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Meine Beziehungsbücher

Das Modell der gestützen Grandiosität ist flexibler als das Modell der abgewehrten Symbiose. Es erklärt beispielsweise, weshalb Näheängste (und ihre Abwehr durch Kontrolle des Partners) virulent werden, sobald andere Stützen des Selbstgefühls wegfallen. Das gilt z.B. für Arbeitslose oder Männer nach der Pensionierung, nach dem Tod eines Elternteils, manchmal nach dem Ende einer Therapie. Ein Urlaub, selbst das Wochenende können die seelische Nähe verändern. Auch hier ist ein Modell hilfreich, in dem viele mögliche Stützen des Selbstgefühls vorgesehen sind, die mit der Paarbeziehung harmonieren oder diese stören. Ein weiterer Aspekt sind hartnäckige Übererwartungen an berufliche Anerkennung, an Rücksicht und Lob von Kollegen und Vorgesetzten. Wer sozusagen die narzisstische Gesamtsituation des Mobbingopfers, des chronisch Kranken untersucht, findet hier oft eine Verlagerung. Statt über die zentralen Kränkungen zu sprechen, die in ihren unbefriedigenden Gefühlsbeziehungen wurzeln, inszenieren die Betroffenen Mängel und Krisen in ihrer beruflichen Umgebung, wo sie sich mehr in der Lage fühlen, sich und anderen ihre Depressionen zu erklären.
Jedes Modell über seelische Entwicklungen ist provisorisch. Wer es unwissenschaftlich nennt, hat recht und doch nur einen Teil begriffen. Denn exakte Voraussage, wie sie die Naturwissenschaft wünscht, ist mit unseren emotionalen Bedürfnissen aus guten Gründen nicht vereinbar. Die Hintergründe des menschlichen Schwankens zwischen Autonomie und Anlehnung, zwischen Nähe und Distanz, zwischen der Lust auf Neues und der Angst vor dem Verlust des Vertrauten lassen sich mit vielen Modellen erforschen. Jedes nutzt uns nur so lange, wie es sich der Tiefe und Individualität dieser Prozesse nicht in den Weg stellt. An der forschenden, offenen, um Annäherung an individuelle Schicksale bemühten Haltung des einzelnen Analytikers kann weder die Idealisierung noch die Entwertung der Psychoanalyse etwas ändern.

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