, keiner davon, dass mit gewachsenem Holz und ordentlicher Handwerksarbeit ein solches Unglück nicht nur nicht passieren kann, sondern auch die Nutzer der Gebäude von den Ausdünstungen der Chemie verschont bleiben.
Denn das ist der zweite Skandal hinter dem ersten: die Holzindustrie arbeitet überall mit Leimen, Lösungsmitteln, Fungiziden und Pestiziden, welche die Nutzer bis heute belasten. Eine funktionierende Holzverwertung, die Umwelt und Gesundheit gleichermaßen schonte, ist ohne Bedenken, ohne Einwände durch Kontrollgremien durch eine ebenso unzuverlässige wie latent toxische Industrie ersetzt worden.
Können wir aus solchen Entwicklungen lernen? Was ist heute der Leim, der verspricht, uns eine bessere Welt zu kleben und sich dann auföst, bis uns die Decke auf den Kopf fällt? Sind es die sozialen Medien, die mit ihren likes gute Politik und gute Kunst aus Fragmenten pappen? Wir wissen es heute noch nicht, aber eines können wir mit großer Sicherheit vorhersagen: wenn das Gebäude einstürzt, wird es keiner gewesen sein.

Minenfeld oder Kreidekreis?

Dieser Essay erschien im Juli 18 leicht verändert unter dem Titel „Auf dem Weg zum verlässlichen Bürger“ in der Welt am Sonntag

Ehe der Fall Özil so durchgenudelt ist, dass keiner mehr etwas davon hören kann, sollte doch die Frage gestellt werden: Was können wir daraus lernen?
Als meine Großeltern heirateten, war es ein Skandal, dass sich eine katholische Kaufmannstochter in einen evangelischen Juristen verliebt hatte. Der Jurist musste zusichern, dass die gemeinsamen Kinder katholisch getauft wurden. Sonst drohte der Großmutter die Exkommunikation. Ich selbst habe im katholischen Passau noch eine Predigt gehört, dass Kinder aus „Mischehen“ spätestens in der zweiten Generation zu Heiden werden.
Hier sind wir inzwischen weiter. Unterschiedliche Konfessionen in einer deutschen Familie sind kein Anstoß mehr. Es ist selbstverständlich, dass sich ein Protestant in einer katholischen Familie integriert – und umgekehrt. Geteilte Loyalität zuzulassen, setzt eine stabile Mischung aus Respekt vor dem Individuum und Toleranz für Unterschiede voraus. Wenn das Ganze genießbar sein soll, gehört noch eine Prise Humor dazu. Gesunde Familien entwickeln sich durch eine stabile Mischung von Nähe zu den erfreulichen, Abstand zu den unerfreulichen Aspekten des Partners, seiner Eltern und Geschwister. Es ist eine verhängnisvolle Illusion, dass Integration ohne Abstand, ohne das Gemisch von Befremdung und Einfühlung in das Fremde gelingen kann.
Angesichts des Streits um die Fotos zweier Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten hat sich gezeigt, wie wenig wir bisher in der Lage sind, mit einer geteilten Loyalität umzugehen. Humorlosigkeit und Empathiedefizite lassen sich auf beiden Seiten beobachten. Wenn ich aus meiner eigenen Kultur heraus beleidigt werde, muss ich mich persönlich streiten. Wenn ich interkulturell beleidigt werde, kann ich „Rassismus“ schreien. Das wird ein Kampf mit ungleichen Mitteln, denn wer ist nicht gegen Rassismus?
Es ist unrealistisch, vom Sohn eines patriotischen Türken zu verlangen, er hätte Erdogan so sehen müssen, wie es eine deutsche Mehrheit tut. Es ist für einen ehrgeizigen jungen Mann schwer genug, die Wärme seiner türkischen Familie gegen die Kälte zu tauschen, die unser mitteleuropäisches, manchmal gnadenloses Leistungsdenken auszeichnet. Er wird danach streben, sich möglichst viel von dieser Wärme zu erhalten, auch wenn er genau weiß, dass sein Platz nicht in dem Dorf am Schwarzen Meer ist, aus dem seine Eltern kommen, sondern mitten in eben dieser Leistungsgesellschaft.
Wer viel Erfolg hat, mag glauben, dass die geerntete Anerkennung ein Zeichen dafür ist, dass er wirklich dazu gehört. Er rechnet nicht mehr damit, dass die feine Linie immer bleiben wird, die ihn von denen trennt, die schon immer da waren. Gemeinsamer Erfolg schafft Schönwetterbeziehungen. Er neutralisiert Aggression und Neid. Die wirklich Qualität einer Beziehung zeigt sich erst unter Stress.
Tiefe Kränkung, Gefühle von Verfolgung und Verrat sind zu erwarten, wenn ein Star, der in seinem Erleben kein Unrecht findet, plötzlich von einem wichtigen Geldgeber ausgegrenzt wird. Man kann sich vorstellen, was es Özil bedeutet hat, Werbeträger für Mercedes zu sein – und wie viel Einfühlung und Geduld es gekostet hätte, ihm zu vermitteln, dass die Entscheidung gegen ihn nicht rassistisch gemeint war.
Wer die menschliche Psyche erforscht, beobachtet immer wieder, wie gut Menschen ein karges Leben verkraften – und wie viel Wut entsteht, wenn ihnen etwas weggenommen wird, dessen sie sich sicher glaubten. Der millionenschwere Manager wird nach einer Kränkung ebenso depressiv wie der einfache Polizeibeamte, dem eine Beförderung verweigert wurde. Daher ist die Bemerkung des deutschen Außenministers empathiearm, ein Multimillionär, der im Ausland lebe und arbeite, sei kein Modell für Integration in Deutschland. Klarer lässt sich kaum formulieren, was nach den vielen seelischen Opfern einer Anpassungsgeschichte besonders bitter enttäuscht: So lange wir dich brauchen können, bist du Vorbild. Aber wenn es uns nicht mehr passt, wollen wir dich nicht mehr dabei haben.
Wahrscheinlich hat Özil das verbale Gewitter nicht selbst verfasst, das sich in seinem Namen über dem Deutschen Fussballbund und seinem Präsidenten entladen hat. Auf jeden Fall aber ist die Richtung lehrreich, in die sich seine Wut bewegt. Am meisten versagt hat in seinen Augen die Vaterfigur. In der Tat ist ein Präsident, der Schweigen nur als Versagen oder Trotz deutet und an Trauer oder Hilflosigkeit nicht einmal denkt, keine gute Vaterfigur.
Ein erfahrener Politiker wie Reinhard Grindel hätte sich mehr einfallen lassen müssen als darüber zu klagen, dass ein politisch unkundiger Fußballspieler schweigt, statt über eine Krise zu kommunizieren, die seine Aktion im Spannungsfeld zwischen türkischen und deutschen Populisten ausgelöst hat.
Grindel hätte eine Vaterfigur sein können, die den Sohn auffängt, berät, ihn so gut wie möglich unterstützt. Er hätte auf Özil zugehen, sich mit ihm beraten müssen. Wie viel interkulturelle Ahnungslosigkeit ist da „normal“ geworden, wenn Funktionäre keinen Gedanken an den Seelenzustand eines jungen Mannes mit türkischen Wurzeln verschwenden, für den Respekt vor Vätern und Schutz durch Väter selbstverständlich sind?
Dieses Spiel hat leider Erdogan gewonnen – nicht weil er so gut ist, sondern weil seine Gegner nicht einmal den Ball gefunden haben. Der polternde Uli Hoeneß hat noch ein Eigentor geschossen, als er Özil als Fußballer schlecht machte. Prompt haben Journalisten recherchiert und Hoeneß der fake news überführt. Özil hat auch 2018 noch weit mehr als die Hälfte seiner Zweikämpfe gewonnen.
In dem politischen Spiel, in das der türkisch-deutsche Profi geraten ist, gibt es weder Regeln noch einen Schiedsrichter und nicht selten zwei Verlierer. Solange Özil seine türkischen und deutschen Wurzeln ungestört wachsen lassen konnte, ist er gut gediehen. Die Schwierigkeiten begannen, als an ihm gezerrt wurde – auf der einen Seite von einem türkischen Präsidenten, dem jedes Mittel recht ist, einen Wahlkampf zu führen, auf der anderen Seite von einer deutschen Öffentlichkeit, die mit geteilten Loyalitäten nicht umgehen kann.
Die Lehre aus dem Geschehenen könnte sein, dass wir uns im interkulturellen Umgang mehr Raum geben. Einfühlung benötigt Zeit, sie kann sich erst entfalten, wenn Unsicherheit zugelassen wird und nicht die hektische Suche nach einem Schuldigen vom Druck der Ängste entlasten muss, etwas falsch eingeschätzt zu haben.
Vielleicht sollten wir uns öfter an die Fabel vom Kreidekreis erinnern, in dem ein verletzliches Geschöpf steht, das von zwei Mächten beansprucht wird. In der klassischen (chinesischen, in Brechts Fassung bekannt gewordenen) Fassung der Geschichte sind es zwei Mütter, eine liebevolle und eine ehrgeizige. Und obwohl die Machthungrige sich erst einmal durch ihre Rücksichtslosigkeit durchsetzen kann, verliert sie am Ende, weil sie nicht loslassen, sich nicht einfühlen kann oder will.
Ähnlich sollte Deutschland nicht an den Menschen mit Migrationshintergrund zerren, um sie für sich zu gewinnen. Sie einfühlend auch einmal loszulassen, schafft verlässlichere Bürger als Druck, Zwang oder Schelte.

Zu diesem Thema ist aktuell im Murmann Verlag das gleichnamige Buch „Helikoptermoral“ erschienen.

Weil er es tun kann

Die ersten Schüsse wurden bei dem Massaker in Las Vegas als Teil der Veranstaltung missverstanden – ein Trommelwirbel, der Beginn des Feuerwerks, mit dem solche Festivals oft beendet werden. Viel zu spät bemerkten die Teilnehmer, dass etwas nicht stimmte. Minutenlang schoss der 64 Jahre alte Stephen Paddock aus dem 32. Stockwerk eines Hotels auf Menschen, die tief unter ihm wimmelten. Er konnte aus dieser Entfernung nicht genau zielen, aber das ist bei Maschinengewehrfeuer auch nicht nötig. Manchmal gab es Pausen – er brauchte sie zum Nachladen der Schnellfeuerwaffen.
Zunächst reklamierte die Terrormiliz IS die Tat für sich. Aber Paddock kämpfte für kein fassbares Ziel. Sein Bruder Eric beschreibt ihn als wohlhabenden Einzelgänger ohne ausgeprägte politische oder religiöse Überzeugungen. Die Nachbarn in seinem Wohnort, einer Kleinstadt 120 Kilometer nordöstlich von Las Vegas, zeichnen einen zurückgezogenen, unfreundlichen Buchhalter, der keine Freunde hatte. Auch seine Freundin weiß von nichts.
Wenig Freunde, viele Waffen. Paddock hatte vier Tage lang Taschen mit insgesamt 23 Waffen und vielen Tausend Patronen auf sein Zimmer geschleppt. In seinem Auto findet die Polizei Zutaten für den Bau von Bomben, in Paddocks Haus weitere Schnellfeuerwaffen und Massen von Munition. Was sie nicht findet: ein Motiv für die Tat.
Aber wie viel Sinn macht es, nach solchen Motiven zu suchen? Es war ein grausam erweiterter Selbstmord, in dem sich ein Konglomerat aus Menschenhass und Selbsthass manifestiert, den keine Lebensgeschichte, kein Trauma, keine innere Not wirklich erklären kann. Wenn sich Paddock hätte festnehmen lassen und sich wie damals Breivik in Norwegen in wirren, selbstbezogenen Erklärungen ergangen hätte – um wie viel wären wir klüger? Was könnten wir tun, um solche Taten zu verhindern?
Die in der menschlichen Tragödie der Opfer verborgene politische Tragödie ist die Blindheit der Politik gegenüber einer Waffenindustrie, die leugnet, wie mächtig die Verführung zum Massenmord allein durch Möglichkeit ist, ihn zu vollziehen. Praktisch reduziert sich die Frage nach Motiven auf eine schlichte Frage und eine ebenso schlichte Antwort: Warum hast du das getan? Weil ich es konnte!
Die US-Waffenlobby hat 30 Millionen Dollar in den Wahlkampf Donald Trumps investiert; er hat im Gegenzug versprochen, das in der Verfassung verankerte Recht des Amerikaners auf eine Feuerwaffe zu erhalten. Mindestens 300 Millionen Schusswaffen befinden sich heute in den USA in Privatbesitz. Wenn Barack Obama nach einem der vielen Vorgänger des Massakers von Las Vegas davon sprach, endlich etwas zu unternehmen, schossen die Verkäufe in die Höhe. Vorratswirtschaft, Umsatzsteigerung – und dann doch kein Verbot.
Einschränkungen wurden nur bei Personen diskutiert, die sich in psychologischer Behandlung befinden. Dieses Verbot ist diskriminierend. Es straft die Einsichtigen, die sich behandeln lassen, und leugnet die Gefahren, die von den Uneinsichtigen ausgehen. Immerhin hat das Massaker in Las Vegas ein Argument nachhaltig entkräftet, mit dem Republikaner sämtliche Vorstöße blockieren: Gegen einen Schützen könne man sich nur wehren, indem man sich selbst bewaffnet.
Caleb Keeter, Gitarrist der Westernmusiker Josh Abbott Band, die am Abend spielte, war bisher ein Waffenfreund und hatte Schießeisen im Bus. „Hätten wir sie geholt, hätte uns die Polizei womöglich für Täter gehalten“ schrieb er im Internet. Ein Chaos wäre ausgebrochen. „Wie konnten wir nur alle so blind sein“, fragt Keeter. Der zweite Verfassungszusatz stammt aus dem Jahr 1791. Er bezieht sich auf Gewehre und Pistolen, die man sorgfältig einzeln laden musste, um einen Schuss abzugeben.
Für die Jagd und den Sport wären solche Waffen völlig ausreichend. Sie würden auch dem Wild eine faire Chance geben. Schnellfeuergewehre, wie sie Paddock und alle seine Vorgänger verwendeten, sind reine Kriegswaffen, unsportliche Mordmaschinen, deren Fortschritt unter anderem darin liegt, dass in einer Minute Munition für über tausend Dollar verballert werden kann. Das steigert den Umsatz der Waffenindustrie – und kostet Menschenleben.

Das gebrochene Schweigen

Als Psychoanalytiker bin ich Mitglied eines Berufs und in gewisser Sicht auch einer Bewegung, die dem Schweigen, besonders dem Schweigen in sexuellen Dingen kritisch gegenüber steht. Freud hat von der heilsamen Wirkung der talking cure geschrieben und seine Zeitgenossen herb kritisiert, weil sie die Realität der Erotik und die Gefahren des sexuellen Missbrauchs verleugneten. In einer seiner Vorlesungen an der Clark-Universität („Über Psychoanalyse“, Nr.4) sagte er: Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke Oberkleidung aus — Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den anderen enthüllen.

Das gilt ganz besonders für die inzwischen aufgedeckten Fälle von sexuell getöntem Machtmissbrauch in der Welt der Medien. Erotik wurde in den beschrieben Szenen nicht kommuniziert und spielerisch in beiderseitigem Einverständnis entwickelt, sondern als phallische Geste aufgezwungen. Man kann verstehen, dass viele Opfer erst einmal zu erschrocken sind, um sich zu wehren. So lassen sie den Tätern Raum für ihren primitiven Exhibitionismus – und wehren sich nicht gegen das gemeinsame Lügengewebe. In den aktuellen #metoo und #wetoo-Bewegungen wird nun das bisherige Schweigen gebrochen.
Diese Rede vom gebrochenen Schweigen scheint mir nun aber ebenfalls weit entfernt von einem offenen, empathischen Umgang mit sexuellen Fragen. Sie nimmt manchmal so überhand, dass ich auf den bizarren Gedanken komme, ein gebrochenes Schweigen in die Notaufnahme zu bringen und den Bruch mit Schiene oder Gipsbinde zu schützen, damit er möglichst schnell und komplikationslos heilt. Woher nur kommt diese latent gewalttätige Formulierung – Schweigen zu brechen, wie ein Knochen bricht, wie Vertrauen bricht, wie ein Mensch durch einen Schicksalsschlag zerbricht?
Ist in solchen Fällen das Sprechen gegen einen Widerstand, einen Widerwillen erzwungen? Wer mit sexuell verletzten Menschen zu tun hat, begegnet nicht selten dem Wunsch, ein gebrochenes Schweigen wieder heilen zu können. Sie haben in einer Arbeitsgruppe, im Bekanntenkreis, unter Freunden von Verletzungen, von Übergriffen, von Missbrauch erzählt. Aber die so preisgegebenen Inhalte wurden nicht einfühlend und taktvoll aufgenommen. Das Opfer fühlt sich nicht unterstützt, sondern diskriminiert.
Wir wissen im Einzelfall nicht, ob es klüger ist, über Verletzungen des Selbstgefühls nur in Situationen der Schweigepflicht (wie die Arztpraxis, die Psychotherapie) oder aber öffentlich zu sprechen. Wir können nur versuchen, die Fragestellung etwas zu vertiefen. Falsch sind gewiss Polarisierungen: Reden ist gut, Schweigen schlecht. Reden schafft Übel aus der Welt, Schweigen konserviert sie. Reden dient den Opfern, Schweigen schützt die Täter.
Warum betonen, dass ich das Schweigen breche? Es ist eine Inszenierung, die Spannung erzeugt und dem Zuhörer vermittelt, dass er jetzt etwas ganz Besonderes zu hören bekommt, dass ein Geheimnis verraten, eine Verschwörung („des Schweigens“) aufgedeckt wird. Leider ist es ein modernes Märchen, dass der Bruch seines Schweigens per se einen Menschen persönlich wie sozial weiterbringt. Manchmal stimmt eher das Gegenteil. Dann entspricht die Situation bis in die riskanten und schmerzlichen Einzelheiten dem Knochenbruch. Die Bruchstellen können sich durch unachtsamen Umgang infizieren, die Folgen dann eine Heilung verzögern und den Organismus aus dem Gleichgewicht bringen.
Bisher in ihrem Schweigen Geborgene warten vergeblich darauf, dass sich Erleichterung und geistige Befreiung einstellen. Sie haben aus Gründen geschwiegen, die vielleicht nicht gut waren, aber doch ganz und gar ihnen gehörten. Jetzt werden sie in eine Öffentlichkeit gezerrt, deren Akteure nicht ihr Wohl im Auge haben, sondern die eigene Geltung und womöglich auch die klammheimliche Freude daran, sich selbst in der Entwertung dessen aufzuwerten, was durch den Bruch öffentlich geworden ist.
Die Mediengesellschaft ist zugleich schamloser und prüder geworden. Auf der einen Seite grassiert Pornographie in allen Variationen, auf der anderen Seite beschädigt bereits der Verdacht sexueller Verfehlungen Ruf und Karriere. Die dicke Schicht von Lügengewebe ist an manchen Stellen undurchdringlicher geworden, an anderen durchsichtiger. Wenn Freud gehofft hat, die Psychoanalyse würde dazu führen, dass eine befreite erotische Kultur auf dieses Lügengewebe verzichten kann, hat er sich geirrt.

Erschienen im Neuen Deutschland in der Kolumne „Psychologisch gesehen“ am 18/19. November 2017

Raubbau an der Seele

Der moderne Mensch betreibt doppelten Raubbau – an seinen physischen wie psychischen Ressourcen. Zu Verschmutzung und Übernutzung unserer Um-Welt gesellt sich immer öfter eine lähmende Erschöpfung des Ich; aus Homo sapiens wurde Homo consumens, dem Überfluss folgte Überdruss. Im Umgang mit der Überforderung, die viele Ursachen kennt – Perfektionismus, Schnelllebigkeit, Gier –, zeigen sich verschiedene Facetten: die einen reagieren mit Burnout und Depression, die anderen mit aggressiven Verhaltensweisen wie Mobbing, Narzissmus oder schlichter Wut.

Verleugner sind sie alle: Statt Probleme als Teil des Lebens zu begreifen, suchen wir Befriedigung im schnellen Konsum oder greifen zur Pille. Dabei ist es längst an der Zeit, unser Leben wieder mit Sinn zu füllen, so Schmidbauer: handwerkliches Tun wäre ebenso ein Rezept wie Entschleunigung und die Aufwertung sozialer Kontakte. In der Summe gewännen wir so »psychische Resilienz« und damit jene Energie, die wir benötigen, um uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen zu können.

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