Vortrag
Schreibe einen Kommentar

Die Macht der Religion (Teil 2)

Dieser Versuch, die erfundenen Abenteuer als wirklich erlebte auszugeben, drückt bereits die Bereitschaft von Karl May aus, sich selbst als Schriftsteller zu entwerten und seine Fähigkeit, fesselnde Märchen zu erzählen, gering zu schätzen. Er wünscht sich eine Selbstdarstellung als grandioser Realcharakter, als Ein-Mann-Gesamtkunstwerk. Dieser Anspruch musste umso mehr seine Kritiker wecken, je erfolgreicher May als Schriftsteller wurde. Er bereitete seinen Gegnern ein leichtes Spiel, die schliesslich nachwiesen, dass er die Zeit im Zuchthaus verbracht hatte, in der er Heldentaten in Amerika und Arabien vollbracht zu haben behauptete. Das hat Karl May sehr verbittert und eine letzte, manische Anstrengung ausgelöst, die ihre Wurzeln in einer tiefen Depression nicht mehr verleugnen kann. Es geht jetzt darum, dass May angesichts des Scheiterns seines Gesamtkunstwerks „Held“ sich auch als Schriftsteller scheitern lässt, freilich mit der Hoffnung, sich wie Phoenix in dieser Asche magisch zu verjüngen und glänzender aus ihr zu erheben. „Alles, was ich bisher geschrieben habe“, sagt May in einem Brief an Prof. L. Gurlitt vom 8. Januar 1912viii, „ist nichts als Vorübung, als Skizze. Ich habe mich bisher vorbereitet, habe meine Stoffe und meine Leser studiert und kann nun erst mit meinen eigentlichen Werken beginnen, in denen ich das bringe, was ich bis heute nicht bringen konnte, weil mir das Wissen und das Können dazu fehlte.“ Hier kündigt May den Wechsel von der Rolle des Erzählers in die des Propheten, des Stifters einer neuen Religion an. Aber in demselben Jahr 1912 starb Karl May. Hubbards Karriere ähnelt der von Karl May, doch war er ein weit schlechterer Romancier und ein weit entschlossener Religionsstifter. Wie Karl May begann auch Hubbard mit den sogenannten „Heftchen“- oder „Groschen“- Romanen („pulps“ nach dem billigen Papier, auf dem sie gedruckt waren). Er veröffentlichte 1934 seine erste Abenteuerstory, The Green God (Der grüne Gott). Er produzierte 10 Seiten am Tag. Alle Genres wurden bedient: Western, Liebe, Detektiv- und Zukunftsroman. Um die Leser von der Fährte des Vielschreibers zu locken, der sich notgedrungen wiederholt, benutzt Hubbard Peudonyme, die viel über seine Stoffe und seine Sehnsucht aussagen, ein heroischer Soldat zu sein. Unter anderem nennt er sich: Winchester Remington Colt, Lt. Jonathan Daly, Capt. Charles Gordon, Bernard Hubbel, Michael Keith, Legionnaire 148, Rene Lafayette, Ken Martin, B.A. Northrup, Scott Morgan, Kurt von Rachen, Barry Randolph, Lt. Scott Morgan, Capt. Humbert Reynolds. Als Drehbuchschreiber für Piratenfilme kommt Hubbard in Hollywood nicht weiter; besser ist sein Erfolg in der Sparte Science Fiction. Seine erste Geschichte The Dangerous Dimension (Die negative Dimension), erscheint 1938 in der Juli-Ausgabe von Astounding Science Fiction. Hubbard gleicht Karl May insofern, als auch ihm die zurückgezogene Arbeit des Schriftstellers nicht genügt. Er will nicht nur Geschichtenerfinder sein, sondern selbst Geschichte machen. Er bläst eine Reise nach Alaska zur Forschungsexpedition auf, spielt mit Technik (es handle sich um eine „Funk- Expedition“, steht in der Hagiographie von Scientology) und behauptet Eingeborenenkulturen zu erforschen. Das ist genau die Mischung des Ich- Helden von Winnetou I.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.