Vortrag
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Das Unbewusste und der Wald

Vortrag auf der Tagung: Blätterwald – Wald in den Medien

Wir wissen heute, dass die Ästhetik der Armut, die den modernen Stadtmenschen in den ursprünglich gebliebenen, nicht von Motorkraft veränderten bäuerlichen Landschaften bezaubert, gegenwärtig keine Aussicht hat, sich neben der Industriegesellschaft zu behaupten. Ihre Schönheit beruht auf einer Synthese von schöpferischen Kräften und äußeren Einschränkungen. Wer selbst noch die Schinderei einer nicht motorisierten Landwirtschaft kennen gelernt hat, wird die Industrialisierung in diesem Bereich verstehen, auch wenn er mit vielen ihrer Folgen nicht einverstanden ist und sich mehr Nachdenklichkeit ebenso gewünscht hätte wie bessere Planung.

Ohne den Rahmen der Notwendigkeit, jener Göttin, die im Pantheon der Antike stärker war als Zeus, haben wir es schwer mit der Ökologie. Wir erliegen der Verführung durch die Maschine, welche den menschlichen Atem ins scheinbar Grenzenlose steigert und den trügerischen Wohlstand der gegenwärtig reichen Gesellschaften erzeugen hilft. Trügerisch deshalb, weil es schwer ist, natürliche Begrenzungen (wie den Zwang zur Handarbeit) durch gesellschaftliche Disziplin zu ersetzen. Moralischer Appell und intellektuelle Einsicht sind jedenfalls ohnmächtig, unseren Luxus dort einzuschränken, wo wir ihn durch ökologische Zerstörung erkaufen. Wir müssen uns anderes einfallen lassen, eine ökologische Steuerreform wäre nur ein kleiner, erster Schritt.

Der Wald gewinnt neue Bedeutung, je weiter die technische Zivilisation voranschreitet. Wo es nur Wälder gibt, gibt es auch keine sozusagen persönliche, von einem Empfinden des Kontrasts zwischen „drinnen“ und „draussen“ geprägte Beziehung zum Wald. Der Wald ist einfach da, er wird als Ressource unbekümmert genutzt, er wird gerodet, alle denken, er sei unverwüstlich, niemand weiß etwas von einem empfindlichen Ökosystem.

Wir in Mitteleuropa haben diesen Raubbau in der Zeit der Glashütten und Erzschmelzen auch in unseren Wäldern durchlebt. Aber es geschah in einer vorindustriellen Zeit, alles ging langsamer vor sich. So hatten wir ganz andere Möglichkeiten, Konzepte der Nachhaltigkeit zu entwickeln. In den Tropen besteht eher die Gefahr, dass der Raubbau durch die Bevölkerungsexplosion weitergeht, bis es nichts mehr zu plündern gibt und die Erosion den Boden so zerstört, dass er sich nicht mehr regenerieren kann.

Man spricht manchmal von einer besonderen Beziehung des Deutschen zum Wald. Geistiger Pionier dieser Ideologie ist Wilhelm Heinrich Riehl, Autor einer „Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik“, manchmal als Gründer der Volkskunde angesehen. Unter dem Einfluss Arndts beschloss Riehl, der nach dem Bestehen des theologischen Kandidatenexamens eigentlich Dorfpfarrer werden wollte, sich als freier Schriftsteller mit der Kulturgeschichte und sozialer Politik zu befassen.

3 Kommentare

  1. Rosmarie Niesler sagt

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

    vielen herzlichen Dank für diese wunderbare, klare u. tiefsinnig/verbindende Analyse bzw. Darstellung unseres Seins in unserer so verworrenen ‚Realität‘!
    Das gilt für alle Ihrer Beschreibungen, die ich bisher gelesen habe; sie geben eine wohltuende Möglichkeit, klar zu sehen u. zu verstehen. Wie Therapie!

    Es grüßt Sie herzlich
    R. Niesler

  2. howetzel sagt

    Nicht nur der Mensch, alle welt ist vergänglich. Alles ist im Fluß!

    Die immer weiter abschmelzenden Gletscher er innern mich daran, dass von 20 tausend Jahren hier ganzanders ausgesehen hat. Wald war da nicht zu erwarten und der Mensch hat auch heute immer nocht recht wenig Einfluss.
    Ich möchte das nicht gerade nicht pessimistisch sondern als Option zum Handeln sehen, aber Weltuntergangpropheten schüren und nutzen diese Angst.

    Da macht mir der gestrige Wahlsieg Angst und mir fällt die Vokabel „grünlackiert“ ein und ich weiß nicht warum!

  3. Florian sagt

    Besonders berühren mich als Tolkien-Leser die Verweise auf „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Da bekomme ich gleich wieder Lust, Tolkien zu lesen und (wie jedes Mal) völlig neue Aspekte zu endecken.

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