Neueste Artikel

In eigener Sache: „Neues“

…ist eine von Webdesignern gefürchtete Überschrift. Denn sie verpflichtet den armen Seiteninhaber zu laufender Innovation und Produktion. Beides können wir hier nicht versprechen. Bitte üben Sie also Nachsicht, wenn nicht immer alles tatsächlich taufrisch und brandNEU ist.

Wolfgang Schmidbauer & Lea Schmidbauer

Warum sich Kinder böse Eltern machen

Erschienen im November 2020 (etwas gekürzt) unter dem Titel „Immer auf die Eltern“ in Psychologie heute

Es würde unserer Vorstellung von einem normalen Verhalten entsprechen, dass wir die Gesellschaft von Personen suchen, die uns gut tun, und Kontakte mit Menschen meiden, die uns kränken. Aber erwachsene Kinder verhalten sich ihren Eltern gegenüber oft gänzlich anders. Sie suchen die Nähe zu kränkenden Eltern und weisen Gaben – etwa bares Geld – empört zurück, die sonst erfreut eingesteckt werden. Sie wollen verstanden werden und fühlen sich unverstanden.
Entwertend und voller Klagen über Eltern zu sprechen bedeutet keineswegs, dass die Bindung an sie schwach, die Wünsche an sie zurückgenommen sind. Sie werden nach wie vor gebraucht. Manches an den Äußerungen der erwachsenen Kinder hört sich an, als ginge es um die Rechtfertigung für einen eigenen Mangel an Lebenszufriedenheit oder Zukunftshoffnung. Die Eltern sind etwas schuldig geblieben, was sie hätten geben können, wenn sie nur gewollt hätten, – und die Folgen sind schlimm.
Es gibt erwachsene Kinder, die jedes zweite Wochenende weite Fahrten auf sich nehmen, um Eltern zu besuchen, die sie kränken. Ich habe absichtlich dieses Wort gewählt, obwohl „enttäuschen“ ebenso möglich wäre. Aber „enttäuschen“ heißt dem Wortsinn nach, dass eine Täuschung erledigt wird. Die Unfähigkeit, aus der Kränkung diese Enttäuschung zu machen, die Erwartungen tatsächlich zu korrigieren, wird zum Motor des Verhaltens der Gekränkten.

Erwachsene Kinder, welche Fehler ihrer Eltern beklagen, sprechen heute vor allem über Mängel in der Erziehung. Sie vergleichen ihre Eltern mit dem Bild, das sie von „wirklich guten“ Eltern entworfen haben. Sie überzeugen sich, dass die Probleme, die sie jetzt als Erwachsene haben, mit der Differenz zwischen den realen Eltern und diesem Idealbild zusammenhängen.
Damit sind die Eltern nicht in der Vergangenheit und in der äußeren Welt angesiedelt. Sie halten einen Brückenkopf im Inneren der erwachsenen Kinder und kontrollieren vermeintlich von dort aus das Kind. Diese fiktiv fortbestehende Einflussnahme ruft nach Verteidigungsmaßnahmen. Die Eltern ahnen oft nicht, welche Macht ihnen zugeschrieben wird. Sie sind hilflos gegenüber Aktionen des erwachsenen Kindes, die sich gegen eine Besatzungsmacht richten, vom der die Eltern gar nicht wissen, dass sie existiert. Selbst dementen  Eltern schreiben die erwachsenen Kinder eine Energie zu, die nur sie selbst besitzen.
Es gibt keine einseitige Transformation. Eine transformierende Beziehung (wie die Erziehung) wirkt in beide Richtungen. Indem die Eltern an das Kind Phantasien herantragen, indem sie ihm Bilder vermitteln, was sie selbst gerne geworden wären und was sie sich wünschen, dass das Kind werde, wecken sie in dem Kind Gegen-Phantasien. Es baut Bilder auf, wie die Eltern beschaffen sein müssten, um die eigenen Ziele zu erreichen und ein befriedigendes Leben zu führen.

Solange das Kind Erfahrungen mit einer äußeren Wirklichkeit macht und die Eltern ihm helfen, diese Erfahrungen zu verarbeiten, halten sich die wechselseitigen Erwartungen an klare Grenzen. Die Realität, mit der sich das Kind beschäftigt, ist konstant und allgemein. In einer Jägerkultur sind diese Konstanten das Verhalten und die Beschaffenheit der Jagdbeute. In einer agrarischen Tradition sind es Anbau und Ernte, Größe des eigenen Grundbesitzes, Frondienste an einen Feudalherrn. Eltern ernähren und schützen ihr Kind, so lange es klein ist. Sobald es selbständiger wird, ist es ebenso wie die Eltern Traditionen unterworfen, die über beiden stehen.

Das ändert sich in der individualisierten Gesellschaft. Jetzt werden die Phantasien der Eltern mächtiger – und ebenso die des Kindes. Das Kind ist vor die Aufgabe gestellt, herauszufinden, wie konform diese Phantasien der Eltern mit seinen eigenen sind. Der Vater findet es beispielsweise „normal“, dass seine 15jährige Tochter zur vorgeschriebenen Stunde zuhause ist und ihm jeden jungen Mann vorstellt, mit dem sie Kontakt haben möchte. Die Tochter findet diese Auflagen sinnlos und grausam, gehen sie doch über das hinaus, was unter ihren Altersgenossinnen als „normal“ gilt.
Es lassen sich zwei Positionen unterscheiden, eine, in der böse Eltern nachhaltig benötigt werden, und eine andere, in der das Versagen der Eltern als Ausdruck begrenzter menschlicher Möglichkeiten gesehen wird.

Position A: „Mein Vater hat mein Leben zerstört. Immer wenn ich an ihn denke, steigt diese Wut in mir hoch. Er kapiert einfach nicht, was er da mit mir gemacht hat.“
Position B: „Mein Vater war total überfordert, als ich in die Pubertät kam, damals habe ich ihn gehasst, jetzt denke ich nicht viel an ihn, aber wenn wir uns sehen, kommen wir miteinander aus.“

Die Unterschiede zwischen beiden Positionen sind nicht durch die faktischen Aktionen zwischen Vater und Tochter bestimmt, sondern durch deren Bearbeitung im bewussten und unbewussten Erleben. Die Erwartungen, bei der nächsten Begegnung eine ganz andere Person zu finden, die z.B. „versteht“, was sie dem Kind angetan hat, hängen mit unbewussten Bildern zusammen.
Das heißt: diesmal ist es die Tochter, die sich bemüht, den Vater zu transformieren. Sie denkt nach, wie sie ihm klarmachen kann, was er ihr angetan hat und was er tun hätte müssen, um ihr eine gute seelische Entwicklung zu bescheren. Sie fasst diese Gedanken zusammen zu Urteilen, wie ein „richtiger Vater“ sein müsste und wie viele Defizite sie ertragen musste, weil er diesem Bild nicht entspricht.
Wenn heute die soziale Kindheit in europäischen Familien länger dauert als die körperliche, ergeben sich nicht nur Konflikte zwischen den Adoleszenten und ihren Eltern. Eine zweite Konfliktquelle sind Dankesschulden, welche die Beziehung zwischen den erwachsenen Kindern und ihren Vätern oder Müttern belasten. Hier wie in vielen anderen Bereichen wird deutlich, dass Zivilisationsschritte die Menschen zwar vor körperlichen Schäden, vor Hunger und Obdachlosigkeit im Alter bewahren, gleichzeitig aber durch sie die seelischen Belastungen wachsen.

Diese seelischen Belastungen ergeben sich daraus, dass mehr imaginäre Elemente in die Kind-Eltern-Beziehung eindringen. In traditionellen Gesellschaften dominiert die physische Nähe von Eltern und Kindern; ohne sie wäre ja die Chance dahin, von den erwachsenen Kindern ernährt und gepflegt zu werden, sobald die eigenen Kräfte schwinden. In den modernen Gesellschaften leben Kinder und Eltern nur noch ausnahmsweise in einem Haushalt. Wo 40jährige nicht ausziehen, denkt der Kliniker an Alkoholsucht oder Psychose.
Je länger die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern dauert, desto mehr  (oft nicht in ihrem vollen Umfang bewusste) Phantasien wachsen in den Eltern, das Kind müsste ihnen ihre Mühe danken. Umgekehrt wachsen aber auch in den Kindern ebenfalls zum Teil unbewusste Phantasien, die Eltern müssten dankbar sein, dass sie sich so lange über alle möglichen Hürden gequält haben, um die Erwartungen der Eltern an ihren sozialen Erfolg zu erfüllen. Das Kind hat acht Jahre den Eltern zuliebe Cello geübt; die Eltern haben acht Jahre dem Kind zuliebe Instrument und Musikstunden bezahlt.

Da zudem beide Seiten wenig Gelegenheiten haben, ihre Dankesschulden durch körperliche Präsenz und physische Gaben abzugelten, kommen Eltern ebenso wie Kinder in die therapeutische Praxis, wenn die Kränkungen überhand nehmen, dass eine imaginäre Dankesschuld nicht nur ignoriert wird, sondern sogar Gegenforderungen auftauchen: nicht ich bin dir, nein, du bis mir etwas schuldig geblieben.
Wenn eine Studentin sich nicht zutraut, ihr Lieblingsfach zu wählen, sondern studiert, was ihr die Eltern empfehlen, liegt es an den Eltern, die sie nicht ausreichend in ihrer Autonomieentwicklung unterstützt haben. Wenn sich der erwachsene Sohn in seinem Kinderzimmer einnistet, die alleinerziehende Mutter ihn aus Furcht vor seinen Wutausbrüchen durchfüttert und ihm ihr W-Lan kostenfrei überlässt, liegt das daran, dass sie ihn im Babyalter vernachlässigt hat, weil ihr Freund sie schon während der Schwangerschaft sitzen ließ und sie unbedingt weiter arbeiten wollte. 

Wenn die Tochter mit ihrer Heilpraxis nicht genug verdient, um die Miete bezahlen zu können, liegt es daran, dass die Mutter ihren Beruf aufgegeben hat und als vaterabhängige Hausfrau der Tochter kein Vorbild war, wie man sich durchsetzt.
Wer sich lange unter Psychotherapeuten bewegt, selbst als solcher gearbeitet und später Therapeuten ausgebildet hat, kann nach meinen Eindrücken eigentlich der Scham nicht entgehen, dass seinesgleichen und womöglich er selbst zu Konstruktionen einer Schuld der Eltern  beigetragen hat. Die Psychoanalyse hat zwar die längste Geschichte, was die Einsicht in die Dynamik einer idealisierenden Übertragung angeht. Aber das bedeutet keineswegs, dass Psychoanalytiker konsequent darauf verzichten können, eine zugewiesene Rolle als die besseren Eltern unkritisch anzunehmen, statt sie kritisch zu befragen.
Wenn ein Therapeut unsicher ist, ob seine Arbeit Früchte trägt, wenn er an sich selbst zweifelt und diesen Zweifel nicht sinnvoll und produktiv findet, sondern mit Schuld- und Schamgefühlen auf ihn reagiert, dann stehen ihm zwei Auswege offen. Er kann selbst die Abstinenz verletzen und hoffen, bei seinen Klienten Trost zu finden, oder aber er kann (meist gemeinsam mit den Kranken) die Eltern seiner Patienten schwarz malen, um aus dem Kontrast zu diesen heller zu leuchten. Die defensiven Eigenschaften solcher Manöver sind in ihrer Schwarz-Weiß-Zeichnung und im Mangel an Selbstreflexion abzulesen. Aber gerade diese Qualitäten machen auch ihre Faszination aus.

Wie wir von guten Eltern alles Gute erhoffen, können wir fehlerhafte Eltern  immerhin für alles Böse verantwortlich machen. Wer Prestige hat und Sinn stiftet, muss eine reine Gestalt sein. Er weckt Neid, der in voller Wut losbricht, wenn er sich als eigennützig entlarven lässt. Die nun sich selbst ernennenden Richter projizieren auf ihr Feindbild ein Stück eigener narzisstischer Unersättlichkeit. Sie selbst sind sich – mit gutem Grund – der Reinheit ihrer Motive nicht ganz sicher. Aber solange sie eindeutige Teufel bekämpfen, stehen sie fleckenlos da.
Die erwachsenen Kinder halten das Bild von Eltern fest, die  stark und differenziert genug wären, um bei gutem Willen und entsprechendem Einsatz der nächsten Generation genau das zu geben, was ihr fehlt. Leider entziehen die Eltern sich böswillig oder gleichgültig dieser Aufgabe. Sie verweigern dem Kind etwas, auf das es ein Recht zu haben glaubt: Eltern, die so stark und einsichtig sind, wie man sie gerne hätte.

Die Tochter hat ein Psychologiestudium abgeschlossen. Sie lebt in einem Dauerkonflikt mit ihrer Mutter, die nach langen Arbeitsjahren als Hilfskraft in der Paketsortierung in Rente ist. Die Tochter erscheint mit rotgeweinten Augen in ihrer Analyse. „Ich habe meine Mutter besucht, bin eigens die vierhundert Kilometer gefahren, und was hat sie gemacht? Sie hat mir einen Geldschein zugesteckt. Ich will doch kein Geld von ihr, ich verdiene selbst genug, ich will, dass sie endlich versteht, wie ich lebe und was ich geleistet habe! Aber das interessiert sie nicht, sie fragt nur, wann ich endlich schwanger bin, weil sie sich ein Enkelkind wünscht. Ich habe das Geld natürlich nicht genommen, aber ich hatte dann doch ein schlechtes Gewissen, als ich sah, wie sie das gekränkt hat. Aber ich bin es leid, mich selbst zu verleugnen, nur damit sie glaubt, es sei alles in Ordnung.“

Im Erleben der Tochter ist die Mutter zur Psychologin mitgewachsen. Gleichzeitig vertieft die Mutter, ohne um diese Verletzung zu ahnen, eine Wunde im Selbstgefühl der Tochter. Diese hat sich bisher nicht zugetraut, schwanger zu werden; die Männer, die sich an sie binden wollten, fand sie uninteressant, zu weich, während die Männer, mit denen sie sich Kinder vorstellen konnte, selbst gebunden waren und ein sexuelles Abenteuer suchten. Hätte die Mutter Verständnis für diese Probleme? Sicher ist das nicht, aber die Tochter versucht gar nicht, ihre Geschichte zu erzählen.
Die Tochter hält umso energischer an einem Mutterbild fest, das ihr ebenbürtig ist, je weiter sie sich seit ihrem Eintritt in eine höhere Schule und ihrem Studium von der realen Mutter entfernt hat. Die Psychologin erinnert mit heftiger Scham, wie sie in den ersten Gymnasialklassen die Mutter entwertete und sich versteckte, wenn diese einmal vorbei kam um sie abzuholen. Erst wenn die Kameradinnen verschwunden waren, wagte sie sich aus ihrem Versteck und näherte sich der Mutter wie einer Fremden. Neben den Müttern ihrer Klassenkameradinnen wirkte die Hilfsarbeiterin plump. Sie war schlecht gekleidet und wusste nichts von small talk.   Die Tochter wünschte sich eine andere Mutter, sie schämte sich dieser Frau und fühlte sich schuldig über diese Scham. Sie lernte fleißig, um zu verhindern, dass die Schule Kontakt zur ihren Eltern aufnahm. Sie fälschte die Unterschrift der Eltern unter die Mitteilungen über Elternsprechtage, weil sie vermeiden wollte, dass ihre Lehrer die Mutter kennen lernten. Das fiel nie auf, da die Eltern getrennt waren, der Vater die Tochter nur selten sah und die Mutter erleichtert war, wenn sie ihre Ruhe hatte.
Die Tochter hätte das Rüstzeug, die Mutter zu verstehen und die Differenz zwischen der eigenen und der Entwicklung der Mutter wahrzunehmen. Sie unterdrückt diese Möglichkeit, um ihre Schuldgefühle abzuwehren, dass sie es nicht nur weiter gebracht hat als ihre Mutter, sondern dass sie ihr tatsächlich geistig überlegen ist. Sie ist doch nicht eingebildet! So leugnet sie die Differenz zur Mutter und erklärt sich deren begrenztes Verständnis als Desinteresse, gar bösen Willen: die Mutter ignoriert ihr Studium und macht der Tochter klar, dass sie keine richtige Frau ist.

So  erwarten erwachsene Kinder ihre eigenen Stärken von den Eltern. Besonders ausgeprägt scheint das im Mutter-Tochter-Verhältnis. Verglichen mit dem Mutter-Sohn-Verhältnis und der Vater-Tochter-Beziehung sind Mutter und Tochter einander primär näher. Sie reagieren auf Aggressionen mit Schuldgefühlen und verstärktem Bemühen, das Gegenüber von ihren absolut guten Absichten zu überzeugen.

»Dauernde Angst macht unglücklich«

SZ Magazin: Nach 1918 sind viele Menschen an Depression erkrankt, die die Spanische Grippe überlebt hatten. Wie ist das zu erklären?

In Zeiten der Rekonvaleszenz werden viele Leute depressiv, deswegen macht man ja auch Rehabilitationen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es außerdem unglaublich viele Umbrüche: Wer da nicht ganz fit war, war anfälliger für Depressionen. Soldaten sind das ohnehin, sie haben leicht das Gefühl, das Vaterland vergilt ihnen ihr Leid nicht. Die Integration der Soldaten im Frieden ist nach jedem Krieg ein Riesenproblem. 

Ist so eine Häufung von Depressionserkrankungen auch durch Corona zu erwarten?

Das ist sehr schwierig zu vergleichen, auch weil damals unglaublich viele junge Menschen gestorben sind, während Covid 19 ja vor allem durch die Gegenmaßnahmen das öffentliche Bewusstsein geprägt hat. Vergleichbar wäre allenfalls, dass im Weltkrieg der manische Fortschrittsglaube zusammengebrochen ist, der die „Gründerzeit“ geprägt hatte, und heute der manische Wirtschaftswachstumsglaube zusammenbricht, nicht allein wegen Corona, auch wegen des Klimawandels und der langsamen Krise der Verschwendungs- und Müllwirtschafterei.

Wann wird man depressiv?

Vor Depression schützt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit: Ich kann irgendetwas machen. Der Mensch ist so konstruiert, dass er in der Früh mit Hunger aufwacht. 99 Prozent unserer Existenz auf der Erde war das so. Der Mensch erwachte hungrig und suchte essbare Pflanzen oder jagte. Wenn er etwas gefunden oder  erbeutet hatte, ging es ihm gut. Er konnte etwas machen, um das ungute Gefühl am Morgen selbstwirksam zu beseitigen. In der Zivilisation fällt das weg, stattdessen wacht man auf und macht sich Sorgen. Sobald die Sorgen sich multiplizieren, läuft man Gefahr, die negative Stimmung nicht mehr loszuwerden. Arbeitslosigkeit, Verlust von Angehörigen, Stress in Beziehungen – das sind dann die Auslöser von Depressionen, einer typischen Krankheit der Moderne. 

Der ursprüngliche Zustand des Menschen ist also einer der Unzufriedenheit und des Unglücks?

Nein. Hunger ist kein Unglück, Hunger aktiviert. Dauernde Angst macht unglücklich. Chronische Angst bedeutet großen Stress. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war ein unglaublicher Zivilisationsbruch. Der Glaube an die Moral und den Fortschritt ist da kollabiert. Die faschistische Bewegung kann man ja auch als manische Abwehr dieses Zusammenbruchs verstehen. Aus allen möglichen Bruchstücken – Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus – wurde da eine Weltanschauung gebastelt, mit der man die Niederlage abtun konnte. 

Man nennt die Spanische Grippe auch die vergessene Pandemie.

Damals waren die meisten Menschen durch den Krieg traumatisiert die Pandemie ist quasi auch in dem allgemeinen Umbruch untergegangen und vergessen worden. Es sind viele Leute daran gestorben, gerade junge Menschen, es war viel schlimmer als Corona, aber man hat die Spanische Grippe mit einem heute kaum vorstellbaren Fatalismus hingenommen. Die Menschen litten, aber niemand dachte daran, das Leben stillstehen zu lassen. Man hat die Grippe nicht groß zum Thema gemacht, obwohl die Schulen geschlossen und ein paar andere Maßnahmen ergriffen wurden.

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie fanden nicht nur Beifall.

In den Reaktionen wurde ein Generationenkonflikt deutlich: Die Kritiker der Maßnahmen unter den Epidemiologen  waren älter, sie meinten, wenn es den Test nicht gäbe, hätten wir das hingenommen wie eine schwere Grippewelle. Aber es ist viel leichter, zu kritisieren als es richtig zu machen. Ganz neu ist, dass die Infizierten und Toten jeden Tag in der Zeitung stehen, wie während der Olympiade die Medaillen. So entsteht ein enormer Druck.  

So ein Standpunkt wäre doch allenfalls von jungen Virologen zu erwarten gewesen?

Erstaunlicherweise haben die jungen Virologen eben nicht die Interessen ihrer Generation vertreten.

Erst hieß es, Lungenautomaten könnten die meisten Patienten retten, dann zählte man doch viele Tote auf der Intensivstation. Kann die Uneinigkeit unter Virologen über Übertragung und geeignete Gegenmaßnahmen Menschen verzweifeln und depressiv werden lassen?

Es gab viel Latrinenparolen, aber einige Erkenntnisse waren gesichert. Die Möglichkeiten einer Epidemie zu begegnen sind fortgeschritten. Intensivstation bedeutet halt, ungefähr fünfzig Prozent der Patienten sterben. Ohne Intensivstation wären es alle. Die Politik musste sich 1919 nicht um Intensivbetten sorgen, es gab keine. Die Medien haben viel Angst und viel komische Hoffnungen produziert. Ich las einmal, ein Wundermittel sei entdeckt worden: Cortison! Das gab es 1919 nicht, aber heute doch schon eine ganze Weile, und es ist wirklich sehr nützlich, aber kein „Medikament“ gegen Covid 19!  Alles wurde hochgekocht. Bei der Hongkong-Grippe gab es 1968 auch eine unglaubliche Steigerung der Todesrate, ich habe die noch erlebt. Ein, zwei Millionen mehr Tote als in anderen Jahren, aber in der Süddeutschen stand es nur im Kleingedruckten. Die Schulferien wurden verlängert, ich war damals Medizin-Journalist, die Grippe war nicht wichtig, stattdessen hat man über die erste Herztransplantation berichtet. Dass mehr Leute mit chronischer Bronchitis oder eingeschränkter Lungenfunktion oder mit schweren Herz-Kreislauf-Problemen gestorben sind, ganz ähnlich wie heute, hat damals niemanden groß beschäftigt.

Glauben Sie, die Unsicherheit unter Wissenschaftlern ist heute geringer als früher?

Der Druck ist heute viel größer. Die Frage, wie gefährlich ein Virus ist, wurde in der Fachpresse diskutiert. Keine Tageszeitung hat sich dafür interessiert. 

Werden der eingeschränkte soziale Kontakt, fehlende Zärtlichkeit und geringere Kommunikation während des Lockdowns zu einer Zunahme von Depressionen führen?

Ausnahmsweise vielleicht schon einmal, vor allem bei Menschen in Heimen, die plötzlich isoliert werden. Der Lockdown hat sicherlich Stress bedeutet, und Stress ist ein Auslöser von Depression, aber ich sehe eher die Gefahr, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns zu einer Steigerung von Depressionserkrankungen führen könnte. Eine große Spaltung  zeichnet sich in der Gesellschaft ab. Ich kenne einen Sportlehrer – für ihn was der Lockdown bezahlter Urlaub. Und eine Freiberuflerin – sie musste sich arbeitslos melden. Sie ist froh, freiwillig in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt zu haben, denn sonst wäre sie jetzt auf Harz-IV angewiesen. Da gibt es unglaublich deprimierende Einzelschicksale, die überhaupt nicht durch staatliche Hilfen kompensiert werden können. Schon allein weil der Depressionsschutz durch die Selbstwirksamkeit ausfällt – ich verdiene meinen Lebensunterhalt durch etwas, was ich gerne mache. Das kann man nicht jemandem wegnehmen und sagen, du musst mit Harz-IV auskommen! Das ist eine psychische Risikosituation, die letztlich auch die Aggressionsbereitschaft in einer Gesellschaft steigen lässt. Früher haben die Armen bei einer Hungersnot Hass auf die Reichen entwickelt, die sich noch Brot kaufen konnten. Die einen haben durch den Lockdown ihre Sicherheit und Selbstwirksamkeit verloren, die anderen haben sie behalten. Das ist eine große Belastung für den Zusammenhalt. 

Ist Depression nun genetisch veranlagt oder kann sie jeden ereilen, wenn nur der Stress zu hoch wird?

Unter massivem Stress – etwa in einem Vernichtungslager – werden wohl alle Menschen depressiv. Es gibt eine erbliche Disposition, die sich am besten als eine gesteigerte Sensibilität beschreiben lässt. Wenn jemand günstige Lebensbedingen hat, führt diese Veranlagung womöglich zu  Kreativität, Feinfühligkeit, oft auch Tüchtigkeit. 

Sie sprechen jetzt von dem, was man früher Melancholie genannt hat?

Bei Dürer galt sie als Zeichen des tiefen Denkers. Die modernen Lebensbedingungen laufen darauf hinaus, dass ein unerfüllbares Versprechen von der Gesellschaft gemacht wird, nämlich: Wenn du dich anpasst und deine Aggressionen unterdrückst, deine emotionale Autonomie einschränkst, wenn du also alles immer richtig machst und gute Noten schreibst und tust, was deine Vorgesetzten dir auftragen, dann wirst du glücklich werden. Ich sage überpointiert: Wer im Leben alles richtig macht, wird nicht glücklich, sondern depressiv. Es gibt Statistiken, welche Berufe besonders häufig unter Depressionen leiden und  besonders oft Anti-Depressiva verschrieben bekommen.  Das sind in Deutschland die Altenpfleger und die Mitarbeiter in den Callcentern. Kann man sich auch gut vorstellen, die kriegen sehr viele Aggressionen ab, müssen aber ständig freundlich bleiben. Ganz ähnlich in der Altenpflege. Das ist ein Beruf, der sehr viel Disziplin gegenüber den eigenen Aggressionen verlangt. Ein Kind ist dankbar, wenn man es versorgt, alte Menschen würden das lieber selbst machen und sind eher undankbar und  wütend. Kein Wunder, dass Altenpfleger dreimal so oft an Depressionen leiden wie der Durchschnitt.

Sie glauben eher nicht an rein körperliche Ursachen für Depressionen? Also auch nicht an die Wirkung von Anti-Depressiva?

Das Modell einer genetisch bedingten Stoffwechselstörung, die durch Anti-Depressiva geheilt werden kann, ist ein Mythos.   Wissenschaftlich ist das nicht haltbar. Das Entweder-oder mit körperlicher Ursache auf der einen, seelischer auf der anderen ist Unsinn. Alles Seelische ist auch körperlich, das ist eine veraltete Diskussion. Genauso wie die Frage, ob Intelligenz angeboren oder durch die Umwelt gefördert ist. Sie ist immer beides. 

Das heißt, Sie sprechen sich nicht in jedem Fall gegen Antidepressiva aus?

Ich persönlich halte nicht viel von ihnen und würde sie nicht schlucken. Es gibt Studien, dass sich ihre Wirkung wenig von der durch Placebos unterscheidet, aber es gibt Einzelbeobachtungen von Patienten, denen es damit wirklich besser geht,  das will ich nicht wegdiskutieren. Außerdem gibt es auch eine psychologische Komponente in der Medikation: Normalerweise nimmt der Depressive die Haltung ein, dass er sich mehr anstrengen müsste, weil er sich für faul hält, einen Drückeberger. Der Patient hat ein schlechtes Gewissen. Was mit Medikamenten behandelt wird, ist nun eine echte Krankheit. Er muss sich  nicht mehr vornehmen, sich mehr zusammenzureißen, sondern er ist wirklich krank, das bedeutet eine große Entlastung auf psychologischer Ebene.

Haben Sie als Therapeut nie Antidepressiva verschrieben?

Ich bin Psychologe und Psychoanalytiker, ich mache Gruppen- und Paartherapie. Ich darf gar keine Medikamente verschreiben, ich fände es auch nicht richtig, da sie oft Nebenwirkungen haben und man was vom Stoffwechsel verstehen muss, um die einzuschätzen.   Die Behandlung der Wahl ist Psychotherapie, das sagen auch die Wissenschaftler in der Medizin. Was die Praktiker dann tun, um die depressiven Patienten ohne viel Zeitaufwand zu versorgen, steht auf einem anderen Blatt und dient vor allem den Interessen der Pharma-Industrie. 

Ist das erste Ziel einer Therapie bei Depression, die Lebensumstände zu verändern, um wieder das, was Sie Selbstwirksamkeit nennen, erfahrbar werden zu lassen? Raten Sie dem Callcenter-Mitarbeiter nicht sofort zum Jobwechsel?

Zuerst muss die Psychotherapie erkennen, wie verarbeitet jemand seine Situation. Wenn er akzeptiert, dass die Situation viele Belastungen mit sich bringt, dann ist sie leichter zu  ertragen, als wenn man denkt, ich bin ein Versager. Wenn man die Lebenssituation als schwierig akzeptiert, fällt es einem leichter, eine Lösung zu finden und sich neu zu orientieren. Das moderne Leben übt auf die Psyche einen Raubbaudruck aus. Der Anpassungsdruck im  Job produziert eine  riesige Abhängigkeit. Der Mann, der den Spruch „I love NY“, erfunden hatte, ist gerade gestorben. Er hat mal zehn Thesen veröffentlicht, wie man als Kreativer leben kann. Er zitiert darin  John Cage, der im Alter von 74 gefragt wurde, wie man zufrieden altert. Cage sagte: „Nimm niemals einen Job an. Schau dass du jeden Tag das Frühstück für deine Kinder auf den Tisch bekommst, und das ist es dann. Mehr ist nicht zu tun.“ Das hat mich an die Geschichte der Jäger und Sammler erinnert. Aufwachen und schauen, was man jagen kann, und nicht denken, dass der Arbeitgeber dafür schon sorgen wird.  Die Idee dahinter ist, dass man sich nie völlig abhängig machen und nie glauben darf, alles wäre sicher. „Wenn ich alles richtig mache, dann bleibt die Welt, wie sie ist.“ – Diese Lebenseinstellung führt zu großen Enttäuschungen. Auch in Liebesdingen. „Ich heirate eine Frau, mache alles richtig, bin ganz brav, ein guter Ehemann, stinklangweilig, meint die Frau irgendwann, verliebt sich in jemand anderen und haut nach zehn Ehejahren ab. Und der arme Kerl versteht nicht, warum, er hat ja alles richtig gemacht.

Die trügerische Illusion der Gewissheit. 

Je früher jemand kommt, desto eher lässt sich diese Lebensstrategie noch ändern. „Du hast eine Stoffwechselstörung, die behandeln wir jetzt mit Medikamenten“, ist eine Konstruktion, die jemanden entlastet, der sich zu schwach fühlt, sein Leben noch zu ändern. Ich widerspreche  in so einem Fall lieber nicht und rate nicht: Lassen Sie bloß dieses Gift weg. Das wäre übergriffig. Ich sage stets: Ich verstehe nichts davon. Wenn es Ihnen gut tut, nehmen Sie es. Sollte mich jemand fragen, erzähle ich auch von der dubiosen Wirksamkeit solcher Mittel, aber ich würde nicht die Initiative ergreifen und mich nicht einmischen.

Freiberufler und Künstler sind ja auch nicht frei von Depressionen.

Natürlich nicht. Auch Therapeuten nicht, die jede Menge bürokratischer Kontrollen über sich ergehen lassen müssen. Wir müssen Anträge schreiben und die müssen genehmigt werden. Ich betreue jetzt nur Privatpatienten und bilde aus, ich bin in einer sehr privilegierten Situation, aber natürlich kann ich mich auch nicht darauf verlassen, dass es so bleibt. Irgendwann verschwinden die Privatversicherungen und dann kann es wirklich sein, dass ich Ärger kriege. Aber ich bin jetzt 79 und um jedes Jahr froh, das ich noch arbeiten kann.

Sind Therapeuten tatsächlich besonders disponiert für Depressionen?

Ja, wenn auch nicht so schlimm wie im Callcenter. Es gilt grundsätzlich bei allen Burnout-Erkrankungen: Die Krankenschwester ist gefährdeter als die Ärztin, weil die erste kaum Perspektive auf eine berufliche Entwicklung hat. Die Ärztin kann alles Mögliche machen. Entwicklungsmöglichkeiten schützen vor Depressionen. 

Wie viele Patienten unterziehen sich einer Therapie wegen Depressionen?

Ich denke, das ist die häufigste Diagnose. Ängste und Depressionen. 

Nach Corona wird die Diagnose nicht häufiger gestellt?

Das zu sagen wäre verfrüht. Es ist erwiesen, dass die Zahl der Psychotherapien wegen Depressionen und die Verordnung von Antidepressiva kontinuierlich ansteigen. Durch Corona wird sich der Trend nicht dramatisch verändern, sondern weiter steigen. Ich denke nicht, dass die Virusinfektion als solche irgendwie das Gehirn so angreift, dass die Depressionswahrscheinlichkeit ansteigt. Natürlich ist die Depressionsgefahr auch größer, wenn jemand körperlich krank ist. Jeden Tag eine halbe Stunde zu joggen ist ein unglaublich gutes Mittel gegen Depressionen. Wer sich eine Sehnenzerrung zuzieht und nicht mehr trainieren kann , wird vielleicht depressiv und kommt eventuell auch in Behandlung. Dann muss er versuchen, das Leben neu zu strukturieren.

In Folge der Spanischen Grippe trat noch ein Krankheitssymptom vermehrt auf: die europäische Schlafkrankheit. Sie wurde bis 1925 diagnostiziert, und die Leute waren tatsächlich antriebslos und haben viel geschlafen. In Tansania soll es sogar eine Hungersnot gegeben haben, weil die Leute es versäumt hatten, auf die Felder zu gehen. Könnte uns so etwas wegen Corona bevorstehen?

Die Ursache für diese Hungersnot ist wahrscheinlich ein Rätsel, das man nicht mehr aufklären kann. Augenblicklich gibt es ja eine umstrittene Erkrankung, das chronische Müdigkeitssyndrom, das auch mit Viren in Verbindung gebracht wird: Wenn jemand nach einem überstandenen Pfeifferschen Drüsenfieber 18 Stunden täglich schlafen möchte, und sein Studium, sein Leben verpasst. Heute sind die Ursachen für diese Erkrankung umstritten.  Vor vierzig Jahren gab es darüber noch einen Konsens, da hat man das Müdigkeitssyndrom als psychogen erklärt. 

Psychogen?

Seelisch bedingt. Man untersuchte die Leute, fand nichts, also mussten sie zum Therapeuten. Irgendwann ist das Virus nicht mehr aktiv, die Leute unterscheiden sich in ihrem organischen Zustand nicht von Leuten, die nicht müde sind. Ob es dann wirklich an der Psyche liegt, das weiß ja niemand so genau. Genauso wenig wie beim Beispiel der Hungersnot in Tansania, das eine Spätwirkung dieser Virusinfektion gewesen sein könnte oder vielleicht die Folge einer misslungenen psychosozialen Aufarbeitung. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ein Bauer seine Felder nicht bestellt, weil er sich müde fühlt. Das ist ja auch ein sehr selbstwirksamer Beruf. Da müsste man sich in die Sozialstruktur zu Zeiten des Kolonialismus vertiefen, um die Arbeitsbedingungen der Bauern genauer kennenzulernen. Die Psychiatrie ist ja auch ideologisch gefärbt. In den amerikanischen Südstaaten gab es eine Diagnose mit dem Namen Drapetomanie. Die wurde bei Sklaven gestellt, die davonlaufen wollten. Für die war der Psychiater zuständig. Im deutschen Konversationslexikon der Jahrhundertwende finden Sie diese Krankheit noch beschrieben. Heute würde man diese  Drapetomanie als angemessene Reaktion auf Sklaverei ansehen. 

Wieviele Formen von Depressionen unterscheiden Therapeuten?

Die Klassifikationen haben etwas Fliegenbeinzählerisches. In der Praxis unterscheidet man keine Formen, sondern behandelt den individuellen Kranken. Es gibt unterschiedliche Schweregrade. Die larvierte Depression, die sich in körperlichen Symptomen äußert, die leichte Depression, von der man auch als depressive Reaktion spricht, und dann die schwere Depression, die mit einer ausgeprägten Lähmung einhergehen kann. Wenn beispielsweise eine Patientin erzählt, dass sie sich zum Frühstück setzt und irgendwann guckt sie auf die Uhr und es ist mittag – das ist dann schon ziemlich heavy.

Können Depressionen ganze Gesellschaften befallen und in einem kollektiven Gedächtnis über längere Zeit wirksam bleiben?

Ich glaube da nicht dran. Alles, was psychologisch ist und mit kollektiv verbunden wird, ist meines Erachtens immer eine sehr problematische, eigentlich literarische Kategorie. Das kollektive Unbewusste von C.G. Jung ist etwas Poetisches, das kollektive Gedächtnis ist ein literaturwissenschaftliches Konzept. Naturwissenschaftlich würde ich sagen: Es gibt Menschen, die haben ihr Gedächtnis und es gibt soziale Strukturen und historische Ereignisse, die ihr Gedächtnis und Erleben prägen.

Sie glauben auch nicht an ein depressives Zeitalter nach der Spanischen Grippe?

Nein. Nach dem ersten Weltkrieg gab es einen Zivilisationsbruch, in dessen Folge viele Menschen depressiv geworden sind, weil er schwierig zu verarbeiten war. Auch weil davor eine manische Stimmung dominiert hat: In ein paar Monaten ist der Krieg vorbei und wir haben ihn gewonnen. Nach vier Jahren hat man gehungert, es gab viele Tote, die Individuen waren erschöpft und krankheitsanfällig. Ich weiß nicht, warum man für die Erklärung noch Begriffe wie die vom kollektiven Gedächtnis oder depressiven Zeitalter einführen sollte. Beide Begriffe sagen nicht viel. 

Interview: Lars Reichhardt für SZ Magazin Online

In Zukunft wird es noch komplizierter

Zwischen dem Problem und dem Dilemma zu unterscheiden ist ein Denkmodell, das uns in schwierigen Situationen weiterhilft. Während das Problem gelöst werden kann, ist das Dilemma unlösbar. Die Corona-Krise liefert viele Beispiele dafür. In den politischen und medialen Reaktionen tritt die Ansteckung durch die Übertragung eines Virus absolut in den Vordergrund, ein typisches Problem mit klarer Ansage – ich bin entweder kontaminiert oder nicht. Das Dilemma meldet sich, sobald wir uns über die komplexen Bedingungen der menschlichen Immunabwehr informieren, die darüber entscheidet, ob und wie wir eine Virusinfektion bewältigen. 

Wenn ich beispielsweise kategorisch verbiete, dass alte Menschen in Heimen von ihren Angehörigen besucht werden, schütze ich sie hoffentlich vor einer Covid-19-Infektion. Gleichzeitig löse ich aber womöglich eine Depression aus, die ihre Immunabwehr so schwächt, dass sie einem der Keime erliegen, die längst im Heim zirkulieren.

Sollen wir zu Maßnahmen greifen, die für einen minimalen Gewinn an Ansteckungskontrolle den Menschen Möglichkeiten rauben, sich überhaupt noch sicher und geborgen zu fühlen in dieser neu geschaffenen Sozialwelt? Jogger im Stadtpark festnehmen, verbieten, dass Hunde Gassi geführt werden?

Der hohe Organisationsgrad der modernen Gesellschaften hat eine wenig reflektierte Entwicklung zu einem kalten Denken in simplen Alternativen induziert. Eine auf plakative Vereinfachung zielende Konstruktion des medialen Events gibt häufig vor, wir könnten ein Dilemma in ein Problem zurückverwandeln – mit schwerwiegenden Folgen. Wer in Zeiten größter Unsicherheit die Gefahr erst verleugnet und dann durch „radikale“ Gegenmaßnahmen wieder Punkte gewinnen möchte, tut den Bürgern keinen Dienst.

Es ist eine gesicherte psychologische Erkenntnis, dass nicht die realistische, sondern die dramatische Gefahr (also nicht der Autounfall, sondern der Flugzeugabsturz) unsere Phantasie stimuliert und unsere Ängste prägt. Die Nachrichten von Überlastung der Kliniken, wirtschaftlichem Absturz und drohenden Todesfällen sind unter dem Gesichtspunkt des kalten Denkens korrekte Warnungen, um einen kontrollierten Ablauf der Pandemie durchzusetzen. Psychologisch sind sie durch die induzierte Panik schädlich, in einem Umfang, der nicht deshalb geringer sein muss als das Risiko durch den Kontakt mit dem Virus, weil er sich schlechter objektivieren lässt.

Wenn ich von vielen tausend Coronatoten lese oder höre, wird auf den subtilen, aber unzweifelhaft belegten Wegen der Psychoimmunologie mein Glaube geschwächt, dass ich eine Ansteckung verkraften kann. Da nützt es nicht viel, wenn sich bei genauerem Hinsehen zeigt, dass viele Verstorbene schon vor der Infektion chronisch krank waren und im Grund nicht an, sondern mit dem Virus gestorben sind.

In den Ermutigungsansprachen der politischen Führer weltweit dominiert eine falsche Sicherheit, die oberste Priorität für Gesundheit und Leben zu kennen und sich energisch für sie zu entscheiden. Der populärste Mann ist nun, von der Welle des Events nach oben gespült, ein Landesvater, der das Gemeinwohl durch seine Restriktionen sichert. Leben vor einem schnellen Tod an definierter Ursache zu bewahren, schenkt den Virologen eine Expertenmacht, um die sich etwa die Klimaforscher seit Jahren vergeblich bemühen.

Wir werden erst in den nächsten Jahren einigermaßen beurteilen können, was für die Gesundheit der Menschen auf dem Planeten segensreich, was schädlich war von den Maßnahmen, welche in der Corona-Krise getroffen wurden. Je länger wir mit ihr leben, desto stärker wird sie sich in Einzelschicksale auflösen, desto mehr werden neben den Virologen auch die Psychoneuroimmunologen und die Therapeuten zu Wort kommen, die sich theoretisch und praktisch mit der menschlichen Widerstandskraft beschäftigen.

Sicher wissen wir schon heute, dass Ängste und Depressionen das Immunsystem schwächen. Die Politiker haben viel versprochen, um die Menschen zu entlasten, die um ihre Zukunft bangen. Aber tönende Reden über schnelle und unbürokratische Hilfe bringen den Bürger zur Verzweiflung, wenn sie sich im konkreten Fall als schlichte Lügen entpuppen. Ein Künstler, dem die staatlichen  Verbote Auftritts- und Verdienstmöglichkeit genommen haben, stellt einen Antrag. Er gerät unter eine Lawine von Bürokratie, wird auf das Internet verwiesen, die Zuständigen sind ins Homeoffice verschwunden und schicken erste einmal hundert Seiten Text, fordern ein Dutzend Bestätigungen in beglaubigter Abschrift.

Unter unbürokratischer Hilfe stellt sich ein geplagter Mensch vor, dass er zu einem anderen Menschen Kontakt findet, der ihm zuhört, sich in seine Lage versetzt, vielleicht das eine oder andere Dokument studiert,  um Missbrauch auszuschließen. Nach ein bis zwei Stunden wird die Hilfe gegeben oder verweigert; wird sie verweigert, kann es umständlicher werden, weil dann Streitfragen geklärt werden müssen. Aber erst einmal und ganz selbstverständlich bis zum Verdacht auf das Gegenteil wird ebenso geglaubt und vertraut wie gezweifelt und kontrolliert.

Das kalte Denken geht immer vom Negativen aus und sucht es um jeden Preis zu kontrollieren; das warme Denken orientiert sich an der Empathie. Weder leugnet es die Gefahr, noch die Tatsache, dass die meisten Menschen Vertrauen verdienen und es erst einmal darauf ankommt, ihnen Sicherheit zu geben. Es fließt leicht von den Lippen und in die Tastaturen, dass der Staat für die Bürger da ist. Wer aber etwas von einem Staat möchte, der in der Krise behauptet hat, alles für die Bürger tun zu wollen, stößt auf jenes bürokratische System, dessen Überwindung ihm soeben zugesagt wurde.

Das kalte Denken geht von einem Betrüger aus und fordert erst einmal den Beweis, keiner zu sein. Am schlimmsten wirkt es auf die Psyche, wenn warme Zuwendung zugesichert, aber Kälte praktiziert wird. Die Coronakrise produziert Gewinner und Verlierer in einer bisher nie da gewesenen Selektion und Intensität. Wer mit einem kleinen Laden, einer Ich-AG als Musiker, Theatermacher, Autor bisher gut durchgekommen ist, sieht bedroht, woran sein Herz hängt. Wer sich über den Trott als Beamter geärgert hat, sieht auf einmal den Segen eines festen Gehalts und einer sicheren Pension in leuchtenden Farben.

Es ist leicht, guten Mut zu predigen, aber schwer ihn unter widrigen Umständen zu bewahren. Vielleicht hilft die Corona-Krise einer Leistungsgesellschaft wieder, die Kunst zu erlernen, ordentlich krank zu sein. Kinder bewältigen die Infektion beileibe nicht nur deshalb am besten, weil ihr Immunsystem gut trainiert ist. Sie machen sich in der Regel auch weniger Sorgen als die Erwachsenen, sie können den inneren Druck besser abwehren, der schon immer eine große Gefahr bei Virusinfektionen gewesen ist. Sie fühlen sich krank, wenn sie krank sind, legen sich ins Bett, wenn sie fiebern, und stehen auf, wenn es ihnen besser geht.

Anders die ehrgeizigen, sportlichen Erwachsenen, die auch schon in Vor-Corona-Zeiten lebensgefährliche Verläufe von Lungenentzündungen boten, weil sie ihre Erkältung kleinredeten und mit schnell eingeworfenen Medikamenten Symptome unterdrückten, um weiter zu arbeiten und womöglich auch noch ihr Fitness-Studio aufzusuchen. Wenn sie dann plötzlich mit schwersten Symptomen zusammenbrechen, wird das gegenwärtig der Unberechenbarkeit des Erregers zugeschrieben, nicht der Unfähigkeit der Erkrankten, ihren inneren Zustand ernst zu nehmen. Wenn die Coronakrise der Menschheit hilft, sich ein wenig von dem Raubbau an ihren seelischen Ressourcen zu distanzieren und die Verleugnung von Grenzen der eigenen Belastbarkeit in Frage zu stellen, kann sie auch eine wohltätige Seite haben.

Erschienen am 8.4.2020 unter dem Titel „Eine Leistungsgesellschaft muss lernen, wieder krank zu sein“ in Die Welt, Meinung

Kaltes Denken, warmes Denken


Schnelles und langsames Denken ist mit Daniel Kahnemann zum geflügelten Wort geworden – reicht aber längst nicht aus, um den Reichtum menschlichen Denkens zu erfassen. Wolfgang Schmidbauer erläutert, warum wir auch die Emotionalität integrieren müssen – das warme Denken, wie er es nennt. Es unterscheidet sich vom kalten Denken in erster Linie dadurch, dass es nicht allein der Durchsetzung eines Gedankens oder der geistigen Machtausübung dient, sondern die ganze, illustre Bandbreite der Gefühle mitnimmt. Es spaltet das eigene Empfinden nicht von der Logik des Gedachten ab, sondern hält den Zugang zu ihm ebenso offen, wie es Nebengedanken im Sinn empathischer Phantasien zulässt, die sich mit den Gefühlen beschäftigen, die bei den Angesprochenen ausgelöst werden.
In seinem neuen Buch verhandelt Wolfgang Schmidbauer die prototypischen Bereiche des kalten und warmen Denkens: Angefangen bei der Jurisprudenz, der Mathematik und Naturforschung auf der einen, hin zu Kunst, Medizin und Psychologie auf der anderen Seite. Dazwischen der Mensch. Und das, was er von der Temperatur von Gefühlen lernen kann.

Erschienen im Februar 2020 bei kursbuch.edition.

Bei Amazon bestellen

Helikoptermoral


Moralin forte

Die globalisierte Konsumgesellschaft plagen chronische Ängste. Sie verschwendet mehr als nachwächst, sie weckt den Neid der Habenichtse und den Terror der Gekränkten. Diese Ängste münden in Hyperaktivität, sei es des Übereifers, sei es der unverhältnismäßigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren. Wie ihr Pendant, die Helikoptereltern, ist auch die Helikoptermoral immer schon da, immer bereit, Stellung zu beziehen. Das tut sie unter viel Getöse mit schnellen Urteilen, um so die schnellen Affekte von Angst und Wut zu bewältigen, die angesichts einer unsicheren Zukunft in einer komplexen Welt dominieren.

Es geht nicht mehr um eine gut funktionierende Moral, die das Zusammenleben regelt, sondern um das endgültige Urteil, die zu Superlativen übersteigerten Werte jenseits aller Realität. Plakative Aussagen über Richtig und Falsch, über Gut und Böse, über Schwarz und Weiß sollen die Welt unserer lärmenden Eventkultur richten. Die kurzfristige Entlastung, die die Helikoptermoral emotional verschafft, bedeutet auf lange Sicht nicht nur, dass viel Energie für Verleugnungen vergeudet wird, sondern der Kontext, der Zusammenhang mit der Realität sich mehr und mehr verliert.

Zu diesem Buch ist im GEO-Magazin ein Essay erschienen das hier zu finden ist.

Bei Amazon bestellen

Wie groß ist die Bedeutung von Handarbeit für den Kopf?

Ich habe mich diesen Herbst während einer Erkältung nicht geschont und eine Quittung bekommen, die es in sich hat: eine Gürtelrose. Eine faszinierende Krankheit, sagte mein Schmerzarzt: Sobald die Immunabwehr geschwächt ist, erwachen die über viele Jahrzehnte in einem Nervenstrang schlummernden Herpes zoster-Viren, wandern an die Hautoberfläche, vermehren sich dort in einem Bläschen-Ausschlag und schädigen den Nerv derart, dass er auch noch nach dem Heilen der Bläschen schmerzt, als ob glühende Würmer unter der Haut krabbeln.
Gegen Schmerzen helfen Medikamente – und Ablenkung. Wer etwas anders im Kopf hat, von etwas begeistert ist, spürt den Schmerz nicht. Das ist mindestens so gut wie Opium und seine synthetischen Töchter.

„Der Mensch verdankt seine Intelligenz zum guten Teil den werkzeugschaffenden, geschickten Händen.“

Ich hatte ausführlich Gelegenheit, herauszufinden, was die besten Ablenkungen sind. Schreibtischarbeit, in vielen Berufen unvermeidlich, eignet sich schlecht. Viel besser sind interessante Gespräche. Noch besser ist es, etwas mit den Händen zu machen, das Konzentration erfordert und Erfolgserlebnisse verschafft.
In den Wochen, in denen ich um jede Ablenkung von meinen Schmerzen dankbar war, habe ich viel aufgeräumt, gebastelt, alle möglichen Dinge repariert und war sogar für jene besonders fordernden und schwierigen Therapiesituationen dankbar, die volle Konzentration fordern und es verhindern, dass die Gedanken abschweifen und endlich, wie magnetisch angezogen, beim Schmerz verweilen.
Der Mensch verdankt seine Intelligenz zum guten Teil den werkzeugschaffenden, geschickten Händen.
Die freiwillige, selbstgesteuerte, die von wohlmeinenden und kundigen Eltern dem Kind auferlegte Handarbeit ist ein unverzichtbares Mittel, unseren Kontakt mit der Wirklichkeit zu verbessern, unsere Triebenergie in konstruktive Bahnen zu lenken und unsere Persönlichkeit zu entwickeln.
Die Bewertung von Handarbeit als „primitiv“ und geistesfern, die seit dem griechischen „Banausos“ für den Handwerker im abendländischen Denken nachweisbar ist, erscheint unter diesem Gesichtspunkt nicht nur töricht, sondern auch gefährlich. Sie gehört in eine vorindustrielle Epoche, in der es noch keine Kraftmaschinen gab, alle Menschen gehen oder reiten mussten und die Lebensform einer „couch potato“ von heute undenkbar war.
Damals wurden viele Menschen zur körperlichen Arbeit gezwungen, nicht selten gepeitscht, mit der Folge, dass die Schufterei sich mit dem Hass auf die Sklaventreiber verband und die Kraftmaschine heilig gesprochen wurde, sobald sie erfunden war. Wie sehr das übertrieben werden kann, zeigen absurde Extreme technischen „Komforts“ wie das elektrische Messer, um Wurstscheiben zu schneiden, die batteriebetriebene Käsereibe, der elektrische Fensterheber im Auto, die mit Hilfe von Batterie und Funk ferngesteuerte Schaltung am Fahrrad, die „elektrische“ Armbanduhr, die vielfach das so viel elegantere mechanische Automatik-Werk ersetzt hat. Die Ärzte klagen, dass viele Krankheiten durch Bewegungsmangel entstehen; die Konsumgesellschaft trachtet danach, uns möglichst viel Bewegung zu ersparen.
Jeder Mensch braucht ein gewisses Maß an körperlicher Anstrengung, um gesund zu bleiben. Für den Künstler ist der Widerstand der Materie ein ganz wesentlicher Anstoß von Kreativität. Handarbeit erfüllt Körper und Geist. Sie befriedigt beide, vor allem der Wechsel von Handund Kopfarbeit, bei dem die Kopfarbeit Ausruhen von der körperlichen Belastung bietet, die Handarbeit Regeneration der einseitigen Konzentration. Bewegung ist ein Lebenselixier. Wir sind nicht zum Sitzen geboren, sondern zur Tätigkeit, zum Sammeln und Jagen, zum Basteln und Probieren.

„Wir fahren im Auto zur Arbeit, und abends kämpfen wir dann auf dem Fahrrad-Ergometer gegen Übergewicht.“

Handarbeit, die menschliche Gesundheit erhält, muss allerdings eine Bedingung erfüllen: Sie muss als sinnhaft erlebt werden.
Der amerikanische Sozialphilosoph Richard Sennett veröffentlichte 2008 ein Buch mit dem Titel Handwerk. Er beklagt, dass sich Akademiker in der Regel zu wenig auf die Welt der Dinge und die Bedeutung der Hände für den Kopf einlassen. Das handwerkliche Ethos guter Arbeit geht nicht allein dann verloren, wenn Menschen Maschinen zuarbeiten müssen und sich selbst auf einige immer gleiche Handgriffe reduziert sehen. Es leidet auch darunter, wenn die Verbindung zwischen Hand und Geist abreißt.
Wer Produktentwicklungen verfolgt, erkennt zwei Götzen, denen sie sich unterwerfen: Zeitersparnis und Bequemlichkeit. Wir fahren im klimatisierten Automobil in die Arbeit und kämpfen dann abends auf dem
Fahrrad-Ergometer gegen Übergewicht. Atrophie von Muskulatur und Sinnestätigkeit wird durch das Versprechen legitimiert, wir hätten durch diese Erleichterungen Zeit gewonnen. Gesunde Menschen werden so lange wie Behinderte behandelt, bis sie tatsächlich behindert sind.
Wer gelernt hat, ein Auto zu schalten, braucht kein Automatikgetriebe; er gewinnt dieser Tätigkeit oft das Gefühl eines engen Kontakts zu seinem Fahrzeug ab. Wer das Fahren mit Hilfe eines automatischen Getriebes erlernt, findet es „gefährlich“, zu dem handgeschalteten Auto zurückzukehren. Der Schaltvorgang strengt ihn an, lenkt ihn ab, ist unbequem.
Wer erst einmal anfängt, die manuellen Beraubungen in der entwickelten Konsumgesellschaft zu erforschen, findet viele Beispiele. Die Handkurbel, um ein Auto anzuwerfen, der Trethebel, mit dem ein Motorrad gestartet werden kann – sie alle wurden durch „bequemere“ Lösungen ersetzt, die uns nicht nur einer Möglichkeit zur körperlichen Tätigkeit berauben, sondern Rohstoffe vergeuden und uns von störanfälligen Energiequellen abhängig machen.
Die Konstrukteure rechtfertigen das damit, dass der Markt das eben so entschieden hat. Abgesehen davon, dass sich mit diesem Argument
auch der Vertrieb von Heroin rechtfertigen lässt, kann sich der Markt nur so lange für den Raubbau an natürlichen Rohstoffen und menschlicher Gesundheit entscheiden, wie die Folgen nicht von den Produzenten, sondern von der Allgemeinheit getragen werden.
Wenn der Fahrradmechaniker einen tadellosen Schlauch, den ein Glassplitter perforiert hat, in den Abfall wirft, erklärt er das damit, dass die Arbeitszeit, den defekten Schlauch zu reparieren, den Kunden mehr Geld kostet als der Ersatz. So wird uns beigebracht, dass Handarbeit teuer ist, während es Rohstoff und Energie im Übermaß gibt. Dass diese „Erziehung“ in eine falsche Richtung arbeitet, könnte seit den ersten Studien zu den Grenzen des Wachstums im Jahr 1977 klar sein –

„Technische Lösungen berauben die Nutzer der Möglichkeit, Geist und Körper zu üben.“

oder wollen wir es erst seit den „Fridays for Future“ von 2019 wissen? Ich habe vor einigen Jahren den Begriff der „dummen Dinge“ für Entwicklungen geprägt, in denen „komfortable“ technische Lösungen die Nutzer der Möglichkeit berauben, Geist und Körper zu üben. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist der übliche Bleistiftspitzer in den Mäppchen der Schüler.
Der Bleistift, den wir heute kennen, schreibt nicht mit Blei, sondern mit Graphit. Er ist von unübertroffener Bequemlichkeit und Ökonomie. Kein Kugeloder Faserschreiber kann so viele Zeichen mit so hoher Verlässlichkeit und so guter Überschaubarkeit für so wenig Geld bieten. Die färbende Mine ist von einem Mantel aus Holz umgeben, der sie bruchsicher macht. Abgenützt, versteckt sie sich in einem Holzkragen; der Bleistift muss gespitzt werden.
Meine Mutter, von Beruf Lehrerin, nahm ein scharfes Federmesser und schnitzte fünf bis sieben Späne so ab, dass die Bleistiftspitze wieder frei lag und die Mine einen feinen Strich zeichnete. Wir brachten ihr unsere Bleistifte, wenn die „Bleistiftspitzer“ in unseren Federmäppchen die Mine abgedreht hatten.
Diese kleinen Geräte sind ein elementares Beispiel für ein dummes Ding. Ihr Versprechen ist, die komplexe Handarbeit des Spitzens in einer simplen Drehbewegung zu leisten. Sie berauben uns einer kostbaren Übung, wie das später die motorisierten „Haushaltsgeräte“ tun werden, die der Profi-Koch so verachtet, weil nichts ein wohl geschärftes Messer ersetzen kann.
Während der „Spitzer“ das Training von Feinmotorik und Materialkenntnis auf ein Minimum reduziert, ist das scharfe Federoder Taschenmesser ein vielseitiges Werkzeug, in dessen Gebrauch sich die Geschicklichkeit des Handwerkers üben und verbessern kann. Fehler und Gelingen werden sogleich zurückgemeldet; nebenbei lernen wir, scharfe und stumpfe Schneiden zu unterscheiden und womöglich auch, wie wir eine stumpfe Schneide schärfen können.
Als ich mit neun Jahren das Schachspiel erlernte, wunderte ich mich über den weißen König: Er hatte zwar genau die Gestalt des schwarzen, war aber von zahlreichen feinen Narben übersät. Meine Mutter klärte mich auf: Der ursprüngliche König war irgendwann verloren gegangen. So hatte sie aus einem Stück Besenstiel einen neuen geschnitzt.