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„Komm! ins Offene, Freund!“

Zur Psychologie der Offenheit

Da Kinder sich mit den Erwachsenen identifizieren und auf diesem Weg ihre nervösen Strukturen aufbauen, führt diese Forderung dazu, dass auch die Kinder ihre eigene Lust an Neugier und Tätigkeit mit den ängstlichen Gefühlen der Eltern erleben und sich zurücknehmen. Der Weg zwischen Überanpassung mit der Gefahr der Depression und Unteranpassung mit der Gefahr des sozialen Versagens ist in den modernen Gesellschaft nicht leicht zu finden.

Das belegt die Zahl der wegen einer Erschöpfungsdepression (die heute gerne vornehmer Burnout genannt wird) Arbeitsunfähigen ebenso wie die Zahl der Langzeitarbeitslosen und der arbeitslosen, an der Schule gescheiterten jungen Menschen.

Was die Offenheit gegenüber Menschen angeht, die in unserem Land Zuflucht suchen, haben sich in den letzten Jahren gravierende Unterschiede ergeben. Aus ihnen lässt sich ableiten, dass die Offenheit für Neuankömmlinge durchaus eine emotionale Analogie zu der Situation des spielenden Kindes enthält. Solange wir uns sicher fühlen, gut versorgt und verwurzelt in unserem Zuhause, können wir uns Offenheit leisten. Sobald wir aber Angst haben, selbst zu kurz zu kommen, überlastet sind von traumatischen Erfahrungen und Neid auf jene, denen sie tatsächlich oder auch nur vermeintlich erspart blieben, ist es vorbei mit der Offenheit.

Eine offene Gesellschaft, in der wir uns überall frei bewegen können, ist ein immenser Wert, den wir uns vielleicht erst dann wirklich klar machen, wenn wir wissen, wie sich das Gegenteil anfühlt: ein Leben, in dem jeder außerhalb verschlossener Türen und bewachter Zäune damit rechnen muss, überfallen und ausgeraubt zu werden. So sieht es heute in einigen Schwellenländern aus.

Die Kunst und der Weg zwischen Überanpassung und Unteranpassung

Nun gibt es eine Art Schutzengel auf dem schmalen Grat zwischen Überanpassung und Unteranpassung, dessen Hilfe für eine gesunde seelische Entwicklung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es ist die Kunst in allen ihren Formen. Sie lässt sich psychologisch fassen als ein Stück in das Erwachsenenleben geretteter Spielfreude, Offenheit und Neugier, eine Synthese aus der Fähigkeit, von vorgefertigten, festgelegten Wegen abzuweichen ohne ins Chaos zu stürzen, im Gegenteil. Kunst ist nicht nur Kreativität, sondern immer auch Disziplin, Handwerk im weitesten Sinn.

Da Kunst keinen zweckrational fassbaren Nutzen erbringt und ihre Nähe zum kindlichen Spiel nicht zu leugnen ist, war sie schon immer ein offener Raum. Allerdings spiegelt sich auch in ihr der kulturelle Gegensatz von Bewahren und Auflösen. Wer sich als Künstler versteht, kann durchaus andere Künstler für engherzig und starrsinnig halten. Gerade im Bereich des Unwägbaren scheint es verführerisch, starke Meinungen (wie „das ist keine Kunst!“) zu äußern, weil es doch nicht angenehm ist, sich mit der Beschränktheit der eigenen Kenntnisse abzufinden.

In der Gegenwart gerät unsere Fähigkeit, offen zu sein für Neues, an Grenzen. In der modernen Welt können wir Globalisierung nicht nur denken, wie es Goethe mit dem Begriff der Weltliteratur bereits getan hat. Wir sind ihr ausgeliefert, sie raubt uns Selbstverständlichkeiten, für unerschütterlich geglaubte soziale Strukturen. Die Post, die Bahn waren in Deutschland hundert Jahre lang Organisationen, die ihre Mitarbeiter über Generationen hin prägten. Und heute? Hektisch sich verändernde Strukturen, von denen smarte Berater auch schon einmal sagen: Nicht die Guten fressen die Schlechten, sondern die Schnellen die Langsamen!

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