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Die Macht der Religion (Teil 2)

Diese bergende Tradition ist verloren, aber die Religion hat sich nicht durch die Wissenschaft ersetzen lassen. Das unserer Analyse der „heißen“ Religionen zugrunde gelegte Modell der seelischen Traumatisierung, die unbewusste Größenvorstellungen belebt und symbiotische Sehnsüchte nach der Verschmelzung mit einem allmächtigen Wesen weckt, ist nicht nur provisorisch. Es krankt auch daran, dass es in die uralten Traditionen der Religion das neue Element der Erforschung des menschlichen Selbstgefühls einführt. Das ist, historisch gesehen, misslich genug. Es scheint ähnlich problematisch, eine frühere Zeit mit den Begriffen einer späteren Epoche zu deuten, wie ein Verbrechen zu bestrafen, das vor dem jetzt angewandten Recht begangen wurde. So mögen unsere Begriffe nicht gut sein. Was sie entschuldigt: wir haben keine besseren. Die Macht der Religion ist groß, diffus und schädlich genug, um für jedes Werkzeug dankbar zu sein, mit dem wir sie besser verstehen und genauer einschätzen können. Wenn wir in den Zeiten unserer seelischen Ausgeglichenheit erkennen, welche Kräfte den Charismatiker bewegen und seine Heilbotschaft so verführerisch machen, entwickeln wir Widerstandskraft. Sie mag uns schützen, wenn wir in seelische Not geraten. Ungewappnet sind wir sonst vielleicht schnell bereit, einem Verführer zu folgen, der Gefolgschaft braucht, um seine eigenen Ängste zu verarbeiten. Kinder spüren, ob ihre Erzieher lebendig mit ihrem Gott umgehen oder ihn missbrauchen, um sie zu bedrücken und ihnen Angst einzuflößen. Einfühlende, offene, an dem Neuen, das jedes Kind verkörpert, interessierte Eltern mögen fromm oder unfromm sein. Sie schützen ihre Kinder mehr als jeder Katechismus davor, je nach Begabung und innerem Druck Prophet zu werden oder Prophetenopfer, Verführer oder Verführte. Eine von der Narzissmusforschung geprägte Religionspsychologie wird nicht nur die sprituellen Inhalte analysieren, sondern auch den Größenanspruch, den sie erzeugen. Sie wird Fanatismus als Zeichen unreifer Strukturen des Selbstgefühls ausmachen und die Entwicklung reifer Formen des Narzissmus studieren, die durch Humor, Selbstdistanz, Ambivalenztoleranz und Kreativität geprägt sind. Und sie wird eine Ethik begründen, dem Kindlichen möglichst viel Raum zu lassen, das danach strebt, das Leben zu genießen, neugierig zu bleiben und sich dem Dünkel der Eingeweihten zu widersetzen.

Vortrag vor der Evang. Stadtakademie München, 22.03.07

i „Michael Persinger, Direktor der Forschungsabteilung an der kanadischen Sudbury Laurentian University, konstruierte einen Helm, den er Octopus nannte. Das von ihm erzeugte elektrische Magnetfeld wirkt stimulierend auf die Neuronen des Gehirns und veranlasst sie, elektrische Impulse an andere Hirnregionen zu senden. Mehr als 80 Prozent der Versuchspersonen, denen Persinger seinen Zauberhelm aufsetzte, nahmen eine höhere Wirklichkeit wahr, denen sie sich in diesem Moment verbunden fühlten. Die Atheisten unter ihnen sprachen von Verbundenheit mit dem Universum, die Gläubigen wollten die Gegenwart Gottes gespürt haben.“ Vgl. „Glaube ist nicht messbar. Neuro-Theologie“ , Christian Feldmann, Sonntagsblatt, Internet-Ausgabe 2005 ii Limbus ist im Latein das Band, das z.B. als Besatz an Kleidern oder um den Kopf getragen wird. Im übertragenen Sinn ist es auch das Band, das die Sternzeichen verknüpft, woraus sich wohl im Mittelalter die Bedeutung eines Raums zwischen den Sphären ergab, in dem die ungetauft gestorbenen Kinderseelen verweilen, die weder schuldig noch erlöst sind, bis Christus am jüngsten Tag über sie entscheidet. iii Papez, J.W., A Proposed Mechanism of Emotion, Arch.Neural Psychiatry, Bd.38, S.725-739, 1937 sowie MacLean, A. J., A Triune Concept of the Brain and Behavior, Toronto 1973 iv Slatzer, E., Beard, A.W., The Schizophrenia-like Psychoses of Epilepsy, British Journal of Psychiatry Bd. 109, S. 95-150, 1963 v Ramachandran 2001, S. 292f. vi Ramachandran 2001, S. 291 vii Andrew Newberg, Der gedachte Gott – Wie Glaube im Gehirn entsteht, München 2003 viii Karl May, Ich, S. 413 ix Neulich schilderte ein Scientology-Aussteiger in einer Talkshow eindringlich, wie viel Zeit und Geld er aufwendete, um clear zu sein und andere zu trainieren – und wie ihm diese manische Abwehr zusammenbrach, als er an Krebs erkrankte. Seither kämpft er gegen Scientology als ein „faschistisches System“.

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