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Der Beichtspiegel

Gedanken eines Paartherapeuten zur katholischen Sexualmoral || Artikel erschienen in "Christ und Welt"

Teil 1. Lebensregeln, die nicht gelebt werden können?

Von allen Versuchen, die Wärme und Vielfalt des menschlichen Lebens mit klaren, kalten Vorschriften bis ins Intime hinein zu regeln, hat die katholische Sexualmoral wohl die längste Tradition und die mächtigste Organisation hinter sich. Aber wie das angesichts solcher aufgeblähten Tyrannei zu geschehen pflegt: Geheime Gänge durchziehen den Untergrund, wie es sie im Mittelalter schon zwischen Mönchs- und Nonnenklöstern gegeben haben soll; das Priestergewand wird zu Camouflage, Heuchelei ist alltäglich.

Meine eigene Laufbahn in der katholischen Kirche begann mit der Taufe und erreichte ihren Höhepunkt im Amt des linken Ministranten (der rechte war mein zwei Jahre älterer Bruder) vor der Pubertät. Bis dahin ging ich beichten, fürchtete die Hölle, empfing die Sakramente. Anfangs verstand ich den Beichtspiegel in meinem Gebetbuch nicht ganz, in dem als Anleitung zur Gewissenserforschung alle erdenklichen Sünden aufgezeichnet waren. Die Messe versäumen, naschen, lügen, solche Sünden waren fassbar. Aber was waren unkeusche Gedanken? Handlungen?

Allmählich wurde die Sache klarer; ich beichtete beispielsweise, dass ich das Plakat des Filmes „Die Sünderin“ betrachtet hatte, auf dem eine verführerische Hildegard Knef angedeutet war. Das war 1951, ich war zehn Jahre alt. Vier Jahre später hörte ich auf zu beichten. Während des Psychologiestudiums wurde ich aufgeklärt, dass um diese Zeit die menschliche Intelligenz ausgereift ist (in manchen Tests erreicht keine andere Altersgruppe so gute Ergebnisse). Ich glaubte nicht mehr an die Hölle, ich wusste dass es viele Religionen gibt, nach einem Umzug war es auch mit dem ministrieren vorbei.

Ich hatte Glück. In dem Identifizierungsangebot meiner Mutter überwog das Ideal der Rationalität. Ich war ermutigt worden, meinen Verstand zu gebrauchen, ich gewann sicheren Abstand zu den Ängsten vor ewiger Verdammnis, die meinen Kinderglauben so viel stärker geprägt haben als das Bild eines liebenden Gottes. Von meiner damaligen Hybris, wer in der Kirche bleibe, könne nicht denken, ist nichts geblieben, ich habe zu viele kluge und warmherzig Gläubige kennen gelernt, auch wenn ich nicht zu ihnen gehöre. Vermutlich hilft ihnen eben dieses Bild des liebenden Gottes, mit ihrer Fleischeslust angemessen umzugehen und die papierenen Regeln der Kirche zu ignorieren.

Als Psychoanalytiker und als Dozent in der Ausbildung katholischer Eheberater habe ich später viele Blicke hinter die Kulissen und in die unterirdischen Gänge werfen können, in denen manchmal auch das gedeiht, was ekklesiogene Neurose genannt wird – psychische Störungen, die durch das Scheitern einer Integration eigener Bedürfnisse in das Korsett der kirchlichen Moral (mit)bedingt sind.

Die Erfahrung lehrt, dass die Moralpredigt alleine ganz und gar nicht die erwünschten inhaltlichen Folgen hat. Wer in einer katholischen Klosterschule erzogen wurde, bleibt manchmal prüde – und ebenso oft ganz und gar nicht. Ein Patient, früher Kaplan, verliebt sich in die Leiterin einer Jugendgruppe. Sie beginnen ein sexuelles Verhältnis. Er geht zu seinem Bischof und schildert ihm die Situation. Die Auskunft: Solange es nicht öffentlich wird, die beiden nicht heiraten, kann er Priester bleiben. Er ist nicht einverstanden, will heiraten, muss einen neuen Beruf lernen.

Es gibt Subkulturen in der katholischen Kirche, etwa im Bereich der Klinikseelsorge, in denen sich ein Teilnehmer in einer Selbsterfahrungsgruppe so vorstellt: Ich bin katholischer Priester und ich habe eine Freundin. Unter den Eheberaterinnen, die an kirchlichen Beratungsstellen tätig sind, hat sich großenteils die psychologische Einsicht durchgesetzt, dass gelebte, lustvolle Sexualität ein wichtiges Element jeder liebevollen Bindung ist, ganz und gar keine Sünde.

Aber was geschieht mit einer Psyche, die es sich zu Aufgabe macht, die Regeln der katholischen Sexualmoral ganz und gar zu verwirklichen? Sex ist nur innerhalb einer heteronormativen Ehe erlaubt, es soll ausschließlich um Zeugung von Nachwuchs gehen, Selbstbefriedigung ist Unzucht, es darf nur eine sexuelle Verbindung pro Menschenleben geben.

Nach einer vorsichtigen Schätzung sind in dieser Sicht 99 Prozent aller sexuellen Handlungen unkeusch und unzüchtig; wer sie nicht rechtzeitig beichtet, kommt nicht ins Himmelreich. Wer glaubt denn so was? Das kirchliche Lehramt in seiner langen und stets gleichbleibenden Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen haben niemals gezögert, die Selbstbefriedigung als eine in sich schwere ordnungswidrige Handlung und Verstoß gegen die Keuschheit, zu brandmarken. So steht es in der Kathpedia, die – mittelalterlich im Denken, modern in der Form – im Internet zugänglich ist. Realitätsferner kann im Grunde die autoerotische Entdeckung des eigenen Körpers als wichtige Vorstufe einer gelingenden, erwachsenen Sexualität nicht aufgefasst werden. Mit Händen und Füßen stimmt das Kirchenvolk längst gegen seine Oberen, während diese nicht in der Lage sind, der Realität ihren Platz zu geben.

Man könnte die begrenzte Lebbarkeit katholischer Vorstellungen zur Sexualität, die im Zölibat für die Priester kulminieren, mit einem psychoanalytischen Gedanken rechtfertigen: durch strikte Verbote werden Anreize geschaffen, primitive sexuelle Bedürfnisse in kulturell höher stehende Aktivitäten zu „sublimieren“. Als Gewährsmann lässt sich hier Sigmund Freud nennen, freilich nur so lange, wie man ihn nicht gelesen hat.

Freuds Aussagen bekräftigen, dass erzwungene sexuelle Abstinenz nicht kulturell wertvolle Kreativität fördert, sondern die Psyche schwächt. Nun ist der Zölibat formell freiwillig – aber wie „freiwillig“ sind die Entscheidungen mutterabhängiger Söhne katholischer Familien? Wenn die Reifungsanreize einer sexuellen Begegnung zweier Erwachsener fehlen, braucht es eine starke, gefestigte Persönlichkeit, um dieses Defizit zu ertragen. Wo diese fehlt, wächst die Gefahr, dass die ihrer Spiegelung in einem Gegenüber beraubte Erotik nach Abhängigen, vor allem nach Kindern greift.

Die von Freud beschriebene allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens ist der zweite Schatten, den die katholische Sexualmoral produziert. Sie vergiftet die Natur, treibt einen Keil zwischen zärtliche Empathie und phallische Eroberung. In seinen Analysen stellte Freud fest, dass viele Männer ihr Frauenbild spalten; es gibt die hochstehende, sexuell wenig reizvolle Madonna und die verachtete Hure, der gegenüber die sexuelle Potenz aufblüht.
Diese Spaltung prägt bis in die Gegenwart das erotische Erleben. Zärtliche, liebe- und respektvolle Gefühle für einen Partner verbinden sich nach den leibfeindlichen Erfahrungen einer „christlichen“ Erziehung nicht mit erotischer Hingabe. Sex wird als Störer ehelicher Harmonie erlebt, nicht als die Paarbindung stiftende und erhaltende Kraft. Die im Internet allgegenwärtige Pornographie praktiziert die Erniedrigung des Liebeslebens massenhaft; die Entwertung der Frau steckt in den Bildern, braucht keine Worte mehr.

Friedrich Nietzsche hat es in der „Morgenröte“ beschrieben: Böse denken heisst böse machen. – Die Leidenschaften werden böse und tückisch, wenn sie böse und tückisch betrachtet werden. So ist es dem Christenthum gelungen, aus Eros und Aphrodite – grossen idealfähigen Mächten – höllische Kobolde und Truggeister zu schaffen, durch die Martern, welche es in dem Gewissen der Gläubigen bei allen geschlechtlichen Erregungen entstehen liess. Ist es nicht schrecklich, nothwendige und regelmässige Empfindungen zu einer Quelle des inneren Elends zu machen und dergestalt das innere Elend bei jedem Menschen nothwendig und regelmässig machen zu wollen!
Nun ist die katholische Kirche in punkto Sexualität nicht nur besonders rigide. Sie hat auch ein besonders hohes Maß an Toleranz für die Unerfüllbarkeit der eigenen Ansprüche entwickelt. Viele Gläubige bleiben in der Kirche, obwohl sie nach konsequenter Auslegung ihres Sexualverhaltens im Zustand schwerer Sünde leben. Ist es das Vertrauen in einen gnädigen Gott oder die Möglichkeit, sich selbst mühelos in den Stand der Unschuld zurückzuversetzen, wie es der von Roger Peyrefitte beschriebene junge Priester in Rom praktiziert, der nach jedem Besuch bei seiner Geliebten sogleich einen Beichtvater aufsucht und sich die Absolution besorgt?

Fast alle Kulturen kennen und fördern die Bindung zwischen Mann und Frau als geschützten Raum, in dem Kinder heranwachsen. Nur die katholische Sittenlehre verkennt die Macht der Sexualität in dieser Bindung und sucht sie kalt zu versachlichen. Wo sie nicht dazu dient, neue Gläubige zu zeugen, sollte sie besser nicht stattfinden.
Das Projekt, die Sexualität zu unterdrücken, muss scheitern. Verdrängtes kann sich dann nicht im Kontakt mit der Realität und in einer liebevollen Bindung an ein Gegenüber entfalten. Der Einsiedler kasteit sich in der Wüste und wird von Projektionen nackter Frauen verfolgt, die nicht vom Teufel kommen, sondern aus seiner eigenen, malträtierten Psyche.

Seine Sexualität konfrontiert den Menschen mit Abhängigkeit und Schwäche – und schenkt ihm die Möglichkeit, diese in einer liebevollen Partnerschaft zu gestalten. Wer auf diese Möglichkeit verzichtet, lebt sehr riskant. Er kann in einem heroischen Kampf die Versuchungen niederzwingen, die in Träumen und Visionen Wirklichkeit werden wollen. Wenn das jedoch scheitert, gewinnt eine unreife, impulsive, nicht durch Einfühlung gemäßigte Triebhaftigkeit die Oberhand.

Viele Beobachter der römischen Beratungen über den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Kirche haben ein entschlossenes Einschreiten des Papstes gefordert. Wenn am Ende alle so entschieden wie unbestimmt gegen Missbrauch sind, hat das alte Weltbild gesiegt. Wenn der Papst aber klare Regeln verkündet, wie die Kirche künftig mit Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten will, wie sie Betroffenen helfen und sie angemessen entschädigen will, wenn sie klarstellt, dass ein Täter kein Priester mehr sein kann und ein Vertuscher kein Bischof, dann sind das auch Schritte hin zu einem neuen Kirchenverständnis. So Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung.

Die Forderung nach harten Strafen und Berufsverboten allein trägt etwas von dem Geist in sich, dem sie sich entgegenstellt. Die Kirche sollte Missbrauch weder dulden noch vertuschen, sie sollte alles Angemessene für die Opfer tun, das ist selbstverständlich. Aber die Täter nur verdammen und ihnen weder weiterhelfen noch die Ursachen der Misere erforschen? Ebenso wichtig wie der Umgang mit dem, was da so schief gelaufen ist, scheint mir das Nachdenken über die Prophylaxe: endlich mit lebensfremden, unsinnigen Verboten aufzuräumen, der Selbstbefriedigung die Selbstverständlichkeit zurückzugeben, die ihr gebührt, das Priesteramt für Frauen zu öffnen, Zölibat als freie Wahl, nicht als lastender Zwang, Gottes Segen für den zweiten oder dritten Liebesbund so gut wie für den ersten zu spenden.

Teil 2

Diesen Text habe ich mitten in der Arbeit an „Bücher und Frauen“ für den Teil Christ und Welt der ZEIT geschrieben, auf Anfrage der Redaktion und nicht ohne Rück-Erinnern und Gedanken über das Gesagte und das Beschwiegene. Dieses Beschwiegene war die Tatsache, dass es „natürlich“ auch die eigene Selbstbefriedigung war, welche mich aus den Sakramenten und in der Folge auch aus dem Kinder-Kirchenglauben katapultierte. Die Scham, in der Beichte darüber zu sprechen, war sehr nahe und sehr mächtig; der Gedanke an die ewige Verdammnis, das Höllenfeuer, die Todsünde blieb ein Schatten der Unterwelt, dem ich täglich weniger Blut zu trinken gab, bis er ganz verblasste und ich mit dem Triumph zurückblieb, ohne den Glaubenstrost gerade so gut leben zu können.
Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich aus der Kirche austreten. Meine Mutter sprach dagegen, vielleicht sei es für die Karriere eines Psychologen günstig, Mitglied zu bleiben. Sie hatte nicht ganz Unrecht; der Mann, der später die Professur für klinische Psychologie in München bekam, war ein strammer Katholik und Verhaltenstherapeut. Aber ich hatte den Journalismus entdeckt und verdiente damit gutes Geld. Außerdem wollte ich Psychoanalytiker sein und hatte Freuds Aufsatz „Die Zukunft einer Illusion“ verschlungen. Als das Kirchensteueramt in Augsburg seinen Teil abhaben wollte, hielt mich nichts mehr. Ich trat aus, das kostete zehn Mark und einen Gang in das Rathaus in Feldafing.

Das mit dem Primat der Vernunft in der Identifizierung mit meiner Mutter stimmt und stimmt auch wieder nicht. Generationen einer prüden Haltung lösen sich nicht im Vernunftbad auf wie Salz in der Suppe. Ich konnte mich von den Katechismus-Deutungen biblischer Texte und dem Sündenregister des Beichtspiegels lossagen, da setzte ich Gedanken gegen Gedanken. Aber mit meinen von aller Sündhaftigkeit befreiten Gedanken über nackte Körper und Sex blieb ich doch am Rand eines Abgrunds stehen, der mich davon trennte, über diese Gedanken zu sprechen. Vor allem auch über das, was sie in meinem Körper taten, was sie weckten und was in den ersten Jahren meiner halben Befreiung in heimliche Selbstbefriedigung mündete.

Was Nietzsche über die Vergiftung sagt, sprang mich an, sobald es körperlich wurde und ich das sichere Reich der Gedanken in Wort und Schrift verließ. Es hat lange gedauert bis ich entkam, und ohne die Unterstützung der Frauen wäre es nicht gelungen, eine in Generationen eingefleischte Prüderie zu überwinden. Vielleicht hat im Körperbewusstsein der Vater viel mehr gefehlt als in meinen Gefühlen und Gedanken, die darauf hinausliefen, dass ein Rivale um die Aufmerksamkeit der Mutter, ein Erwachsener voller Einwände in kindliche Freuden mir nicht wirklich fehlte. In den Jahren nach 1945 waren die Gefallenen keine Kleinigkeit, aber auch nichts, worüber man Aufhebens machte, leere Stellen in Formularen, in Zimmern und Betten.

Wenn die Verteufelungen der Kirche falsch waren und die Gedanken völlig in Ordnung, sich Lust auf allen erdenklichen Wegen zu verschaffen, so ergeb das noch keine Sicherheit, den Weg zu verlassen, der bei meiner Mutter ebenso gangbar wie in diesem Punkt uninteressant war, hinein ins Körperliche. Wie ging das?

Der Abgrund zwischen meiner Wissbegierde und den vorhandenen Möglichkeiten, in Büchern Antworten zu finden (denn Erwachsene zu fragen, hätte die Scham ins Unerträgliche gesteigert) war nicht zu überbrücken. Ich habe aus dieser Zeit einen tiefen Hass gegen einen Autor mit Namen Leist behalten, in dessen Buch mit dem Titel „Liebe und Geschlecht“ ich Antworten zu finden hoffte und rein gar nichts Hilfreiches zu meiner Frage nach dem fand, was kalt als Geschlechtsverkehr begriffen wird.

Ein einziges der verachteten Porno-Videos, die heute tausendfach im Internet kursieren, hätte ich inniger begrüßt als den heiligen Geist. Aber im Jahr 1954 in Passau steckte ich mit solchen Wünschen in einer Sackgasse. Salbungsvolles Gerede gab es im Überfluss, auch auf den Exerzitien, an denen ich teilnahm. Aber wie macht man das mit einer Frau? Aus dem frommen Nebel, der die Sexualität zur Unkeuschheit verwandelt und mit einer dicken Schicht Lügengewebe (Freud) verhüllt, war ich zur brennenden Neugier vorgedrungen – und kam partout nicht weiter. Aus der Rückschau kann ich kaum verstehen, weshalb ich einfach zu dem so nahe liegenden Gedanken nicht fand, dass Sexualität mit Reibung zu tun hat – angefangen mit der Entdeckung des Orgasmus unter dem Strahl der Dusche über die Fortführung dieser Entdeckung zum Rubbeln der Vorhaut gegen die Eichel mit ebenfalls höchst befriedigenden Ergebnissen. Aber meine Vorstellungen über den Kontakt zwischen Penis und Scheide entwickelten sich nicht, sie zerbrachen, wie Bilder auf einem Bildschirm in Pixel zerfallen. Ich dachte nicht weiter und war überzeugt, nicht zu wissen, was da zu tun sei.

Die Menschheit hat nicht auf die Pornographie gewartet, um ihren unreifen Sprösslingen die Geheimnisse der Erotik nahe zu bringen. Auf griechischen Vasen ist die Sache viel unbekümmerter als in der Kirchenmalerei; vor allem aber braucht es zivilisiertes Wohnen mit Mauern und verschließbaren Türen, um neugierige Kinder so von den Tatsachen fern zu halten wie es in meiner Kindheit der Fall war: Viele Bücher, aber kein Sex weit und breit, die Großeltern in ihren Schlafzimmern, die Mutter stets allein in ihrem Bett.

Später habe ich bei Margret Mead gelesen, dass die Sexualaufklärung in primitiven Gesellschaft auf Beobachtung beruht. Erwachsene Liebespaare ziehen sich in die Büsche zurück und die Sanktionen, sie beim Sexualakt zu beobachten, sind ähnlich schwach wie heute die Schranken, mit denen Pornographie von Schulkindern ferngehalten werden soll.

Ich aber wuchs in einer Epoche auf, in der weder das eine noch das andere zu haben war. Boccaccio hat eine vergleichbare Tugend der Unwissenheit einer Jungfrau zugeschrieben, die sich im Wald verirrt und bei einem Einsiedler unterkommt. Beide baden in der Quelle und die Jungfrau fragt den Einsiedler, was denn bei ihm da unten hervorsteche, das sie nicht habe. „Das ist der Teufel“, sagt der Einsiedler, „und du trägst zwischen deinen Beinen die Hölle. Und damit der Teufel Ruhe gibt, muss ich ihn in die Hölle schicken, wenn er sich erhebt!“ Die Jungfrau ließ sich davon überzeugen und gewann sogar Geschmack an dieser Übung. Woher der Einsiedler seine Kenntnis hatte, muss Boccaccio seinen Lesern nicht erklären.

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