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Innenansichten zum Amoklauf

Du kannst den Kummer nicht ertragen, den du deiner Mutter ansiehst, obwohl sie doch immer zu dir hält und sagt, es sei doch alles gut und du eigentlich ein lieber Junge. Mit jedem Gedankenschritt, mit dem du dich deinem Tod näherst, den kühlen Lauf der Waffe im Mund, den du doch schon so oft geschmeckt hast ohne abzudrücken, mit jedem Schritt wächst auch dein Hass auf alle, die schuld sind, die dir den Weg versperrt haben. Du hast keinen von ihnen vergessen, jedes Wort brennt noch in deinem Gedächtnis. Wenn du dich umbringst, dann sind sie deine Mörder. Wenn du dich gegen sie wehrst, handelst du in Notwehr. Du darfst schiessen. Du musst schiessen. Dann sehen alle, wie weit sie dich gebracht haben. Sie würden dich am liebsten vergessen. Wer erinnert sich schon an den, den er zum Versager gemacht und hinausgeworfen hat? Sie werden dich nicht vergessen. Ein Einzelgänger, ein Waffennarr.

Den Amoklauf, den hätte dir keiner zugetraut, den nicht. Ist nicht jeder Waffennarr ein Einzelgänger? Das geht nicht anders, das wissen wir, die Braut des Soldaten ist das Gewehr. Auch du hast mit dem ersten Kampfmesser unter dem Kopfkissen geschlafen und vor dem Spiegel immer wieder studiert, wie es sich an deiner Hüfte und in deiner Hand ausnimmt, blitzschnell gezogen. Du hast dich allein gefühlt, schutzlos, seit du denken kannst, seit du dich überhaupt erinnerst. Dann hast du die Nase plattgedrückt an den Fenstern der Messerläden im Bahnhofsviertel, wo sie glänzten in allen Grössen, Klappmesser mit vielen Teilen und Jagdmesser mit feststellbarer Klinge von Buck und von Puma. Jedes davon hat dir gehört, auch wenn du nur ein paar von den billigeren kaufen konntest, ein Imitat des Buck Folding Hunter aus China und einen Dolch der Marines mit einem Schärfstein auf der Lederscheide und einem Kompass im Knauf. Wer die richtige Waffe hat, der ist ein Held. Du bist ein junger Hirte und findest auf deinen Wanderungen über die Weidegründe von Cornwall einen Stein, in dem ein Schwertgriff steckt. Du ziehst daran. Der Stein entlässt das Schwert, es glänzt in der Sonne, bald wissen es alle: du, der das Schwert aus dem Stein gezogen hat, du bist auserwählt, du wirst der König sein. Alle werden dir gehorchen, solange du das Schwert führen kannst.

Bist du nicht umgeben von anderen, die nichts anderes behaupten als: sieh mal, ich bin stärker, ich bin besser, ich bin beliebter bei den Lehrern, ich bin geschickter im Sport, meine Eltern haben mir ein Bike mit Federgabel geschenkt, wir waren im Urlaub in Florida? Die anderen sind stärker, sie gehören zusammen, sie lachen, wenn einer von ihnen etwas sagt, und wenn du etwas sagst, lacht keiner, bis ein anderer was dagegen sagt, und dann lachen alle. Dann gehst du nach Hause, und auf dem Heimweg dringst du nachts in das Lager ein, wo die Bösen schlafen. Mitten zwischen den Bösen sind die Guten, die gefoltert werden, wenn du sie nicht rettest. Du hast dein gutes Messer, dein Kampfmesser, das mit der schwarz mattierten Klinge, die nicht im Licht blitzt und dich nicht verrät. Haarscharf ist es, einer nach dem anderen müssen sie sterben, die Bösen, sie merken es kaum, kein Laut kommt von ihnen. Dann bist du im Zentrum, bei den Bambuskäfigen, wo die Gefangenen sind, und dein Messer zieht durch die Lederriemen, mit denen sie gefesselt sind, wie durch Butter, du führst sie aus dem Lager, zu dem Kahn, den du am Fluss versteckt hast, und dann fährst du mit ihnen in die Freiheit.

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