Vortrag
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Das Unbewusste und der Wald

Vortrag auf der Tagung: Blätterwald – Wald in den Medien

Dem Naturentzücken und der Ursprungsschwärmerei angesichts des Waldes hält die Wissenschaft gerne entgegen, dass der Wald in Europa genau so Kulturlandschaft sei wie Felder oder Fischteiche. Aber dennoch ist es etwas Eigentümliches mit dem Wald. Er ist anders, und das liegt an den Bäumen.

Weil sie in der Regel länger leben und größer werden als der Mensch, flössen sie uns Achtung und Ehrfurcht ein, gemischt mit Angst, denn der unbewaffnete Mensch kann einem Baum nichts anhaben, der Baum aber auch den Bewaffneten erschlagen, vor allem, wenn ihm die Elemente -Sturm oder Schnee – zu Hilfe kommen. Wenn nach einem Unwetter über Todesfälle berichtet wird, sind die Täter fast immer Bäume. Wenn ich bei starkem Wind unter Bäumen gehe, muss ich oft an den Dichter Odön von Horvath denken, der im besten Alter in Paris von einem Ast erschlagen wurde.

Auf der anderen Seite sind Bäume unendlich nützlich und hilfreich -Sauerstoffspender, Lärmschlucker, Wasserspeicher, nachwachsender Rohstoff. Die Energie, mit der wir unsere Wohnungen vor Kälte schützen und autofahren, kommt von den Bäumen längst untergegangener Wälder. Wir zehren von den Bäumen, sie sind unsere Eltern oder doch Grosseltern.

Die naive Baumkindschaft ging dem Menschen verloren, als er anfing, Pflanzen und Tiere zu züchten. Indem er sie nach seinen Vorstellungen vermehrte, gewann er eine bisher nie dagewesene Macht über seine Umwelt. In den Paradiesmythen ist mit diesem Schritt der Gedanke vom Sündenfall verknüpft. Auch darin spielt ein Baum die zentrale Rolle. Die Menschen im paradiesischen Zustand (im goldenen Zeitalter des griechischen Mythos) pflückten Obst und aßen es, sie ernteten, was der Wald ihnen spendete, Nüsse, Feigen und Granatäpfel.

Die Jäger und Sammler in den Tropen, die es ihnen weitgehend nachtun, arbeiten in der Regel zwei Stunden am Tag, um ihren Nahrungsbedarf zu decken. Sie sind in einem besseren Ernährungszustand als ihre agrarischen Rivalen, solange diese ihnen ihre Jagd- und Sammelgründe lassen. Das haben Studien ergeben, die auf dem inzwischen schon legendären Symposion „Man the Hunter„ in den sechziger Jahren in Chicago vorgetragen wurden.

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3 Kommentare

  1. Rosmarie Niesler sagt

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

    vielen herzlichen Dank für diese wunderbare, klare u. tiefsinnig/verbindende Analyse bzw. Darstellung unseres Seins in unserer so verworrenen ‚Realität‘!
    Das gilt für alle Ihrer Beschreibungen, die ich bisher gelesen habe; sie geben eine wohltuende Möglichkeit, klar zu sehen u. zu verstehen. Wie Therapie!

    Es grüßt Sie herzlich
    R. Niesler

  2. howetzel sagt

    Nicht nur der Mensch, alle welt ist vergänglich. Alles ist im Fluß!

    Die immer weiter abschmelzenden Gletscher er innern mich daran, dass von 20 tausend Jahren hier ganzanders ausgesehen hat. Wald war da nicht zu erwarten und der Mensch hat auch heute immer nocht recht wenig Einfluss.
    Ich möchte das nicht gerade nicht pessimistisch sondern als Option zum Handeln sehen, aber Weltuntergangpropheten schüren und nutzen diese Angst.

    Da macht mir der gestrige Wahlsieg Angst und mir fällt die Vokabel „grünlackiert“ ein und ich weiß nicht warum!

  3. Florian sagt

    Besonders berühren mich als Tolkien-Leser die Verweise auf „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Da bekomme ich gleich wieder Lust, Tolkien zu lesen und (wie jedes Mal) völlig neue Aspekte zu endecken.

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