Kolumnen
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Meine Beziehungsbücher

Das zweite Beziehungsbuch untersucht „Die heimliche Liebe„. Es befasst sich ausführlicher mit einem Widerspruch, der in „Die Angst vor Nähe“ bereits angedeutet wird. Wir finden nicht selten in einer Beziehung keine Lösung, die unseren Gefühlen ebenso gerecht wird wie unserer Sehnsucht nach Wahrheit. Wenn wir in jeder Situation die Wahrheit sagen, müssen wir Bedürfnisse verleugnen, uns zu schützen oder dem Partner eine Auseinandersetzung zu ersparen, die wir ihm nicht zumuten wollen. Wo ist eine Lüge humaner als eine Wahrheit? Wo rechtfertigt ein Lügner seine Mauschelei mit unerwünschter Schonung? Wo wird eine angebliche Wahrheitssuche in den Dienst des Bemühens gestellt, eine Person (den Symbiosepartner, das Selbstobjekt) zu kontrollieren – vorgeblich aus Liebe, in Wahrheit aus Angst, ihn zu verlieren, die so oft den Verlust nicht vermeiden hilft, sondern ihn geradezu inszeniert?
Dieses Buch über die heimliche Liebe hat mir in vollem Umfang gezeigt, wie schwierig es ist, in der Mediengesellschaft differenzierte Kenntnisse zu vermitteln. Ich habe oben schon beschrieben, wer mich dann mit welchen Gründen einladen wollte. Einige Tage später sagte ich ein Telefoninterview mit einem Berliner Radiosender zu und hörte als erste Frage: „Herr Schmidbauer, waren Sie heute schon bei ihrer Geliebten?“ In solchen Fällen ist die therapeutische Sozialisation ein echtes Handicap; man wird durch sie dressiert, auch der frechsten Frage eine konstruktive Seite abzugewinnen und versäumt so die Abstrafung eines dummdreisten Gesprächspartners ebenso wie die ironische Parade. Ich bin dem Erfinder des automatischen Anrufvernichters dankbar, der Gesprächswünsche von Reportern neutralisiert, die mich immer noch erreichen, wenn wieder einmal ein Torhüter fremdgegangen ist. Ich weiss nämlich wirklich nichts auf die Frage zu sagen: „Warum tun Männer das?“ Allenfalls regrediere ich zu Sprüchen wie „Warum ist die Banane krumm?“.

Wenn ich zusammenfasse, wie sich mein Denken seit der ersten Ausgabe der „Angst vor Nähe“ weiterentwickelt hat, dann würde ich die Ergänzung des Modells der Symbiose durch das Modell der „gestützten Grandiosität“ anführen. Der gemiedene oder manipulierte Partner ist demnach ein „Selbstobjekt“, eine Stütze der eigenen Grössenphantasie, des Glaubens an die eigene Macht über das Leben. Der drohende Verlust des Selbstobjekts weckt heftige Gegenreaktionen, die sich aus Angst, Wut und Abhängigkeitswünschen mischen und oft die Formel annehmen: „Ich will dich zerstören, damit du bei mir bleibst!“ Er führt zu Rache, Gewalt und subtileren Vorstufen des entwertenden Umgangs, die inzwischen unter dem Begriff des Mobbing vor allem in der Arbeitswelt dskutiert werden, die ich aber 2007 auch auf Liebesbeziehungen übertragen habe. Die Grandiosität, welche das Selbstobjekt sichern soll, ist eine ursprüngliche Form des Narzissmus, der Glaube, dass „alles glatt geht“. Sie wird durch Identifizierungen mit der Macht der frühen Bezugspersonen aufgebaut und gewinnt einen Realitätsbezug, wenn diese Personen als glaubwürdige Vorbilder erscheinen. Wenn sich aber beispielsweise die Eltern gegenseitig entwerten, verlieren sie diese Qualität. Die Betroffenen können sich dann nicht mehr von ihrer Grandiosität distanzieren und vernünftig mit ihr umgehen, sondern müssen sie durch die Mechanismen des primitiven Narzissmus verteidigen. Sie schwanken zwischen Bewunderung und Entwertung, spalten zwischen einer guten und einer schlechten Realität. Sie neigen zu Humorlosigkeit, Intoleranz und dem oben erwähnten moralischen Schwachsinn. Sie fallen in Depressionen und können sich als (Er)Lösung nur die Manie vorstellen, nicht die Heimkehr in die Realität des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen, mit dem Spatzen in der Hand und der Taube auf dem Dach.

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