Aufsaetze
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„Komm! ins Offene, Freund!“

Zur Psychologie der Offenheit

Neben der in ferne Länder verlagerten Produktion verunsichert uns auch und vielleicht noch mehr die Konkurrenz der Maschinen. Der Bankangestellte weicht dem Bankomaten, der Einzelhandel dem Supermarkt, der Supermarkt dem Versand über die Internet-Bestellung. Wann wird mein Beruf durch einen kostensparenden Automaten ersetzt? Und während wir auf unseren Traditionen sitzen wie Kinder auf Sandburgen vor der Flut, wird uns gesagt: ihr müsst offen sein, flexibel, ihr dürft der Neuerung nicht defensiv begegnen, sondern müsst sie gestalten!

Da kann einem schon einmal die Offenheit vergehen, möchte man meinen. In der Tat gibt es viele Hinweise, dass politische Populisten Punkte machen können mit dem Versprechen, wieder geschlossene Welten herzustellen, angefangen mit dem Dichtmachen bereits geöffneter Grenzen bis hin zur Rückkehr zum Nationalstaat heraus aus der europäischen Union.
Wie hilfreich die Kunst sein kann, um die Kluft zwischen den Überangepassten und den Unterangepassten zu überbrücken, zeigt ein Projekt des Münchner Anna-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit dem Sozialreferat und dem Staatsballet an der Opernbühne des Nationaltheaters. In Anna tanzt formten die Profis aus dem Ballett zusammen mit Lehrern des Gymnasiums eine gemischte Gruppe aus gescheiterten Hauptschülern (viele davon mit Migrationsgeschichte) und Gymnasiastinnen bis zu einem großen Auftritt in einer Inszenierung von Romeo und Julia.

Die Aufführung wurde ein gefeierter Erfolg. Darüber hinaus gewannen die Schulversager, die am Hauptschulabschluss gescheitert waren, in der Auseinandersetzung und Bewältigung der künstlerischen Forderung soviel Selbstvertrauen, dass jeder von ihnen in einem zweiten Anlauf die Prüfung bestand.

Die Elbphilharmonie öffnet jetzt – und sie will ein offenes Haus werden. Einfach ist das sicher nicht. Wenn es darum geht, Geld auszugeben, will das Publikum wissen, was es bekommt. Es belohnt die Konvention, das Vertraute, das Sichere. Wo aber bleiben dann die, die etwas Neues machen möchten und die noch keiner kennt? Geht es etwa auch hier um die Suche nach einem Weg zwischen der Überanpassung an den Massengeschmack und der Unteranpassung, welche den Kontakt zwischen Kunst und Publikum zerreißt? Soll heißen: Offenheit kann nicht ohne Rückhalt in festen Strukturen gedeihen, während feste Strukturen allein auf Dauer eng und steril werden. Wie gesagt: Offenheit ist uns geschenkt, Enge wird uns aufgezwungen, aber dieses Geschenk müssen wir immer wieder neu erobern, verteidigen und bewahren.

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