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Burnout in der Psychotherapie

Beitrag zu dem von Otto Kernberg u.a. herausgegebenem Band "Wir Psychotherapeuten", Stuttgart 2004

Wörtlich heisst Burnout Ausbrennen, es entspricht dem Verlöschen einer Lampe, wenn das Öl verbraucht ist oder dem Zustand eines „ausgebrannten“ Gebäudes. Unter Motorradfahrern bedeutet Burnout den Verschleiss eines Reifens, wenn bei festgehaltener Vorderradbremse soviel Gas gegeben wird, dass das Hinterrad durchdreht und der Pneu sich so stark erhitzt, dass er raucht oder sogar Feuer fängt; jedenfalls lässt sich so ein Reifen in wenigen Minuten „abfahren“, ohne dass der Fahrer einen Meter vorwärts kommt. Heute wird der Begriff für Motivationsprobleme verwendet, vor allem bei sozialen Berufen. Er dient dazu, Aufmerksamkeit für den Unterschied zu wecken, ob ein Lehrer, Arzt oder ein Therapeut seine Arbeit gern und engagiert oder verdrossen und defensiv leistet – etwa in dem Sinn: es ist mir alles zuviel, aber ich kann meinen Platz doch keinem inkompetenten Nachfolger überlassen.
Eines der ersten Signale des Burnout ist Überengagement. Hier hängen das Burnoutrisiko und das „Helfen als Abwehr“, das sogenannte Helfer-Syndrom (Schmidbauer 1977, 2001) zusammen. Die Betroffenen arbeiten nahezu pausenlos und formen alle ihre Beziehungen nach einem Modell, in dem sie selbst über Bedürfnisse erhaben und andere auf sie angewiesen sind. Während zu einer normalen Berufstätigkeit der Wechsel von Arbeit und Freizeit gehört, idealisieren sie die Arbeit und geben vor, keinerlei Erholung zu benötigen. Auf Entspannungsphasen wird verzichtet, der eigene Einsatz als vorbildhaft hingestellt. Die Betroffenen sind eher überaktiv, fühlen sich unentbehrlich, verleugnen eigene Bedürfnisse, um die Rolle perfekt durchzuhalten. Die Neigung, Kollegen zu entwerten, um die eigene Vollkommenheit herauszustellen, macht solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft unbeliebt und verstärkt das übermässige Engagement für die Arbeit, die zur einzigen Quelle von sozialer Anerkennung wird.
Irgendwann bröckelt die überforderte Leistungsfassade. Es lässt sich nicht mehr verleugnen, dass die Burnout-Gefährdeten ihren eigenen Ansprüchen nicht gewachsen sind. Chronische Müdigkeit und Unlust, die Arbeit zu beginnen sind erste Warnsignale. Wenn nach einem längeren Urlaub der erste Arbeitstag ebenso belastend erlebt wird wie der letzte vor dem Urlaub, ist klar, dass die Regenerationsfähigkeit reduziert ist. Weitere Symptome sind zunehmende Distanz von den eigenen Aufgaben und von den Menschen, die betreut werden sollen. Unpersönliche, manchmal zynische Ausdrücke setzen sich durch. Die Arbeit, die einmal mit Sätzen wie „ich tue es um der Sache willen, nicht für Geld!“ idealisiert wurde, wird als erheblich anstrengender, aber auch schlechter bezahlt als alle anderen Tätigkeiten erlebt. Die Betroffenen fühlen sich ausgenützt und gewinnen die Überzeugung, dass angesichts des Missverhältnisses von Anstrengung und Gehalt auch illegale Mittel (wie Krankfeiern oder falsche Abrechnungen) erlaubt sind, um Vorteile herauszuholen.
Den Betroffenen gelingt es nicht mehr, die in jeder Arbeit unausweichlichen Versagungen und Belastungen auszugleichen und die mit diesen verknüpften Aggressionen zu neutralisieren. Die Aggressionen werden entweder gegen die eigene Person gerichtet – Schuldgefühle, Selbstentwertungen, bedrückte Stimmung, Phantasien, für den Beruf völlig ungeeignet zu sein, ihn aufgeben zu müssen. Oder aber sich richten sich gegen Kolleginnen und Klienten. In der geräuschvollen Herabsetzung anderer, die noch schlechter arbeiten als ich, kann ich mein beschädigtes professionelles Selbstgefühl retten. Burnout und Mobbing sind sozusagen Zwillinge; wo wir das eine finden, ist das andere nicht weit.

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