Vortrag
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Das Unbewusste und der Wald

Vortrag auf der Tagung: Blätterwald – Wald in den Medien

An den Grenzen zwischen Wald und Weide kämpfen an vielen Orten der Welt die Erben von Kain und Abel – allerdings sind die Rollen nicht mehr so klar wie in Genesis I. In Brasilien, in Indonesien, in Tasmanien – überall werden Wälder gerodet und für den unersättlichen Papierbedarf der Industriestaaten nach demselben Modell verzehrt, wie es die schwimmenden Fabriken mit den Walen gemacht haben: Vor Ort wird, was groß war, in Chips verwandelt – die Wale in Fischstäbchen, die Baumriesen in Hackschnitzel, die industriell mit Hilfe von Gebläsen transportiert, verschifft, in die Papier- und Zelluloseindustrie eingespeist werden können.

Die höchsten Bäume der Welt wachsen im tasmanischen Regenwald: der Sumpfeukalyptus (Eucalyptus regnans) wird bis zu 95 Meter hoch und hat dann an der Wurzel einen Umfang von 15 Metern. Von den vielen hundert Hektar jungfräulichem Wald, die jedes Jahr in Tasmanien geschlagen werden, dient nur ein Zehntel als Bauholz; der Rest wird in zentimeterlange woodchips gehäckselt und nach Japan verschifft, um daraus Papiertüten und Zeitungen zu machen.

Was in Australien gegenwärtig als kunstgerechte Wiederaufforstung gilt, ist der Albtraum des Naturfreundes. Der Wald wird erst kahlgeschlagen – nur so lassen sich die Holzerntemaschinen einsetzen, die in wenigen Minuten riesige Stämme in viele Tonnen Hackschnitzel verwandeln können. Was nicht verwertet werden kann, wird verbrannt; in die Asche werden Karotten gestreut – zwei Tage lang normale Karotten, die alle Pflanzenfresser anlocken. Am dritten Tag sind die Karotten vergiftet; die Känguruhs und Opossums sterben. Dann werden neue Bäume gesät. Der Staat gibt den Holzverwertern nur dann die Lizenz zum Kahlschlag, wenn sie wieder aufforsten. Um die jungen Eukalyptusbäume zu schützen, ist es am billigsten, die Wildtiere zu vergiften.

Wenn die Erde nackt und schutzlos daliegt, erwacht im Menschen die Sehnsucht nach der Geborgenheit im wuchernden Wald. Aber wenn dieser gegen seine Wohnung drängt und ihr das Licht nimmt, erwacht die Gegenströmung: den Wald zu roden, den Blick zu befreien. Beide Stimmungen spiegeln sich in der Geschichte Europas, und beide greifen auch ein Wechselspiel zwischen dem Ich und dem Es, dem Rationalen und dem Irrationalen auf, das Freud in seinem Vergleich der psychoanalytischen Arbeit mit der Kulturarbeit in der Landschaft angesprochen hat. Freuds Beispiel ist die Zuidersee in Holland, wo dem Meer durch Deiche Land abgerungen wurde; ebenso gut ließe sich aber das Ringen der Rodung mit der Wildnis anführen, in dem Überschaubarkeit und Nutzung gegen das wilde, Unheimliche der Wälder stehen.

3 Kommentare

  1. Rosmarie Niesler sagt

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

    vielen herzlichen Dank für diese wunderbare, klare u. tiefsinnig/verbindende Analyse bzw. Darstellung unseres Seins in unserer so verworrenen ‚Realität‘!
    Das gilt für alle Ihrer Beschreibungen, die ich bisher gelesen habe; sie geben eine wohltuende Möglichkeit, klar zu sehen u. zu verstehen. Wie Therapie!

    Es grüßt Sie herzlich
    R. Niesler

  2. howetzel sagt

    Nicht nur der Mensch, alle welt ist vergänglich. Alles ist im Fluß!

    Die immer weiter abschmelzenden Gletscher er innern mich daran, dass von 20 tausend Jahren hier ganzanders ausgesehen hat. Wald war da nicht zu erwarten und der Mensch hat auch heute immer nocht recht wenig Einfluss.
    Ich möchte das nicht gerade nicht pessimistisch sondern als Option zum Handeln sehen, aber Weltuntergangpropheten schüren und nutzen diese Angst.

    Da macht mir der gestrige Wahlsieg Angst und mir fällt die Vokabel „grünlackiert“ ein und ich weiß nicht warum!

  3. Florian sagt

    Besonders berühren mich als Tolkien-Leser die Verweise auf „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Da bekomme ich gleich wieder Lust, Tolkien zu lesen und (wie jedes Mal) völlig neue Aspekte zu endecken.

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