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Wolfgang Schmidbauer & Lea Schmidbauer

Der Machiavelli-Fehler

Neulich wurde ich wieder einmal nach einem Liebes-Rezept gefragt: Was kann ich tun, damit die Liebe meines Lebens sich nach der Hochzeitsfeier möglichst lange erhält? Ich bin grundsätzlich verlegen um solche Tipps, habe zu oft erlebt, wie Paare sich die guten Ratschläge von Experten um die Ohren hauen. Ich antwortete also nicht, dachte aber doch nach und hatte zwei Einfälle: Lasst einander in Ruhe, denn nichts schmälert die Liebe so sehr wie die Klage über den Mangel ihrer Intensität. Vermeidet den Machiavelli-Fehler! Beide Tipps sind verwandt; erklären muss man aber nur den Machiavelli-Fehler.

Ich habe den zynischen Florentiner immer gern gelesen. Er schreibt in seiner Lehre über den Gebrauch und Erhalt von Macht, Il Principe (der Fürst), was ein Herrscher tun muss, um die Gunst seiner Untertanen zu gewinnen, und beginnt erst einmal mit dem Negativbeispiel. Der törichte Fürst beschenkt zu Beginn seiner Herrschaft seine Untertanen so reich, wie es seine Mittel eben zulassen. Er hofft, sie dadurch dankbar zu stimmen und künftig in Frieden zu regieren. Aber wie nun einmal die Menschen beschaffen sind, werden sie sich nach einem Jahr an die schönen Geschenke erinnern und beim Fürsten vorsprechen, um erneut so viele Gaben zu bekommen. Der Fürst aber hat nichts mehr, was er hergeben kann. Sie gehen leer aus und werden ihn als geizigen, schlechten Herrscher verfluchen.

Der weise Fürst hingegen nimmt anfangs den Untertanen so viel weg, wie er ihnen in den Grenzen des Anstands wegnehmen kann. So hat er genug zu geben und wird es ihnen in den nächsten Jahren nach Maßgabe ihrer Verdienste zukommen lassen. Sie werden ihn als gütigen und gnädigen Herrscher in Erinnerung behalten.

Den Machiavelli-Fehler habe ich oft beobachtet, nicht nur in Paaren, sondern auch bei Teamleitern, bei Ärzten, die eine Praxis gründeten, bei Unternehmern. Mein Rat wurde nicht in der euphorischen Phase gesucht, in der die Klienten noch glaubten, Gebefreude und Großzügigkeit würde automatisch ähnliche Eigenschaften wecken, sondern erst in mehr oder weniger verbitterten Zuständen später. Eine hervorragend qualifizierte, aber von ihrem Praxispersonal tief enttäuschte Fachärztin formulierte es so: ich bin doch gut zu allen Menschen, wieso sind die nicht auch so gut zu mir?

In Liebesbeziehungen sind vor allem selbstunsichere Personen gefährdet, die mögliche Zweifel an der Intensität ihrer Gefühle durch Geschenke kompensieren. Am Ende versetzen sie nicht selten der Erotik den Todesstoß, indem sie mangelnde Gegenleistungen einklagen. Aus eben der Person, die sie soeben noch des Liebesversagens beschuldigt haben, möchten sie durch Vorwürfe Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit herauspressen.

Es ist leicht, die miesen Erfolge solcher Strategien zu erkennen, aber schwer und manchmal kaum zu leisten, den wachsenden Ärger über eine Schieflage zu mäßigen. Platzt er heraus, ist der Druck erstmal weg – gebessert wird auf diesem Weg nichts, im Gegenteil.

Mein aktueller Anlass, über den Machiavelli-Fehler zu schreiben, ist ein politischer. Am ersten Juni wurden wir alle von der rotgrünen Regierung reich beschenkt: wir können für wenig Geld Regionalrail fahren wie seinerzeit für viel mehr Geld Interrail. Obendrein werden Benzin und Diesel billiger, weil der Staat auf einen Teil seiner Steuereinnahmen verzichtet.

Es ist nicht schwer sich auszumalen, dass unsere Regierenden bald nicht mehr so großzügig sein können. Sie denken auch nicht in Jahren, sondern in  Monaten: nach einem Vierteljahr ist es mit den Gaben vorbei. Wir leben in unheroischen Zeiten.Es wird sich niemand nach der Rhetorik Churchills sehnen, der Blut, Schweiß und Tränen versprach, sonst nichts. Angesichts der immensen Aufgaben, die ein Ende der Verbrennungswirtschaft für unsere Mobilität darstellt, mutet die symptomatische Kur der Krisenfolgen makaber an. Wo bleibt die Nachhaltigkeit? Ist es das richtige Zeichen, mit Geschenken zu beginnen, um Veränderungen anzustoßen, die von uns allen auf lange Sicht verlangen, zu sparen, den Gürtel enger zu schnallen, auf Bequemlichkeit zu verzichten?

Es gibt großen Steuerungsbedarf, um die Mobilität umweltfreundlicher zu machen. Die deutsche Automobilindustrie ist ebenso wie Tesla auf dem falschen, der Profitmaximierung dienenden Weg, teure, schwere Stromfresser als „umweltfreundliche“ Alternative zu den Verbrennern anzubieten. Nur kleine Startups wie Sion in München versuchen, nachhaltige Autos zu konstruieren, die sich der Durchschnittsverdiener leisten kann. Hier könnte der Staat unterstützen, er könnte durch gezielte Förderung Druck machen, dass Elektroautos sparsam und leicht werden, nicht schwer und teurer. Es wird mühsam sein, der Abhängigkeit von korrupten Oligarchen zu entkommen. Ein Sommermärchen von freier Fahrt und billigem Treibstoff bereitet uns nicht auf diese Mühe vor.

Der Fortschritt und das Glück


Unsere Zeit ist von einem seltsamen Widerspruch geprägt: Obwohl uns der Fortschritt immer mehr Wohlstand und Sicherheit bringt, leiden immer mehr Menschen an Depressionen und Ängsten.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer wirft einen Blick auf unsere moderne Gesellschaft und diagnostiziert, dass wir nicht trotz, sondern wegen des Fortschritts immer unglücklicher sind: Geplagt von Verlustängsten und angehalten zum steten Konsum haben wir verlernt, uns selbst zu lieben, und passen stattdessen unsere Körper an gesellschaftliche Wunschbilder an. Anstatt den Dialog zu suchen, sind  wir von kleinsten Meinungsdifferenzen tief gekränkt; anstatt eine gute Zukunft für unsere Mitmenschen und den Planeten anzustreben, scheuen wir jede Einschränkung unserer wirtschaftlichen Freiheiten. Schmidbauer erklärt, was hinter diesen Impulsen steckt, und plädiert für mehr Empathie und Gelassenheit im Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen.

Erschienen im April 2022 im oekom-Verlag.

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Der schwarze Atem

Gekürzt unter dem Titel Wir sind einander Aussätzige geworden erschienen in Die Welt am 21.1.2022

2020 war das Jahr des Virus, 2021 war das Jahr der Impfungen. Aber was ist 2022? Mein erster Einfall war das Jahr der Erschöpfung,  mein zweiter, der mir besser gefällt: das Jahr der Reparaturen. Es gibt viel heil zu machen. In dem Bestreben, Leben zu retten und Sicherheit zu gewinnen, ist viel kaputt gegangen. Das passierte einfach so. Wer es eilig hat, müsste ein Übermensch sein, um nicht zum Trampel zu werden. Wo gegen Gefahren gehandelt wird, dominiert ein kämpferisches Ego und zieht eine Schleppe von Kollateralschäden hinter sich her.

Die wenig Sichtbaren, die keine laute Lobby haben, litten am meisten. In einer Studie aus Hamburg-Eppendorf berichteten vor der Krise Kinder und Jugendliche zu rund 10 Prozent über Depressionen und Ängste. Während der Pandemie stieg die Zahl auf 15 Prozent für Depressionen und auf 30 Prozent für Ängstlichkeit. Unser Umgang miteinander hat sich nachhaltig verändert.  Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn zwei Jahre lang allen Menschen, die Nachrichten lesen oder die Tagesthemen einschalten, eingehämmert wird, dass kein Mensch mehr absolut sicher sein kann, für seine Mitmenschen jenen „schwarzen Atem“ mitzubringen, der in der Mythologie von J.R.R.Tolkien den bösen Geistern vorbehalten ist und jeden siechen lässt, der sich ihm aussetzt.

Es ist, als wären uns über Nacht Giftzähne gewachsen. Wenn ich gesund und kräftig bin, habe ich gute Chancen, das Virus abzuwehren. Aber ich spüre womöglich nichts und stecke doch andere an, die längst nicht so wehrhaft sind wie ich. Genau diese Möglichkeit hat Covid 19 zum Auslöser einer globalen Krise gemacht, die sich in verschiedenen Formen auch in der Psyche jedes Einzelnen festsetzt.

Nur noch im Märchen können sich Rotkäppchen und die Großmutter aufeinander freuen, wenn das junge Ding sich mit dem Kuchen im Körbchen aufmacht, um die Oma zu besuchen. Sicher war die Welt immer gefährlich; gerade in den Märchen fehlt es nicht an Wölfen, Hexen und dem leibhaftigen Teufel. Aber dass ich mich gesund und fröhlich fühle, und doch den Tod bringen könnte, das ist sehr neu und sehr unheimlich.

Weihnachten 2020 sah dann so aus: Eltern und Enkel bringen Plätzchen und eine Thermoskanne mit. Sie sitzen unten im Freien auf der Terrasse in ihren Daunenjacken, oben auf dem Balkon die Großeltern. Weil Familien ohne Sinn für Humor sowieso nichts zu feiern haben, geht das Ganze durchaus freudig über die Bühne. 2021 waren dann alle geimpft, geboostert, getestet in einem Raum – fast wieder normal?

Wer sich mit Vorhersagen zurückhält, ist auch sicher vor Blamagen. Aber soviel lässt sich mit Sicherheit sagen: wir werden nicht zu der Unbefangenheit zurückfinden, die 2019 selbstverständlich war, zu einer Zeit, in der sich Nähe und Distanz impulsiv regelten und wir Freunde besonders fest umarmten, wenn wir sie länger nicht gesehen hatten.

Bis 2019 gab es in meiner psychotherapeutischen Praxis Patienten, die mich mit roter Nase und tränenden Augen anlächelten, mir die Hand drückten und sagten: ich bin zwar erkältet, aber ich bin trotzdem zu Ihnen gekommen. Es wäre taktlos gewesen, sie wieder nach Hause zu schicken, was ich schon damals im Kopf hatte, auch wenn es nicht über die Lippen kam. Aber nach 2020 ist diese Szene verschwunden, eher kommt ein Anruf, eine mail, ich habe einen Schnupfen, komme lieber nicht, können wir telefonieren?

2020 habe ich den Händedruck zur Begrüßung und zum Abschied abgeschafft.  Das Risiko einer Ansteckung auf diesem Weg war immer sehr klein, aber die deutlichste Botschaft der Pandemie ist ja: Wo die Gefahr insgesamt groß ist, zählt auch der kleinste nachweisbare Schutz. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen,  Patientinnen und Patienten mit einem Händedruck zu begrüßen und zu verabschieden.

Es ist, als sei ich damit aus der Übung gekommen. Andere Rituale, die als Ersatz vorgeschlagen wurden, Fäuste, Ellenbogen, gar Knie oder Fuß zu verwenden, schien mir immer lächerlich. Der Händedruck hat eine ehrwürdige Tradition, er kommt aus einer Zeit, in der Männer Waffen trugen und wer die nackte Hand ausstreckte und drücken ließ, der trug nichts Gefährliches in ihr. Aber sind nicht die Zeiten vorbei, in denen derlei makroskopische Harmlosigkeit bewies, dass der Gruß besonders herzlich ist? Es liegt eine innere Logik darin, sich von einem Brauch zu verabschieden, der aus ritterlichen Zeiten stammt. Je mehr Menschen und Viren die Globalisierung durcheinanderwirbelt, desto weniger können wir Fremde ungeschützt anfassen. Wir sind einander Aussätzige geworden.

So scheint es mir nur konsequent, wenn ich nicht wieder damit anfange, Hände zu drücken. Zwei Jahre Pandemie haben ausgereicht, um mir klar zu machen, dass ich gar nicht mehr wissen will, wie das geht. Ich begrüße aus Abstand mit einer kleinen Verbeugung. Wenn die Sitzung vorbei ist, stehe ich auf und öffne das Fenster. Meine Klienten gehen aus dem Raum, ich winke ihnen zu, so ist das jetzt und so wird es wohl bleiben.  

Es gibt neue Rituale. Wir zeigen die Impfbescheinigung oder die Bestätigung über den negativen Test. Wir setzen die Maske auf. Auch wenn diese nicht mehr vorgeschrieben sein wird – es wird wohl in Zukunft auch hierzulande und nicht nur im fernen Osten Menschen geben, die es vorziehen, sich vor bösen Aerosolen zu schützen. Einst lagen Zigarettenpackungen auf dem Bürgersteig, heute und in Zukunft sind es Masken.

Die umfangreichste Reparatur wird eine paranoide Stimmung erfordern, die sich in den letzten Jahren bemerkbar macht. Sie ist ein Kind der Angst, ein exzessives Aufgeregtsein, in dem sich die Welt mit imaginären Feinden füllt. Paranoia heißt im Griechischen Vorbeidenken. Der Begriff ist aus der Psychiatrie in den allgemeinen Sprachgebrauch gesickert und wird auf Gedanken und Stimmungen angewendet, in denen Menschen sich verfolgt fühlen, nicht weil sie tatsächlich verfolgt werden, sondern weil sie eigene Aggressionen in andere projizieren.

Gegenwärtig fühlen sich Impfgegner von der Impfpflicht bedroht, als wollte man sie vergiften, während die ärztliche Forschung darlegt, dass der Piks weit mehr bewahrt als gefährdet. Wer mit dem naturwissenschaftlichen Denken vertraut ist, wird die Impfung für einen der gar nicht so zahlreichen medizinischen Fortschritte halten, die großen Nutzen für die Gesundheit mit minimalem Risiko verbinden. Einwände gegen diese segensreiche Erfindung haben jedoch die Menschheit belastet, seit es Impfungen gibt.

Gewiss sind die paranoiden Stimmungen durch die während dieser zwei Jahre in so viele Köpfe gehämmerte Phantasie über den giftigen Atem verstärkt worden. Durch Impfen, Testen, Masken und Kontaktverbote lässt sich die pandemische Gefahr kontrollieren. Aber diese Kontrolle ist immer lästig, oft wirtschaftlich bedrohlich und auf jeden Fall so pauschal, dass der Staat die Last der Nachteile nicht gerecht verteilen konnte. Nichts bringt Menschen mehr auf als die Drohung, ihnen etwas wegzunehmen, an dem ihr Herz hängt. Die Corona-Krise ist zwangsläufig eine Krise des Vertrauens. Wo das Vertrauen kaputt gegangen ist, keimen paranoide Phantasien. Wenn Menschen sich nicht mehr von den urtümlichen Affekten Angst und Aggression distanzieren können, suchen sie nach schnellen und einfachen Lösungen. So fallen sie Schnelldenkern zum Opfer, selbst ernannten Experten, die soeben eine Verschwörung aufgedeckt haben, die sich gegen die rettenden „natürlichen Abwehrkräfte“ richtet. Die Verschwörer sind Institutionen, die wir nicht entbehren können: die Weltgesundheitsorganisation, die wissenschaftliche Forschung, das Parlament, die Medien, die forschende Pharma-Industrie.

In halbwegs friedlichen Zeiten haben Ehepaare, Geschwister, Freunde gar nicht bemerkt, dass sie sich in ihrer Fähigkeit beträchtlich unterscheiden, Ängste und Aggressionen zu verarbeiten. In den Jahren 2020 und 2021 wurden solche Differenzen schmerzlich bewusst. Es gab Ehen, in denen sich die Partner entfremdeten, weil die Pandemie die Beziehung so überlastete, dass die Fundamente bröckelten. Ein Mann will das Haus nicht mehr verlassen und bunkert sich mit gelieferten Vorräten ein. Seine Partnerin möchte weiter in die Arbeit gehen und einkaufen. „Du willst uns umbringen!“ klagt er an. Inzwischen leben sie in Scheidung.

Im Tolkien-Universum gibt es ein Mittel gegen den schwarzen Atem. Es heißt Athelas, ein Elbenword für Königsblatt. Es ist eine eher unscheinbare Pflanze, ich denke an Maiglöckchen: kleine weiße Blüten und grüne Blätter. Wenn es zerrieben wird, verströmt es einen Duft, der an einen Frühlingsmorgen erinnert, düstere Gedanken und das Gift des schwarzen Atems vertreibt.

Misstrauen, Paranoia und Todessehnsucht weichen in Tolkiens Saga nicht den professionellen Ärzten, sondern einem Kind, das eine halb vergessene Heilpflanze findet. Das scheint mir ein versöhnlicher Gedanke. Kinder glauben doch, so lange sie nicht eines Schlechteren belehrt werden, dass Vertrauen bequemer ist als Misstrauen und Liebe stärker ist als Angst.

Die Qual der Wahl und die Wohltat des Zwangs

Der erste Teil dieses Essays erschien am 17.11.2021 in der WELT

Es gibt Fälle in der Paartherapie, in denen der Berater Mühe hat, nichts ins Nostalgische abzuschweifen. Wenn es eine moderne Szene gibt, die Love’s Labour’s Lost illustrieren könnte, dann ist es die verlorene Liebesmühe Liebender, die eigentlich gerne ein Kind möchten, aber unsicher sind und nun schon an der Frage scheitern, ob sie die Pille absetzen wollen. Es gibt sicher wichtigere Probleme als das Mitleiden des Therapeuten, was da in den Tagen und Nächten der Gespräche, Vorschläge, Rückzüge über dieses Thema an Lebens- und Liebesqualität verloren geht. Er mag sich sogar sagen, wenn das Entscheiden in der Moderne nicht so schwer geworden wäre, hätte seinesgleichen nicht viel zu tun.

Meist es ist unschwer möglich, sich mit solchen entscheidungsgequälten Paaren darauf zu einigen, dass es sich doch in vormodernen Verhältnissen weniger komfortabel, aber unter weniger seelischem Stress lebte. Eine Schwangerschaft fiel dem Paar auf den Kopf. Niemand musste sich für ein Kind entscheiden. Es war einfach da.

Aus diesem Vergleich lässt sich eine grundlegende Erkenntnis über die Dynamik der Psyche ableiten. Wir Menschen sind konstruiert, die Realität zu bewältigen. Mit der Eventualität tun wir uns schwer. Ein schwangeres Paar ist in aller Regel eine wunderbare Sache, es mag jede Menge Probleme geben, aber sie werden, eines nach dem anderen, abgearbeitet. Aber das Paar im Entscheiden, ob die eigene Liebe stark genug, entschieden genug ist für ein Kind, ob die berufliche Sicherheit ausreicht, den Lebensstandrad zu halten, ob die eigenen Elternerfahrungen (Psychologie im Nebenfach!) sich nicht negativ auswirken werden, ob ein gemeinsames Kind die empfindliche Haut des Vaters oder den schwachen Magen der Mutter…

Ich habe Paare erlebt, die vorab klären wollten, welche Freunde noch zu Besuch kommen dürfen, ob nach der Geburt Stammtischbesuche erlaubt bleiben und das Kind ein zweites Eis bekommt, wenn es das erste fallen lässt. Dürfen wir, wenn wir alleine Urlaub machen wollen, das Kind bei meinen Eltern lassen?  Kurzum: Wir wollen etwas Neues, aber keine der alten Sicherheiten verlieren. Wir sind zu keiner Entscheidung gekommen, aber wir haben alles versucht. Geben wir es diesmal auf, reden wir im nächsten Urlaub nochmal drüber.

Das  Urbeispiel einer Wahl-Qual ist nach einem Denker des Mittelalters Buridans Esel genannt. Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll. Schon vorher hat der persische Dichter Al-Ghazālī  (1058–1111) ein ähnliches Dilemma formuliert: Wenn ein durstiger Mann auf zwei unterschiedliche Gläser Wasser zugreifen kann, die für seine Zwecke in jeder Hinsicht gleich sind, müsste er verdursten, solange eins nicht schöner, leichter oder näher an seiner rechten Hand ist…

Die Qual der Wahl ist ein Luxusproblem, das Hungrige und Durstige nicht kennen, anders als Philosophen, die über Entscheidung und Willensfreiheit grübeln. Unsere Emotionen sind auf das Leben in der Kultur der Jäger und Sammler zugeschnitten. Wer bei jeder Begegnung schnell herausfinden muss, ob er Beute machen oder zur Beute werden kann, quält sich nicht mit Eventualitäten. Er handelt und überlegt nachher (wenn er Glück hat), ob er richtig agiert hat.

Unser Leben ist nicht so einfach, hart und gefährlich geblieben. Zur Kulturentwicklung gehört das Erstarken der Angst auf Kosten des Hungers. Der Steinzeitmensch erwacht und hat Hunger. Der Stadtmensch erwacht und hat Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Und irgendwann ist es die falsche Entscheidung, auf die richtige zu warten

Unsere Emotionen teilen die Welt in eine erträgliche und eine unerträgliche Hälfte. Unsere  Vernunft kann unendlich viele Vorzüge und Nachteile hinter einer Weggabelung aufzählen. Entsprechend parteiisch sind die Alltagsratschläge, mit denen wir Entscheidungsschwachen auf die Sprünge helfen. Handle aus dem Bauch heraus! Folge Deiner Intuition, deinem Instinkt, deinen Eingebung! Oder aber: Lege eine Liste an mit allen Vorteilen und Nachteilen jeder Entscheidung, gewichte sie nach einem Punktesystem, dann machst du keinen Fehler! Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach, sagen die einen; wer seine Träume aufgibt, gibt sich auf, die anderen.

Eine aktuelle Entscheidungsqual betrifft die Impfung gegen die Covid-Pandemie. Lasse ich mich impfen, lasse ich mich nicht impfen, was spricht dafür, dagegen, – ach, morgen ist auch noch ein Tag! Weil solches Zögern gefährlich ist und den schon sicher geglaubten Sieg über das Virus in Frage stellt, wäre ein staatlich verordneter Impfzwang hilfreich. Die Staaten handhaben das sehr unterschiedlich. Deutsche Politiker glauben, einen Beitrag zum seelischen Wohlbefinden ihrer Wähler zu leisten, indem sie deren Freiheit schützen,  sich für oder gegen eine Impfung zu entscheiden.

Psychologisch überzeugend ist das keineswegs. Denn wenn eine Impfung vorgeschrieben wird (wie früher die Pockenimpfung), fällt sie in ein neues Denkmuster. Sie ist einer der vielen Zwänge, mit denen sich ein moderner Bürger abgefunden hat, Schulpflicht, Führerschein, Geschwindigkeitsbeschränkung, Steuerzahlen, name it! Es gibt ein schönes altes Wort dafür: Staatsraison, ein System von Begründungen, die einfach gelten, damit der Staat funktioniert, starr und stur.

Um das Risiko der Infektion und das Impfrisiko rational zu vergleichen, muss ich naturwissenschaftlich denken und meinen Fähigkeiten vertrauen, Fakten von Gerüchten zu unterscheiden. Wer das nicht leistet, wird auf jeden Fall das Schuldgefühl über eine falsche Entscheidung vermeiden wollen, das unser modernes Leben so vielfältig belastet. Der Zwang nimmt ihm das ab. Er darf aufhören zu grübeln, es gibt etwas zu erledigen. Psychisch kann das eine Wohltat sein, auch wenn die Aktion lästig ist.  

Wir sind in eine Zeit geraten, in der die Vernunft dumm wird, wenn sie das Abwägen und damit Aufschieben zum Selbstzweck macht. Das gilt für die schwer beweglichen und vor allem auf Sicherung ihres Komforts bedachten Länder Europas noch weit mehr als für den Rest der Welt.

Zum Beispiel Brasilien: In Sao Paulo grassierte 2020 die Pandemie derart, dass Särge knapp und Massengräber ausgehoben wurden. Aber am 8. November 2021 ist binnen 24 Stunden niemand mehr an Covid gestorben, fast 100 Prozent der Bevölkerung sind geimpft. Das staatliche Gesundheitssystem kann für Schwerkranke viel weniger tun als Europas Krankenhäuser für die aufwändig versicherten  Bürger. Aber die Brasilianer haben sich vom Sinn der Impfprophylaxe überzeugen lassen. Fast könnte man sagen: je verrückter der Regierungschef, desto vernünftiger die Bevölkerung, denn Jair Bolsonaro behauptet bis heute, er könne nicht dafür garantieren, dass die Impfung nicht Männer in Frauen, Frauen in Männer oder beide in Krokodile verwandle.

Die Auserwählten

Für jemanden, der sich sein Arbeitsleben bemüht hat, Menschen zu helfen, war der Hass doch überraschend, den mein Text über die Qual der Wahl und die psychologischen Vorzüge einer Impfpflicht ausgelöst hat. Ich sei ein Nazi, meine Bücher gehörten in die Mülltonne….Wer solchen Kommentaren schon gelegentlich ausgesetzt war, nimmt das hin. Bewegt hat mich dann doch ein anonymer Brief, eine Kollage aus einem Fragment des gedruckten Artikels in der WELT und einer Impfspritze, übergossen mit einer roten Flüssigkeit, vielleicht Tinte, vielleicht Blut – Blut war jedenfalls gemeint. Kurzum: wer die Impfung gegen Covid in eine Reihe mit der Gurtpflicht im Auto und anderen Einmischungen des Staates stellt, ist ein Mörder.

Nun gehört es zum – je nach Perspektive – Nutzen oder Nachteil der Psychologie, dass sie aus allem etwas herauslesen kann. Also begann ich mir Gedanken zu machen, worin solche Verzerrungen des Urteils wurzeln und ob es möglich ist, sie zu verstehen. Apropos Gurtpflicht: Ich bin so alt, dass ich mich an die Zeit erinnere, in der sich niemand anschnallte. In meinem ersten Käfer, mit Zwischengas zu schalten, gab es immerhin schon Gewinde. Weil ich immer gerne gebastelt habe, baute ich die Gurte selber ein und legte sie auch an. Das war lange Zeit absolut freiwillig, aber mir leuchtete der Vorteil ein, nicht mit Brustkorb und Lenkrad einen Aufprall abzufangen.

Bekannte sagten, niemals würden sie sich anschnallen, das sei hochgefährlich. Sie wüssten aus sicherer Quelle, dass viele Angeschnallte elend in ihrem Auto verbrennen, weil der Gurt sich nach einem Unfall nicht lösen lässt. Aber es gab Forschung und Statistiken, am Ende setzte sich die Gurtpflicht durch. Noch Jahre später be, obwohl ich mich Jahre später an einen Taxisfahrer erinnere, der den Gurt zwar über seine Brust zog, damit es bei Kontrollen nicht auffiel, aber dessen eigentliche Funktion verweigerte, ein Gurtfälscher sozusagen.

Ich habe mich sechzig Jahre lang angeschnallt. Nur ein einziges Mal hat es mich vor Schaden bewahrt, in einem Landcruiser, der sich im Jemen überschlug. Das Auto hatte Gurte, aber niemand benutzte sie; ich musste meinen unter einer Wolldecke herausgraben und saß neben dem Fahrer, der aus dem Auto geschleudert wurde und seither im Rollstuhl sitzt.

Man wird einwenden, dass der Gurt eine äußerliche Sache ist, während die Impfung in den Körper eindringt. Das ist richtig, aber dieses Eindringen ist bis auf jenen winzigen Bruchteil, in dem es unerwünschte Wirkungen gibt, absolut harmlos, wie auch das Anlegen des Gurtes nur zu einem winzigen Bruchteil der Fälle den Fahrer in einem brennenden Auto fixiert. Es geht um die statistische Rationalität, das Abwägen von Nutzen und Schaden, und eine Entscheidung hin zum größeren Nutzen für die eigene Gesundheit und – im Fall der Impfung – für den Schutz Dritter.

Wer das Gespräch mit Impfgegnern sucht, findet dieses Abwägen sozusagen verrutscht: Dem Mainstream der Wissenschaft wird das Vertrauen aufgekündigt, die Pharmaindustrie hat schon oft gelogen, sie lügt auch diesmal, fälscht die Statistiken, es gibt viel mehr Impfschäden als die veröffentlichen Dateien sagen. Nun ist es richtig, dass große Konzerne und mächtige Industrien schon oft versucht haben, die Wissenschaft krumm zu machen. Immer wieder ist es ihnen eine Weile lang geglückt. Aber wenn es eine Institution gibt, die sich selbst reinigen kann und das auch tatsächlich tut, dann ist das doch die naturwissenschaftliche Forschung.

Während populistische Führer in von Korruption geplagter Staaten geradezu regelhaft den Kampf gegen Korruption auf ihren Fahnen schreiben, nicht um diese abzuschaffen, sondern um sie für ihre Anhänger zu erschließen, wird in der Naturwissenschaft nie vom Kampf gegen Fälschungen geredet. Er findet pausenlos statt. Es wird ständig geprüft, kontrolliert, nachjustiert. Wer Daten manipuliert, kommt damit nicht auf Dauer durch.

Pathetisch aufgeblähte Einzelfälle oder das Insinuendo von unterdrückten Wahrheiten, gegen die mutige Aufklärer kämpfen, entsprechen dem, was der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler 1921 in einem heute noch lesenswerten Buch das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin genannt hat. Auch Akademiker agieren unter Entscheidungs- und Handlungsdruck nicht wissenschaftlich, sondern selbstbezogen und undiszipliniert, schrieb Bleuler seinen Kollegen ins Stammbuch.

Die Impfpflicht ist nicht das große Gute, sondern das kleinere Übel. Sie wird weniger Menschen Angst machen als der Verzicht auf sie, aber jeder Einzelne, der leiden soll, ist einer zu viel. Die Ängste vor der Impfung sind nun einmal in der Welt. Wen sie bedrängen, der kann die Spritze nicht gelassen wirken lassen. Es ist eben nicht einfach, sein Denken so zu disziplinieren, dass es Wahrscheinlichkeiten akzeptiert und sich damit zufrieden gibt, dass etwas schon gut gehen wird, weil es eben sehr oft gut geht.

Je größer und näher die Gefahr, desto größer wird auch die Verzerrung der Risikoeinschätzung. So schiebe ich seit einem Jahr eine Augenoperation vor mir her, die eine trübe Linse austauschen soll, aber mit einem minimalen Risiko der Erblindung behaftet ist. Leider ist das zweite Auge vorgeschädigt, ich habe nur die eine Chance, wieder normal zu sehen, und niemand kann mir garantieren, dass ich nicht zu dem einen von tausend Operierten gehören werde, bei denen etwas schief geht.

Es ist eben ein Teil unserer Erziehung zur Persönlichkeit, zum unverwechselbaren Individuum, der uns von Kindheit und Jugend an ersehnen lässt, etwas Besonderes zu sein. Wenn wir gerne auserwählt wären – können wir dann sicher sein, dass uns nicht gerade auch die finstere Seite des Schicksals erwählen wird? Dass alle anderen Flieger, die gerade in der Luft sind, sicher landen, während der abstürzt, in dem ich sitze? Nimm dich nicht so wichtig, mahnt das Gewissen – aber indem es mahnt, macht es sich doch schon wieder wichtig und reißt uns aus der fatalistischen Gelassenheit, die in einem Slum der dritten Welt wohl einfacher zu haben ist als in einer Altbauwohnung in München-Schwabing.

Die narzisstische Komponente, mit der ich mich vor meiner Katarakt-Operation plage, spielt auch in der Impfdebatte eine wichtige Rolle. Unser Immunsystem, das eindringende Erreger abwehrt, ist ein ganz wesentlicher Teil der eigenen Phantasie über das Ich. Wenn ich alle eindringenden Viren aus eigener Kraft besiegen kann, erhebt das mein Selbst über die Ängstlichen, die sich das nicht zutrauen. Und dieses Gefühl, potenziell auf der Siegerseite zu sein, ein naturwüchsiger Held, soll ich opfern? Nicht gern, auch wenn ich zugebe, dass zu den Zeiten, in denen unser Immunsystem sich entwickelte, kein Fledermaus-Virenmutant im Airbus von Wuhan nach Europa reiste.

Ich erhoffe mir von der Impfpflicht eine von moralischen Blähungen befreite Situation. Es könnte dann Impfmuffel geben, wie seinerzeit die Gurtmuffel; große Worte wie Verantwortungslosigkeit oder eine Verschwörung der Schlafschafe würden verschwinden. Übrig bleiben Menschen, die unterschiedlich mit Ängsten umgehen, und ein Staat, der das ihm Mögliche für die Gesundheit seiner Bürger tut.

Wer Ängste schürt

Wer sich von den bösen Lügen über zehntausende von Impftoten anstecken lässt, wird sich fürchten. Eine von Todesgedanken begleitete Spritze in den Oberarm ist etwas ganz anderes als die realistische Sicht: Minimales Risiko, Schutz vor einer ernsten Krankheit.

Impfmythen haben die Menschheit belastet, seit es Impfungen gibt. So ist die gefürchtete Kinderlähmung sehr erfolgreich und weltweit durch eine Schluckimpfung bekämpft worden. Aber es gab auch Rückschläge, wie in Nigeria.  Dort wurden 2004 in muslimischen Bundesstaaten Gerüchte verbreitet, die „christlichen“ Impfstoffe würden Menschen unfruchtbar machen. Provinzgouverneure förderten die Gerüchteküche; der Streit zwischen muslimischen und christlichen Bundesstaaten ist in Nigeria endemisch.

Der nigerianische Boykott warf das Programm der WHO zur Ausrottung der Polio um Jahre zurück; mit den Mekkapilgern verbreitete sich die Ansteckung wieder bis nach Indonesien; es kostete das Global Polio Program 500 Millionen Dollar, den Schaden einigermaßen gutzumachen.

Vor einigen Tagen kam die Leiterin einer Kindertagesstätte in ihr Coaching. Sie ringt gerade mit der Belastung ihres Teams durch zwei junge Frauen, die sich partout nicht impfen lassen wollen, weil – die Impfung unfruchtbar macht.

Warum sich Kinder böse Eltern machen

Erschienen im November 2020 (etwas gekürzt) unter dem Titel „Immer auf die Eltern“ in Psychologie heute

Es würde unserer Vorstellung von einem normalen Verhalten entsprechen, dass wir die Gesellschaft von Personen suchen, die uns gut tun, und Kontakte mit Menschen meiden, die uns kränken. Aber erwachsene Kinder verhalten sich ihren Eltern gegenüber oft gänzlich anders. Sie suchen die Nähe zu kränkenden Eltern und weisen Gaben – etwa bares Geld – empört zurück, die sonst erfreut eingesteckt werden. Sie wollen verstanden werden und fühlen sich unverstanden.
Entwertend und voller Klagen über Eltern zu sprechen bedeutet keineswegs, dass die Bindung an sie schwach, die Wünsche an sie zurückgenommen sind. Sie werden nach wie vor gebraucht. Manches an den Äußerungen der erwachsenen Kinder hört sich an, als ginge es um die Rechtfertigung für einen eigenen Mangel an Lebenszufriedenheit oder Zukunftshoffnung. Die Eltern sind etwas schuldig geblieben, was sie hätten geben können, wenn sie nur gewollt hätten, – und die Folgen sind schlimm.
Es gibt erwachsene Kinder, die jedes zweite Wochenende weite Fahrten auf sich nehmen, um Eltern zu besuchen, die sie kränken. Ich habe absichtlich dieses Wort gewählt, obwohl „enttäuschen“ ebenso möglich wäre. Aber „enttäuschen“ heißt dem Wortsinn nach, dass eine Täuschung erledigt wird. Die Unfähigkeit, aus der Kränkung diese Enttäuschung zu machen, die Erwartungen tatsächlich zu korrigieren, wird zum Motor des Verhaltens der Gekränkten.

Erwachsene Kinder, welche Fehler ihrer Eltern beklagen, sprechen heute vor allem über Mängel in der Erziehung. Sie vergleichen ihre Eltern mit dem Bild, das sie von „wirklich guten“ Eltern entworfen haben. Sie überzeugen sich, dass die Probleme, die sie jetzt als Erwachsene haben, mit der Differenz zwischen den realen Eltern und diesem Idealbild zusammenhängen.
Damit sind die Eltern nicht in der Vergangenheit und in der äußeren Welt angesiedelt. Sie halten einen Brückenkopf im Inneren der erwachsenen Kinder und kontrollieren vermeintlich von dort aus das Kind. Diese fiktiv fortbestehende Einflussnahme ruft nach Verteidigungsmaßnahmen. Die Eltern ahnen oft nicht, welche Macht ihnen zugeschrieben wird. Sie sind hilflos gegenüber Aktionen des erwachsenen Kindes, die sich gegen eine Besatzungsmacht richten, vom der die Eltern gar nicht wissen, dass sie existiert. Selbst dementen  Eltern schreiben die erwachsenen Kinder eine Energie zu, die nur sie selbst besitzen.
Es gibt keine einseitige Transformation. Eine transformierende Beziehung (wie die Erziehung) wirkt in beide Richtungen. Indem die Eltern an das Kind Phantasien herantragen, indem sie ihm Bilder vermitteln, was sie selbst gerne geworden wären und was sie sich wünschen, dass das Kind werde, wecken sie in dem Kind Gegen-Phantasien. Es baut Bilder auf, wie die Eltern beschaffen sein müssten, um die eigenen Ziele zu erreichen und ein befriedigendes Leben zu führen.

Solange das Kind Erfahrungen mit einer äußeren Wirklichkeit macht und die Eltern ihm helfen, diese Erfahrungen zu verarbeiten, halten sich die wechselseitigen Erwartungen an klare Grenzen. Die Realität, mit der sich das Kind beschäftigt, ist konstant und allgemein. In einer Jägerkultur sind diese Konstanten das Verhalten und die Beschaffenheit der Jagdbeute. In einer agrarischen Tradition sind es Anbau und Ernte, Größe des eigenen Grundbesitzes, Frondienste an einen Feudalherrn. Eltern ernähren und schützen ihr Kind, so lange es klein ist. Sobald es selbständiger wird, ist es ebenso wie die Eltern Traditionen unterworfen, die über beiden stehen.

Das ändert sich in der individualisierten Gesellschaft. Jetzt werden die Phantasien der Eltern mächtiger – und ebenso die des Kindes. Das Kind ist vor die Aufgabe gestellt, herauszufinden, wie konform diese Phantasien der Eltern mit seinen eigenen sind. Der Vater findet es beispielsweise „normal“, dass seine 15jährige Tochter zur vorgeschriebenen Stunde zuhause ist und ihm jeden jungen Mann vorstellt, mit dem sie Kontakt haben möchte. Die Tochter findet diese Auflagen sinnlos und grausam, gehen sie doch über das hinaus, was unter ihren Altersgenossinnen als „normal“ gilt.
Es lassen sich zwei Positionen unterscheiden, eine, in der böse Eltern nachhaltig benötigt werden, und eine andere, in der das Versagen der Eltern als Ausdruck begrenzter menschlicher Möglichkeiten gesehen wird.

Position A: „Mein Vater hat mein Leben zerstört. Immer wenn ich an ihn denke, steigt diese Wut in mir hoch. Er kapiert einfach nicht, was er da mit mir gemacht hat.“
Position B: „Mein Vater war total überfordert, als ich in die Pubertät kam, damals habe ich ihn gehasst, jetzt denke ich nicht viel an ihn, aber wenn wir uns sehen, kommen wir miteinander aus.“

Die Unterschiede zwischen beiden Positionen sind nicht durch die faktischen Aktionen zwischen Vater und Tochter bestimmt, sondern durch deren Bearbeitung im bewussten und unbewussten Erleben. Die Erwartungen, bei der nächsten Begegnung eine ganz andere Person zu finden, die z.B. „versteht“, was sie dem Kind angetan hat, hängen mit unbewussten Bildern zusammen.
Das heißt: diesmal ist es die Tochter, die sich bemüht, den Vater zu transformieren. Sie denkt nach, wie sie ihm klarmachen kann, was er ihr angetan hat und was er tun hätte müssen, um ihr eine gute seelische Entwicklung zu bescheren. Sie fasst diese Gedanken zusammen zu Urteilen, wie ein „richtiger Vater“ sein müsste und wie viele Defizite sie ertragen musste, weil er diesem Bild nicht entspricht.
Wenn heute die soziale Kindheit in europäischen Familien länger dauert als die körperliche, ergeben sich nicht nur Konflikte zwischen den Adoleszenten und ihren Eltern. Eine zweite Konfliktquelle sind Dankesschulden, welche die Beziehung zwischen den erwachsenen Kindern und ihren Vätern oder Müttern belasten. Hier wie in vielen anderen Bereichen wird deutlich, dass Zivilisationsschritte die Menschen zwar vor körperlichen Schäden, vor Hunger und Obdachlosigkeit im Alter bewahren, gleichzeitig aber durch sie die seelischen Belastungen wachsen.

Diese seelischen Belastungen ergeben sich daraus, dass mehr imaginäre Elemente in die Kind-Eltern-Beziehung eindringen. In traditionellen Gesellschaften dominiert die physische Nähe von Eltern und Kindern; ohne sie wäre ja die Chance dahin, von den erwachsenen Kindern ernährt und gepflegt zu werden, sobald die eigenen Kräfte schwinden. In den modernen Gesellschaften leben Kinder und Eltern nur noch ausnahmsweise in einem Haushalt. Wo 40jährige nicht ausziehen, denkt der Kliniker an Alkoholsucht oder Psychose.
Je länger die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern dauert, desto mehr  (oft nicht in ihrem vollen Umfang bewusste) Phantasien wachsen in den Eltern, das Kind müsste ihnen ihre Mühe danken. Umgekehrt wachsen aber auch in den Kindern ebenfalls zum Teil unbewusste Phantasien, die Eltern müssten dankbar sein, dass sie sich so lange über alle möglichen Hürden gequält haben, um die Erwartungen der Eltern an ihren sozialen Erfolg zu erfüllen. Das Kind hat acht Jahre den Eltern zuliebe Cello geübt; die Eltern haben acht Jahre dem Kind zuliebe Instrument und Musikstunden bezahlt.

Da zudem beide Seiten wenig Gelegenheiten haben, ihre Dankesschulden durch körperliche Präsenz und physische Gaben abzugelten, kommen Eltern ebenso wie Kinder in die therapeutische Praxis, wenn die Kränkungen überhand nehmen, dass eine imaginäre Dankesschuld nicht nur ignoriert wird, sondern sogar Gegenforderungen auftauchen: nicht ich bin dir, nein, du bis mir etwas schuldig geblieben.
Wenn eine Studentin sich nicht zutraut, ihr Lieblingsfach zu wählen, sondern studiert, was ihr die Eltern empfehlen, liegt es an den Eltern, die sie nicht ausreichend in ihrer Autonomieentwicklung unterstützt haben. Wenn sich der erwachsene Sohn in seinem Kinderzimmer einnistet, die alleinerziehende Mutter ihn aus Furcht vor seinen Wutausbrüchen durchfüttert und ihm ihr W-Lan kostenfrei überlässt, liegt das daran, dass sie ihn im Babyalter vernachlässigt hat, weil ihr Freund sie schon während der Schwangerschaft sitzen ließ und sie unbedingt weiter arbeiten wollte. 

Wenn die Tochter mit ihrer Heilpraxis nicht genug verdient, um die Miete bezahlen zu können, liegt es daran, dass die Mutter ihren Beruf aufgegeben hat und als vaterabhängige Hausfrau der Tochter kein Vorbild war, wie man sich durchsetzt.
Wer sich lange unter Psychotherapeuten bewegt, selbst als solcher gearbeitet und später Therapeuten ausgebildet hat, kann nach meinen Eindrücken eigentlich der Scham nicht entgehen, dass seinesgleichen und womöglich er selbst zu Konstruktionen einer Schuld der Eltern  beigetragen hat. Die Psychoanalyse hat zwar die längste Geschichte, was die Einsicht in die Dynamik einer idealisierenden Übertragung angeht. Aber das bedeutet keineswegs, dass Psychoanalytiker konsequent darauf verzichten können, eine zugewiesene Rolle als die besseren Eltern unkritisch anzunehmen, statt sie kritisch zu befragen.
Wenn ein Therapeut unsicher ist, ob seine Arbeit Früchte trägt, wenn er an sich selbst zweifelt und diesen Zweifel nicht sinnvoll und produktiv findet, sondern mit Schuld- und Schamgefühlen auf ihn reagiert, dann stehen ihm zwei Auswege offen. Er kann selbst die Abstinenz verletzen und hoffen, bei seinen Klienten Trost zu finden, oder aber er kann (meist gemeinsam mit den Kranken) die Eltern seiner Patienten schwarz malen, um aus dem Kontrast zu diesen heller zu leuchten. Die defensiven Eigenschaften solcher Manöver sind in ihrer Schwarz-Weiß-Zeichnung und im Mangel an Selbstreflexion abzulesen. Aber gerade diese Qualitäten machen auch ihre Faszination aus.

Wie wir von guten Eltern alles Gute erhoffen, können wir fehlerhafte Eltern  immerhin für alles Böse verantwortlich machen. Wer Prestige hat und Sinn stiftet, muss eine reine Gestalt sein. Er weckt Neid, der in voller Wut losbricht, wenn er sich als eigennützig entlarven lässt. Die nun sich selbst ernennenden Richter projizieren auf ihr Feindbild ein Stück eigener narzisstischer Unersättlichkeit. Sie selbst sind sich – mit gutem Grund – der Reinheit ihrer Motive nicht ganz sicher. Aber solange sie eindeutige Teufel bekämpfen, stehen sie fleckenlos da.
Die erwachsenen Kinder halten das Bild von Eltern fest, die  stark und differenziert genug wären, um bei gutem Willen und entsprechendem Einsatz der nächsten Generation genau das zu geben, was ihr fehlt. Leider entziehen die Eltern sich böswillig oder gleichgültig dieser Aufgabe. Sie verweigern dem Kind etwas, auf das es ein Recht zu haben glaubt: Eltern, die so stark und einsichtig sind, wie man sie gerne hätte.

Die Tochter hat ein Psychologiestudium abgeschlossen. Sie lebt in einem Dauerkonflikt mit ihrer Mutter, die nach langen Arbeitsjahren als Hilfskraft in der Paketsortierung in Rente ist. Die Tochter erscheint mit rotgeweinten Augen in ihrer Analyse. „Ich habe meine Mutter besucht, bin eigens die vierhundert Kilometer gefahren, und was hat sie gemacht? Sie hat mir einen Geldschein zugesteckt. Ich will doch kein Geld von ihr, ich verdiene selbst genug, ich will, dass sie endlich versteht, wie ich lebe und was ich geleistet habe! Aber das interessiert sie nicht, sie fragt nur, wann ich endlich schwanger bin, weil sie sich ein Enkelkind wünscht. Ich habe das Geld natürlich nicht genommen, aber ich hatte dann doch ein schlechtes Gewissen, als ich sah, wie sie das gekränkt hat. Aber ich bin es leid, mich selbst zu verleugnen, nur damit sie glaubt, es sei alles in Ordnung.“

Im Erleben der Tochter ist die Mutter zur Psychologin mitgewachsen. Gleichzeitig vertieft die Mutter, ohne um diese Verletzung zu ahnen, eine Wunde im Selbstgefühl der Tochter. Diese hat sich bisher nicht zugetraut, schwanger zu werden; die Männer, die sich an sie binden wollten, fand sie uninteressant, zu weich, während die Männer, mit denen sie sich Kinder vorstellen konnte, selbst gebunden waren und ein sexuelles Abenteuer suchten. Hätte die Mutter Verständnis für diese Probleme? Sicher ist das nicht, aber die Tochter versucht gar nicht, ihre Geschichte zu erzählen.
Die Tochter hält umso energischer an einem Mutterbild fest, das ihr ebenbürtig ist, je weiter sie sich seit ihrem Eintritt in eine höhere Schule und ihrem Studium von der realen Mutter entfernt hat. Die Psychologin erinnert mit heftiger Scham, wie sie in den ersten Gymnasialklassen die Mutter entwertete und sich versteckte, wenn diese einmal vorbei kam um sie abzuholen. Erst wenn die Kameradinnen verschwunden waren, wagte sie sich aus ihrem Versteck und näherte sich der Mutter wie einer Fremden. Neben den Müttern ihrer Klassenkameradinnen wirkte die Hilfsarbeiterin plump. Sie war schlecht gekleidet und wusste nichts von small talk.   Die Tochter wünschte sich eine andere Mutter, sie schämte sich dieser Frau und fühlte sich schuldig über diese Scham. Sie lernte fleißig, um zu verhindern, dass die Schule Kontakt zur ihren Eltern aufnahm. Sie fälschte die Unterschrift der Eltern unter die Mitteilungen über Elternsprechtage, weil sie vermeiden wollte, dass ihre Lehrer die Mutter kennen lernten. Das fiel nie auf, da die Eltern getrennt waren, der Vater die Tochter nur selten sah und die Mutter erleichtert war, wenn sie ihre Ruhe hatte.
Die Tochter hätte das Rüstzeug, die Mutter zu verstehen und die Differenz zwischen der eigenen und der Entwicklung der Mutter wahrzunehmen. Sie unterdrückt diese Möglichkeit, um ihre Schuldgefühle abzuwehren, dass sie es nicht nur weiter gebracht hat als ihre Mutter, sondern dass sie ihr tatsächlich geistig überlegen ist. Sie ist doch nicht eingebildet! So leugnet sie die Differenz zur Mutter und erklärt sich deren begrenztes Verständnis als Desinteresse, gar bösen Willen: die Mutter ignoriert ihr Studium und macht der Tochter klar, dass sie keine richtige Frau ist.

So  erwarten erwachsene Kinder ihre eigenen Stärken von den Eltern. Besonders ausgeprägt scheint das im Mutter-Tochter-Verhältnis. Verglichen mit dem Mutter-Sohn-Verhältnis und der Vater-Tochter-Beziehung sind Mutter und Tochter einander primär näher. Sie reagieren auf Aggressionen mit Schuldgefühlen und verstärktem Bemühen, das Gegenüber von ihren absolut guten Absichten zu überzeugen.

»Dauernde Angst macht unglücklich«

SZ Magazin: Nach 1918 sind viele Menschen an Depression erkrankt, die die Spanische Grippe überlebt hatten. Wie ist das zu erklären?

In Zeiten der Rekonvaleszenz werden viele Leute depressiv, deswegen macht man ja auch Rehabilitationen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es außerdem unglaublich viele Umbrüche: Wer da nicht ganz fit war, war anfälliger für Depressionen. Soldaten sind das ohnehin, sie haben leicht das Gefühl, das Vaterland vergilt ihnen ihr Leid nicht. Die Integration der Soldaten im Frieden ist nach jedem Krieg ein Riesenproblem. 

Ist so eine Häufung von Depressionserkrankungen auch durch Corona zu erwarten?

Das ist sehr schwierig zu vergleichen, auch weil damals unglaublich viele junge Menschen gestorben sind, während Covid 19 ja vor allem durch die Gegenmaßnahmen das öffentliche Bewusstsein geprägt hat. Vergleichbar wäre allenfalls, dass im Weltkrieg der manische Fortschrittsglaube zusammengebrochen ist, der die „Gründerzeit“ geprägt hatte, und heute der manische Wirtschaftswachstumsglaube zusammenbricht, nicht allein wegen Corona, auch wegen des Klimawandels und der langsamen Krise der Verschwendungs- und Müllwirtschafterei.

Wann wird man depressiv?

Vor Depression schützt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich kann irgendetwas machen. Der Mensch ist so konstruiert, dass er in der Früh mit Hunger aufwacht. 99 Prozent unserer Existenz auf der Erde war das so. Der Mensch erwachte hungrig und suchte essbare Pflanzen oder jagte. Wenn er etwas gefunden oder  erbeutet hatte, ging es ihm gut. Er konnte etwas machen, um das ungute Gefühl am Morgen selbstwirksam zu beseitigen. In der Zivilisation fällt das weg, stattdessen wacht man auf und macht sich Sorgen. Sobald die Sorgen sich multiplizieren, läuft man Gefahr, die negative Stimmung nicht mehr loszuwerden. Arbeitslosigkeit, Verlust von Angehörigen, Stress in Beziehungen – das sind dann die Auslöser von Depressionen, einer typischen Krankheit der Moderne. 

Der ursprüngliche Zustand des Menschen ist also einer der Unzufriedenheit und des Unglücks?

Nein. Hunger ist kein Unglück, Hunger aktiviert. Dauernde Angst macht unglücklich. Chronische Angst bedeutet großen Stress. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war ein unglaublicher Zivilisationsbruch. Der Glaube an die Moral und den Fortschritt ist da kollabiert. Die faschistische Bewegung kann man ja auch als manische Abwehr dieses Zusammenbruchs verstehen. Aus allen möglichen Bruchstücken – Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus – wurde da eine Weltanschauung gebastelt, mit der man die Niederlage abtun konnte. 

Man nennt die Spanische Grippe auch die vergessene Pandemie.

Damals waren die meisten Menschen durch den Krieg traumatisiert die Pandemie ist quasi auch in dem allgemeinen Umbruch untergegangen und vergessen worden. Es sind viele Leute daran gestorben, gerade junge Menschen, es war viel schlimmer als Corona, aber man hat die Spanische Grippe mit einem heute kaum vorstellbaren Fatalismus hingenommen. Die Menschen litten, aber niemand dachte daran, das Leben stillstehen zu lassen. Man hat die Grippe nicht groß zum Thema gemacht, obwohl die Schulen geschlossen und ein paar andere Maßnahmen ergriffen wurden.

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie fanden nicht nur Beifall.

In den Reaktionen wurde ein Generationenkonflikt deutlich: Die Kritiker der Maßnahmen unter den Epidemiologen  waren älter, sie meinten, wenn es den Test nicht gäbe, hätten wir das hingenommen wie eine schwere Grippewelle. Aber es ist viel leichter, zu kritisieren als es richtig zu machen. Ganz neu ist, dass die Infizierten und Toten jeden Tag in der Zeitung stehen, wie während der Olympiade die Medaillen. So entsteht ein enormer Druck.  

So ein Standpunkt wäre doch allenfalls von jungen Virologen zu erwarten gewesen?

Erstaunlicherweise haben die jungen Virologen eben nicht die Interessen ihrer Generation vertreten.

Erst hieß es, Lungenautomaten könnten die meisten Patienten retten, dann zählte man doch viele Tote auf der Intensivstation. Kann die Uneinigkeit unter Virologen über Übertragung und geeignete Gegenmaßnahmen Menschen verzweifeln und depressiv werden lassen?

Es gab viel Latrinenparolen, aber einige Erkenntnisse waren gesichert. Die Möglichkeiten einer Epidemie zu begegnen sind fortgeschritten. Intensivstation bedeutet halt, ungefähr fünfzig Prozent der Patienten sterben. Ohne Intensivstation wären es alle. Die Politik musste sich 1919 nicht um Intensivbetten sorgen, es gab keine. Die Medien haben viel Angst und viel komische Hoffnungen produziert. Ich las einmal, ein Wundermittel sei entdeckt worden: Cortison! Das gab es 1919 nicht, aber heute doch schon eine ganze Weile, und es ist wirklich sehr nützlich, aber kein „Medikament“ gegen Covid 19!  Alles wurde hochgekocht. Bei der Hongkong-Grippe gab es 1968 auch eine unglaubliche Steigerung der Todesrate, ich habe die noch erlebt. Ein, zwei Millionen mehr Tote als in anderen Jahren, aber in der Süddeutschen stand es nur im Kleingedruckten. Die Schulferien wurden verlängert, ich war damals Medizin-Journalist, die Grippe war nicht wichtig, stattdessen hat man über die erste Herztransplantation berichtet. Dass mehr Leute mit chronischer Bronchitis oder eingeschränkter Lungenfunktion oder mit schweren Herz-Kreislauf-Problemen gestorben sind, ganz ähnlich wie heute, hat damals niemanden groß beschäftigt.

Glauben Sie, die Unsicherheit unter Wissenschaftlern ist heute geringer als früher?

Der Druck ist heute viel größer. Die Frage, wie gefährlich ein Virus ist, wurde in der Fachpresse diskutiert. Keine Tageszeitung hat sich dafür interessiert. 

Werden der eingeschränkte soziale Kontakt, fehlende Zärtlichkeit und geringere Kommunikation während des Lockdowns zu einer Zunahme von Depressionen führen?

Ausnahmsweise vielleicht schon einmal, vor allem bei Menschen in Heimen, die plötzlich isoliert werden. Der Lockdown hat sicherlich Stress bedeutet, und Stress ist ein Auslöser von Depression, aber ich sehe eher die Gefahr, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns zu einer Steigerung von Depressionserkrankungen führen könnte. Eine große Spaltung  zeichnet sich in der Gesellschaft ab. Ich kenne einen Sportlehrer – für ihn was der Lockdown bezahlter Urlaub. Und eine Freiberuflerin – sie musste sich arbeitslos melden. Sie ist froh, freiwillig in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt zu haben, denn sonst wäre sie jetzt auf Harz-IV angewiesen. Da gibt es unglaublich deprimierende Einzelschicksale, die überhaupt nicht durch staatliche Hilfen kompensiert werden können. Schon allein weil der Depressionsschutz durch die Selbstwirksamkeit ausfällt – ich verdiene meinen Lebensunterhalt durch etwas, was ich gerne mache. Das kann man nicht jemandem wegnehmen und sagen, du musst mit Harz-IV auskommen! Das ist eine psychische Risikosituation, die letztlich auch die Aggressionsbereitschaft in einer Gesellschaft steigen lässt. Früher haben die Armen bei einer Hungersnot Hass auf die Reichen entwickelt, die sich noch Brot kaufen konnten. Die einen haben durch den Lockdown ihre Sicherheit und Selbstwirksamkeit verloren, die anderen haben sie behalten. Das ist eine große Belastung für den Zusammenhalt. 

Ist Depression nun genetisch veranlagt oder kann sie jeden ereilen, wenn nur der Stress zu hoch wird?

Unter massivem Stress – etwa in einem Vernichtungslager – werden wohl alle Menschen depressiv. Es gibt eine erbliche Disposition, die sich am besten als eine gesteigerte Sensibilität beschreiben lässt. Wenn jemand günstige Lebensbedingen hat, führt diese Veranlagung womöglich zu  Kreativität, Feinfühligkeit, oft auch Tüchtigkeit. 

Sie sprechen jetzt von dem, was man früher Melancholie genannt hat?

Bei Dürer galt sie als Zeichen des tiefen Denkers. Die modernen Lebensbedingungen laufen darauf hinaus, dass ein unerfüllbares Versprechen von der Gesellschaft gemacht wird, nämlich: Wenn du dich anpasst und deine Aggressionen unterdrückst, deine emotionale Autonomie einschränkst, wenn du also alles immer richtig machst und gute Noten schreibst und tust, was deine Vorgesetzten dir auftragen, dann wirst du glücklich werden. Ich sage überpointiert: Wer im Leben alles richtig macht, wird nicht glücklich, sondern depressiv. Es gibt Statistiken, welche Berufe besonders häufig unter Depressionen leiden und  besonders oft Anti-Depressiva verschrieben bekommen.  Das sind in Deutschland die Altenpfleger und die Mitarbeiter in den Callcentern. Kann man sich auch gut vorstellen, die kriegen sehr viele Aggressionen ab, müssen aber ständig freundlich bleiben. Ganz ähnlich in der Altenpflege. Das ist ein Beruf, der sehr viel Disziplin gegenüber den eigenen Aggressionen verlangt. Ein Kind ist dankbar, wenn man es versorgt, alte Menschen würden das lieber selbst machen und sind eher undankbar und  wütend. Kein Wunder, dass Altenpfleger dreimal so oft an Depressionen leiden wie der Durchschnitt.

Sie glauben eher nicht an rein körperliche Ursachen für Depressionen? Also auch nicht an die Wirkung von Anti-Depressiva?

Das Modell einer genetisch bedingten Stoffwechselstörung, die durch Anti-Depressiva geheilt werden kann, ist ein Mythos.   Wissenschaftlich ist das nicht haltbar. Das Entweder-oder mit körperlicher Ursache auf der einen, seelischer auf der anderen ist Unsinn. Alles Seelische ist auch körperlich, das ist eine veraltete Diskussion. Genauso wie die Frage, ob Intelligenz angeboren oder durch die Umwelt gefördert ist. Sie ist immer beides. 

Das heißt, Sie sprechen sich nicht in jedem Fall gegen Antidepressiva aus?

Ich persönlich halte nicht viel von ihnen und würde sie nicht schlucken. Es gibt Studien, dass sich ihre Wirkung wenig von der durch Placebos unterscheidet, aber es gibt Einzelbeobachtungen von Patienten, denen es damit wirklich besser geht,  das will ich nicht wegdiskutieren. Außerdem gibt es auch eine psychologische Komponente in der Medikation: Normalerweise nimmt der Depressive die Haltung ein, dass er sich mehr anstrengen müsste, weil er sich für faul hält, einen Drückeberger. Der Patient hat ein schlechtes Gewissen. Was mit Medikamenten behandelt wird, ist nun eine echte Krankheit. Er muss sich  nicht mehr vornehmen, sich mehr zusammenzureißen, sondern er ist wirklich krank, das bedeutet eine große Entlastung auf psychologischer Ebene.

Haben Sie als Therapeut nie Antidepressiva verschrieben?

Ich bin Psychologe und Psychoanalytiker, ich mache Gruppen- und Paartherapie. Ich darf gar keine Medikamente verschreiben, ich fände es auch nicht richtig, da sie oft Nebenwirkungen haben und man was vom Stoffwechsel verstehen muss, um die einzuschätzen.   Die Behandlung der Wahl ist Psychotherapie, das sagen auch die Wissenschaftler in der Medizin. Was die Praktiker dann tun, um die depressiven Patienten ohne viel Zeitaufwand zu versorgen, steht auf einem anderen Blatt und dient vor allem den Interessen der Pharma-Industrie. 

Ist das erste Ziel einer Therapie bei Depression, die Lebensumstände zu verändern, um wieder das, was Sie Selbstwirksamkeit nennen, erfahrbar werden zu lassen? Raten Sie dem Callcenter-Mitarbeiter nicht sofort zum Jobwechsel?

Zuerst muss die Psychotherapie erkennen, wie verarbeitet jemand seine Situation. Wenn er akzeptiert, dass die Situation viele Belastungen mit sich bringt, dann ist sie leichter zu  ertragen, als wenn man denkt, ich bin ein Versager. Wenn man die Lebenssituation als schwierig akzeptiert, fällt es einem leichter, eine Lösung zu finden und sich neu zu orientieren. Das moderne Leben übt auf die Psyche einen Raubbaudruck aus. Der Anpassungsdruck im  Job produziert eine  riesige Abhängigkeit. Der Mann, der den Spruch „I love NY“, erfunden hatte, ist gerade gestorben. Er hat mal zehn Thesen veröffentlicht, wie man als Kreativer leben kann. Er zitiert darin  John Cage, der im Alter von 74 gefragt wurde, wie man zufrieden altert. Cage sagte: „Nimm niemals einen Job an. Schau dass du jeden Tag das Frühstück für deine Kinder auf den Tisch bekommst, und das ist es dann. Mehr ist nicht zu tun.“ Das hat mich an die Geschichte der Jäger und Sammler erinnert. Aufwachen und schauen, was man jagen kann, und nicht denken, dass der Arbeitgeber dafür schon sorgen wird.  Die Idee dahinter ist, dass man sich nie völlig abhängig machen und nie glauben darf, alles wäre sicher. „Wenn ich alles richtig mache, dann bleibt die Welt, wie sie ist.“ – Diese Lebenseinstellung führt zu großen Enttäuschungen. Auch in Liebesdingen. „Ich heirate eine Frau, mache alles richtig, bin ganz brav, ein guter Ehemann, stinklangweilig, meint die Frau irgendwann, verliebt sich in jemand anderen und haut nach zehn Ehejahren ab. Und der arme Kerl versteht nicht, warum, er hat ja alles richtig gemacht.

Die trügerische Illusion der Gewissheit. 

Je früher jemand kommt, desto eher lässt sich diese Lebensstrategie noch ändern. „Du hast eine Stoffwechselstörung, die behandeln wir jetzt mit Medikamenten“, ist eine Konstruktion, die jemanden entlastet, der sich zu schwach fühlt, sein Leben noch zu ändern. Ich widerspreche  in so einem Fall lieber nicht und rate nicht: Lassen Sie bloß dieses Gift weg. Das wäre übergriffig. Ich sage stets: Ich verstehe nichts davon. Wenn es Ihnen gut tut, nehmen Sie es. Sollte mich jemand fragen, erzähle ich auch von der dubiosen Wirksamkeit solcher Mittel, aber ich würde nicht die Initiative ergreifen und mich nicht einmischen.

Freiberufler und Künstler sind ja auch nicht frei von Depressionen.

Natürlich nicht. Auch Therapeuten nicht, die jede Menge bürokratischer Kontrollen über sich ergehen lassen müssen. Wir müssen Anträge schreiben und die müssen genehmigt werden. Ich betreue jetzt nur Privatpatienten und bilde aus, ich bin in einer sehr privilegierten Situation, aber natürlich kann ich mich auch nicht darauf verlassen, dass es so bleibt. Irgendwann verschwinden die Privatversicherungen und dann kann es wirklich sein, dass ich Ärger kriege. Aber ich bin jetzt 79 und um jedes Jahr froh, das ich noch arbeiten kann.

Sind Therapeuten tatsächlich besonders disponiert für Depressionen?

Ja, wenn auch nicht so schlimm wie im Callcenter. Es gilt grundsätzlich bei allen Burnout-Erkrankungen: Die Krankenschwester ist gefährdeter als die Ärztin, weil die erste kaum Perspektive auf eine berufliche Entwicklung hat. Die Ärztin kann alles Mögliche machen. Entwicklungsmöglichkeiten schützen vor Depressionen. 

Wie viele Patienten unterziehen sich einer Therapie wegen Depressionen?

Ich denke, das ist die häufigste Diagnose. Ängste und Depressionen. 

Nach Corona wird die Diagnose nicht häufiger gestellt?

Das zu sagen wäre verfrüht. Es ist erwiesen, dass die Zahl der Psychotherapien wegen Depressionen und die Verordnung von Antidepressiva kontinuierlich ansteigen. Durch Corona wird sich der Trend nicht dramatisch verändern, sondern weiter steigen. Ich denke nicht, dass die Virusinfektion als solche irgendwie das Gehirn so angreift, dass die Depressionswahrscheinlichkeit ansteigt. Natürlich ist die Depressionsgefahr auch größer, wenn jemand körperlich krank ist. Jeden Tag eine halbe Stunde zu joggen ist ein unglaublich gutes Mittel gegen Depressionen. Wer sich eine Sehnenzerrung zuzieht und nicht mehr trainieren kann , wird vielleicht depressiv und kommt eventuell auch in Behandlung. Dann muss er versuchen, das Leben neu zu strukturieren.

In Folge der Spanischen Grippe trat noch ein Krankheitssymptom vermehrt auf: die europäische Schlafkrankheit. Sie wurde bis 1925 diagnostiziert, und die Leute waren tatsächlich antriebslos und haben viel geschlafen. In Tansania soll es sogar eine Hungersnot gegeben haben, weil die Leute es versäumt hatten, auf die Felder zu gehen. Könnte uns so etwas wegen Corona bevorstehen?

Die Ursache für diese Hungersnot ist wahrscheinlich ein Rätsel, das man nicht mehr aufklären kann. Augenblicklich gibt es ja eine umstrittene Erkrankung, das chronische Müdigkeitssyndrom, das auch mit Viren in Verbindung gebracht wird: Wenn jemand nach einem überstandenen Pfeifferschen Drüsenfieber 18 Stunden täglich schlafen möchte, und sein Studium, sein Leben verpasst. Heute sind die Ursachen für diese Erkrankung umstritten.  Vor vierzig Jahren gab es darüber noch einen Konsens, da hat man das Müdigkeitssyndrom als psychogen erklärt. 

Psychogen?

Seelisch bedingt. Man untersuchte die Leute, fand nichts, also mussten sie zum Therapeuten. Irgendwann ist das Virus nicht mehr aktiv, die Leute unterscheiden sich in ihrem organischen Zustand nicht von Leuten, die nicht müde sind. Ob es dann wirklich an der Psyche liegt, das weiß ja niemand so genau. Genauso wenig wie beim Beispiel der Hungersnot in Tansania, das eine Spätwirkung dieser Virusinfektion gewesen sein könnte oder vielleicht die Folge einer misslungenen psychosozialen Aufarbeitung. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ein Bauer seine Felder nicht bestellt, weil er sich müde fühlt. Das ist ja auch ein sehr selbstwirksamer Beruf. Da müsste man sich in die Sozialstruktur zu Zeiten des Kolonialismus vertiefen, um die Arbeitsbedingungen der Bauern genauer kennenzulernen. Die Psychiatrie ist ja auch ideologisch gefärbt. In den amerikanischen Südstaaten gab es eine Diagnose mit dem Namen Drapetomanie. Die wurde bei Sklaven gestellt, die davonlaufen wollten. Für die war der Psychiater zuständig. Im deutschen Konversationslexikon der Jahrhundertwende finden Sie diese Krankheit noch beschrieben. Heute würde man diese  Drapetomanie als angemessene Reaktion auf Sklaverei ansehen. 

Wieviele Formen von Depressionen unterscheiden Therapeuten?

Die Klassifikationen haben etwas Fliegenbeinzählerisches. In der Praxis unterscheidet man keine Formen, sondern behandelt den individuellen Kranken. Es gibt unterschiedliche Schweregrade. Die larvierte Depression, die sich in körperlichen Symptomen äußert, die leichte Depression, von der man auch als depressive Reaktion spricht, und dann die schwere Depression, die mit einer ausgeprägten Lähmung einhergehen kann. Wenn beispielsweise eine Patientin erzählt, dass sie sich zum Frühstück setzt und irgendwann guckt sie auf die Uhr und es ist mittag – das ist dann schon ziemlich heavy.

Können Depressionen ganze Gesellschaften befallen und in einem kollektiven Gedächtnis über längere Zeit wirksam bleiben?

Ich glaube da nicht dran. Alles, was psychologisch ist und mit kollektiv verbunden wird, ist meines Erachtens immer eine sehr problematische, eigentlich literarische Kategorie. Das kollektive Unbewusste von C.G. Jung ist etwas Poetisches, das kollektive Gedächtnis ist ein literaturwissenschaftliches Konzept. Naturwissenschaftlich würde ich sagen: Es gibt Menschen, die haben ihr Gedächtnis und es gibt soziale Strukturen und historische Ereignisse, die ihr Gedächtnis und Erleben prägen.

Sie glauben auch nicht an ein depressives Zeitalter nach der Spanischen Grippe?

Nein. Nach dem ersten Weltkrieg gab es einen Zivilisationsbruch, in dessen Folge viele Menschen depressiv geworden sind, weil er schwierig zu verarbeiten war. Auch weil davor eine manische Stimmung dominiert hat: In ein paar Monaten ist der Krieg vorbei und wir haben ihn gewonnen. Nach vier Jahren hat man gehungert, es gab viele Tote, die Individuen waren erschöpft und krankheitsanfällig. Ich weiß nicht, warum man für die Erklärung noch Begriffe wie die vom kollektiven Gedächtnis oder depressiven Zeitalter einführen sollte. Beide Begriffe sagen nicht viel. 

Interview: Lars Reichhardt für SZ Magazin Online

In Zukunft wird es noch komplizierter

Zwischen dem Problem und dem Dilemma zu unterscheiden ist ein Denkmodell, das uns in schwierigen Situationen weiterhilft. Während das Problem gelöst werden kann, ist das Dilemma unlösbar. Die Corona-Krise liefert viele Beispiele dafür. In den politischen und medialen Reaktionen tritt die Ansteckung durch die Übertragung eines Virus absolut in den Vordergrund, ein typisches Problem mit klarer Ansage – ich bin entweder kontaminiert oder nicht. Das Dilemma meldet sich, sobald wir uns über die komplexen Bedingungen der menschlichen Immunabwehr informieren, die darüber entscheidet, ob und wie wir eine Virusinfektion bewältigen. 

Wenn ich beispielsweise kategorisch verbiete, dass alte Menschen in Heimen von ihren Angehörigen besucht werden, schütze ich sie hoffentlich vor einer Covid-19-Infektion. Gleichzeitig löse ich aber womöglich eine Depression aus, die ihre Immunabwehr so schwächt, dass sie einem der Keime erliegen, die längst im Heim zirkulieren.

Sollen wir zu Maßnahmen greifen, die für einen minimalen Gewinn an Ansteckungskontrolle den Menschen Möglichkeiten rauben, sich überhaupt noch sicher und geborgen zu fühlen in dieser neu geschaffenen Sozialwelt? Jogger im Stadtpark festnehmen, verbieten, dass Hunde Gassi geführt werden?

Der hohe Organisationsgrad der modernen Gesellschaften hat eine wenig reflektierte Entwicklung zu einem kalten Denken in simplen Alternativen induziert. Eine auf plakative Vereinfachung zielende Konstruktion des medialen Events gibt häufig vor, wir könnten ein Dilemma in ein Problem zurückverwandeln – mit schwerwiegenden Folgen. Wer in Zeiten größter Unsicherheit die Gefahr erst verleugnet und dann durch „radikale“ Gegenmaßnahmen wieder Punkte gewinnen möchte, tut den Bürgern keinen Dienst.

Es ist eine gesicherte psychologische Erkenntnis, dass nicht die realistische, sondern die dramatische Gefahr (also nicht der Autounfall, sondern der Flugzeugabsturz) unsere Phantasie stimuliert und unsere Ängste prägt. Die Nachrichten von Überlastung der Kliniken, wirtschaftlichem Absturz und drohenden Todesfällen sind unter dem Gesichtspunkt des kalten Denkens korrekte Warnungen, um einen kontrollierten Ablauf der Pandemie durchzusetzen. Psychologisch sind sie durch die induzierte Panik schädlich, in einem Umfang, der nicht deshalb geringer sein muss als das Risiko durch den Kontakt mit dem Virus, weil er sich schlechter objektivieren lässt.

Wenn ich von vielen tausend Coronatoten lese oder höre, wird auf den subtilen, aber unzweifelhaft belegten Wegen der Psychoimmunologie mein Glaube geschwächt, dass ich eine Ansteckung verkraften kann. Da nützt es nicht viel, wenn sich bei genauerem Hinsehen zeigt, dass viele Verstorbene schon vor der Infektion chronisch krank waren und im Grund nicht an, sondern mit dem Virus gestorben sind.

In den Ermutigungsansprachen der politischen Führer weltweit dominiert eine falsche Sicherheit, die oberste Priorität für Gesundheit und Leben zu kennen und sich energisch für sie zu entscheiden. Der populärste Mann ist nun, von der Welle des Events nach oben gespült, ein Landesvater, der das Gemeinwohl durch seine Restriktionen sichert. Leben vor einem schnellen Tod an definierter Ursache zu bewahren, schenkt den Virologen eine Expertenmacht, um die sich etwa die Klimaforscher seit Jahren vergeblich bemühen.

Wir werden erst in den nächsten Jahren einigermaßen beurteilen können, was für die Gesundheit der Menschen auf dem Planeten segensreich, was schädlich war von den Maßnahmen, welche in der Corona-Krise getroffen wurden. Je länger wir mit ihr leben, desto stärker wird sie sich in Einzelschicksale auflösen, desto mehr werden neben den Virologen auch die Psychoneuroimmunologen und die Therapeuten zu Wort kommen, die sich theoretisch und praktisch mit der menschlichen Widerstandskraft beschäftigen.

Sicher wissen wir schon heute, dass Ängste und Depressionen das Immunsystem schwächen. Die Politiker haben viel versprochen, um die Menschen zu entlasten, die um ihre Zukunft bangen. Aber tönende Reden über schnelle und unbürokratische Hilfe bringen den Bürger zur Verzweiflung, wenn sie sich im konkreten Fall als schlichte Lügen entpuppen. Ein Künstler, dem die staatlichen  Verbote Auftritts- und Verdienstmöglichkeit genommen haben, stellt einen Antrag. Er gerät unter eine Lawine von Bürokratie, wird auf das Internet verwiesen, die Zuständigen sind ins Homeoffice verschwunden und schicken erste einmal hundert Seiten Text, fordern ein Dutzend Bestätigungen in beglaubigter Abschrift.

Unter unbürokratischer Hilfe stellt sich ein geplagter Mensch vor, dass er zu einem anderen Menschen Kontakt findet, der ihm zuhört, sich in seine Lage versetzt, vielleicht das eine oder andere Dokument studiert,  um Missbrauch auszuschließen. Nach ein bis zwei Stunden wird die Hilfe gegeben oder verweigert; wird sie verweigert, kann es umständlicher werden, weil dann Streitfragen geklärt werden müssen. Aber erst einmal und ganz selbstverständlich bis zum Verdacht auf das Gegenteil wird ebenso geglaubt und vertraut wie gezweifelt und kontrolliert.

Das kalte Denken geht immer vom Negativen aus und sucht es um jeden Preis zu kontrollieren; das warme Denken orientiert sich an der Empathie. Weder leugnet es die Gefahr, noch die Tatsache, dass die meisten Menschen Vertrauen verdienen und es erst einmal darauf ankommt, ihnen Sicherheit zu geben. Es fließt leicht von den Lippen und in die Tastaturen, dass der Staat für die Bürger da ist. Wer aber etwas von einem Staat möchte, der in der Krise behauptet hat, alles für die Bürger tun zu wollen, stößt auf jenes bürokratische System, dessen Überwindung ihm soeben zugesagt wurde.

Das kalte Denken geht von einem Betrüger aus und fordert erst einmal den Beweis, keiner zu sein. Am schlimmsten wirkt es auf die Psyche, wenn warme Zuwendung zugesichert, aber Kälte praktiziert wird. Die Coronakrise produziert Gewinner und Verlierer in einer bisher nie da gewesenen Selektion und Intensität. Wer mit einem kleinen Laden, einer Ich-AG als Musiker, Theatermacher, Autor bisher gut durchgekommen ist, sieht bedroht, woran sein Herz hängt. Wer sich über den Trott als Beamter geärgert hat, sieht auf einmal den Segen eines festen Gehalts und einer sicheren Pension in leuchtenden Farben.

Es ist leicht, guten Mut zu predigen, aber schwer ihn unter widrigen Umständen zu bewahren. Vielleicht hilft die Corona-Krise einer Leistungsgesellschaft wieder, die Kunst zu erlernen, ordentlich krank zu sein. Kinder bewältigen die Infektion beileibe nicht nur deshalb am besten, weil ihr Immunsystem gut trainiert ist. Sie machen sich in der Regel auch weniger Sorgen als die Erwachsenen, sie können den inneren Druck besser abwehren, der schon immer eine große Gefahr bei Virusinfektionen gewesen ist. Sie fühlen sich krank, wenn sie krank sind, legen sich ins Bett, wenn sie fiebern, und stehen auf, wenn es ihnen besser geht.

Anders die ehrgeizigen, sportlichen Erwachsenen, die auch schon in Vor-Corona-Zeiten lebensgefährliche Verläufe von Lungenentzündungen boten, weil sie ihre Erkältung kleinredeten und mit schnell eingeworfenen Medikamenten Symptome unterdrückten, um weiter zu arbeiten und womöglich auch noch ihr Fitness-Studio aufzusuchen. Wenn sie dann plötzlich mit schwersten Symptomen zusammenbrechen, wird das gegenwärtig der Unberechenbarkeit des Erregers zugeschrieben, nicht der Unfähigkeit der Erkrankten, ihren inneren Zustand ernst zu nehmen. Wenn die Coronakrise der Menschheit hilft, sich ein wenig von dem Raubbau an ihren seelischen Ressourcen zu distanzieren und die Verleugnung von Grenzen der eigenen Belastbarkeit in Frage zu stellen, kann sie auch eine wohltätige Seite haben.

Erschienen am 8.4.2020 unter dem Titel „Eine Leistungsgesellschaft muss lernen, wieder krank zu sein“ in Die Welt, Meinung

Kaltes Denken, warmes Denken


Schnelles und langsames Denken ist mit Daniel Kahnemann zum geflügelten Wort geworden – reicht aber längst nicht aus, um den Reichtum menschlichen Denkens zu erfassen. Wolfgang Schmidbauer erläutert, warum wir auch die Emotionalität integrieren müssen – das warme Denken, wie er es nennt. Es unterscheidet sich vom kalten Denken in erster Linie dadurch, dass es nicht allein der Durchsetzung eines Gedankens oder der geistigen Machtausübung dient, sondern die ganze, illustre Bandbreite der Gefühle mitnimmt. Es spaltet das eigene Empfinden nicht von der Logik des Gedachten ab, sondern hält den Zugang zu ihm ebenso offen, wie es Nebengedanken im Sinn empathischer Phantasien zulässt, die sich mit den Gefühlen beschäftigen, die bei den Angesprochenen ausgelöst werden.
In seinem neuen Buch verhandelt Wolfgang Schmidbauer die prototypischen Bereiche des kalten und warmen Denkens: Angefangen bei der Jurisprudenz, der Mathematik und Naturforschung auf der einen, hin zu Kunst, Medizin und Psychologie auf der anderen Seite. Dazwischen der Mensch. Und das, was er von der Temperatur von Gefühlen lernen kann.

Erschienen im Februar 2020 bei kursbuch.edition.

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