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Innenansichten zum Amoklauf

Wenn die Sonne aufgeht, sehen alle den der sie gerettet hat. Jetzt bist du ein Held. Aber dann bist du auch zuhause angekommen und es gibt Essen wie immer und die dummen Fragen wie immer und die Mutter jammert, du kannst es nicht mehr hören. Du gehst auf dein Zimmer, holst das Kampfmesser aus der Schublade, hältst die Schneide gegen das Licht. Eine wirklich scharfe Schneide ist unsichtbar. Wenn du die Klinge richtig hältst, dann siehst du links und rechts einen silbernen Faden und dazwischen nichts, gar nichts, und dieses Nichts ist der Tod, der von deinem Messer kommt, wenn du es jemand durch den Hals ziehst oder von unten über den Bauch – nur Anfänger stechen von oben, wie die Kämpfer im Schmierentheater, denn bei diesen Stichen verletzt du dich selbst, wenn der Gegner ausweichen kann.

Du siehst eine kleine Unterbrechung in den silbernen Fäden und in dem Nichts, und du weißt: es ist ein Fehler in der Schneide, eine winzige Scharte, du musst den Wasserstein holen und sie ausschleifen, sonst ist dein Messer nicht perfekt und du kannst dich nicht darauf verlassen. Irgendwann reichen dir die Messer nicht mehr, du weißt schliesslich, wie hilflos du mit einem Messer gegen eine Schusswaffe bist. Das Messer ist für die Nacht, aber wenn du dich am Tag sicher fühlen willst, dann brauchst du einen Revolver oder eine Automatik, die du unter dem Hemd auf dem Rücken im Gürtel stecken hast. Als erstes besorgst du dir einen Schreckschussrevolver. Der sieht scharf aus und liegt schwer in der Hand. Du kannst ihn laden und entladen, aber wenn du es ernst meinst, wirst du nie damit zufrieden sein, dass der Lauf plötzlich enger wird und keine Kugel durchlässt. Du musst lange sparen und viel herumstromern um den Hauptbahnhof oder frühmorgens auf dem Flohmarkt, wenn alle Händler erst aufbauen und die besten Geschäfte hinter den Autotüren laufen, aber irgendwann, wenn du es ernst meinst, wirst du das echte Ding haben, und dann wirst du nie mehr eine Schreckschusspistole anfassen.

Denn jetzt hast du kein Spielzeug mehr in der Hand, sondern dein Leben. Du kannst es laden, mit einem Leben nach dem anderen, jede dieser kleinen, glänzenden Patronen ist mächtiger und stärker als ein Feind, mag er noch so gross sein und noch soviele Muskeln haben, du steckst sie alle in das Magazin, eine nach der anderen, der Druck der Feder wird immer stärker, bis keine Patrone mehr hineingeht. Dann schiebst du das Magazin in den Schacht, du hörst den satten Klang, wenn es einschnappt, du lädst durch – aus jeder Ecke des Zimmers kommen sie, mit Baseballschlägern und Schmetterlingsmessern, die Eingebildeten, die Auslacher, die Bösen. Keine Angst, sie können dir nichts anhaben, sie haben keine Chance gegen deine Waffe, wie gut, dass du das grosse Kaliber und die Bleigeschosse genommen hast, unübertroffen für die stopping power in engen Räumen, die Wucht des Aufpralls wirft sie hintenüber, sie rühren sich nicht mehr. Jeden Abend vor dem Einschlafen blätterst du in den Handbüchern und in dem grossen Katalog aus Houston, in dem die Namen stehen, die schon immer wie Magie klangen, Colt- Peacemaker, Smith&Wesson Magnum, Mauser, Winchester, Enfield, Tokarev, Glock. Du trägst den winzigen Derringer, der doch die grossen Kugeln vom Kaliber 45 abschiesst, tödlich auf kurze Entfernungen. Die Pumpgun, Kaliber 12, mit abgesägtem Lauf: wer davor keinen Respekt hat, der ist durch nichts zu beeindrucken.

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