Autor: W.S.

Die Freude am Verfahren

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – Ein Widerspruch

I.

Im Juni 2009 rief mich Hanjo Seissler an, der früher in der Zeitschrift natur eine Kolumne von mir angeregt und betreut hatte. Ich sollte einen Essay für die Süddeutsche Zeitung schreiben; dort solle eine Beilage erscheinen, in der eine Reihe von Publizisten, Wissenschaftlern und Künstlern darüber nachdenken sollten, was Menschen freut. Der für mich geplante Titel sei „Die große Freude“. Er erwähnte andere Autoren, bekannte Namen darunter. Wir plauderten ein wenig über die Zeit bei NATUR und Manfred Bissinger. Irgendwann erwähnte er auch, die SZ interessiere sich [...]

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Unser Medizinsystem

Es ist schon dreissig Jahre her, aber solche Erlebnisse vergisst man nicht: Auf einem Badeausflug mit dem Fahrrad an einem schönen Junitag sauste ich Kopf voran auf den Teerbelag der Strasse. Später rekonstruierte ich, dass meine vierjährige Tochter, die vor mir auf einem Schalensitz saß, mit dem Absatz ihrer Holzsandalen in die Speichen geraten war. Sie plumpste auf mich und blieb unverletzt. Meine Oberlippe war gerissen, Platzwunden im Gesicht, gottlob nichts gebrochen, kein Zahn ausgeschlagen.

Ich fand den Chirurgen, in dessen Praxis ich gebracht wurde, eine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit, mindestens einen Kopf größer als ich, breitschultrig, Ruhe ausstrahlend. Er injizierte ein [...]

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Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane

Dieser Text wurde auf der Tagung „Gesund-Sein aus Bewußtsein“, 3.-5. April 2009 in der Akademie Tutzing vorgetragen. Es geht darin um die (Un)Möglichkeit, in der modernen Gesellschaft zu einer „ganzheitlichen“ Heilkunde zu finden.

Brauner Biber, ein Jäger vom Stamm der Kwakiutl-Indianer, schleppt sich zu Quesalid, dem Schamanen des Stammes. Er ist ganz plötzlich, als er sich zu einer seiner Fallen bückte, von einem Zauberdorn getroffen worden. Ein stechender Schmerz macht ihn seither fast bewegungsunfähig. Er muss von seiner Frau gestützt werden, die [...]

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Unsere Kindersoldaten

Die überlastete Kränkungsverarbeitung in den Schulen ist längst bekannt; sie wird verleugnet, bis sie explodiert

Eine der Merkwürdigkeiten im Umgang der Medien mit dem jüngsten Amoklauf eines Schülers war die lang anhaltende und zickig wirkende Debatte, ob es gut oder schlecht gewesen sei, eine gefälschte Internet-Botschaft unter die Leute zu bringen. Dieses Detail, das viele Druckseiten gefüllt und Sendeminuten verschluckt hat, verrät vielleicht mehr als viele andere die ganze hilflose Augenwischerei im Umgang mit solchen Ereignissen. Es wurde gestritten, als würde eine fiktive Botschaft in einem Blog ein existenzielles Geheimnis über die Tat enthüllen, während doch das wahre Problem ist, [...]

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Innenansichten zum Amoklauf

Ein erster Entwurf der folgenden psychologischen Skizze entstand nach dem blutigen Amoklauf an einer deutschen Schule in Freising im Februar 2001. Sie sucht die innere Situation eines Tätertypus zu erfassen, der seit Erfurt nicht mehr aus den Schreckensszenarien unseres neuen Jahrhunderts wegzudenken ist.

Wenn es einem Menschen nicht gelingt, befriedigende Gefühlsbeziehungen herzustellen, führt das zu einem Mass von innerem Elend und ständiger Angst, das sich „normale“ Personen nicht vorstellen können. Die narzisstische Beziehungslähmung führt zu einem quälenden Neid auf alle Menschen, die in jenen „guten“, entspannten Beziehungen leben, die sich der Gestörte nicht zutraut und nicht vorstellen kann. Er steht [...]

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Kleine Rechthabereikunde

Es gibt eine ganze Reihe von Beschäftigungen, deren Ansehen sehr viel geringer ist als ihre Beliebtheit: Pralinenessen, Seitensprünge, Komasaufen, Steuerschwindel, Blaumachen – und Rechthaben. „Reine Rechthaberei“, „Du willst immer nur rechthaben!“ „Dein sei das letzte Wort!“

Wer wie der Autor einen guten Teil seiner täglichen Arbeit mit Paaren verbringt, die ihre Liebesbeziehung als unbefriedigend und stressreich empfinden, hat auch täglich Anschauungsuntericht über Rechthaberei. Er bemerkt, dass die eigene Rechthaberei völlig unauffällig abläuft und gänzlich mit sich selbst einverstanden ist, bis sie mehr oder weniger schmerzhaft an die Rechthaberei des Partners stösst. Die eigene Rechthaberei ist eigentlich gar keine. Sie ist [...]

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Alte Hosen und leere Marmeladengläser

Von Pablo Picasso wird erzählt, dass er auch kleine Rechnungen – etwa in einem Restaurant – mit Scheck bezahlte. Er rechnete damit, dass die Bedienungen den Scheck nicht einlösen würden, eine signierte Grafik von Picasso! So zahlte er, ohne zu zahlen. Man hatte ihm ein Essen geschenkt!

Es gibt noch eine zweite Geschichte dazu: Als eines Tages seine junge Geliebte Francoise Gilot zwei uralte, ewige Zeiten nicht mehr getragene Hosen des Künstlers wegwarf, kam dieser spätabends strahlend nach Hause: „Stell dir vor, ich habe zwei gute Hosen in der Mülltonne gefunden, was die Leute alles wegwerfen!“. Er hatte sie nicht [...]

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Lässt sich Sex verhandeln?

Muss ich mit zum Geschäftsessen? Soll ich gestehen, dass ich spioniert habe? Darf ich meinem Partner sagen, dass er sich nur mit Idioten umgibt? Darf ich ihr Tagebuch lesen? Sollte man fragen, wie gut man im Bett ist? Muss ich eine Affäre aufdecken? Diese Fragen und die jeweiligen Antworten können sich schnell als Fettnäpfe oder riesige Stolpersteine erweisen...

Grossvater war im Krieg

Viele deutsche Familien sind durch traumatisierte Eltern geprägt
Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, Dezember 2008
Neulich las ich in dem Bericht einer Tageszeitung über eine Schiesserei in einer Fussgängerzone. Der Text zeichnete ein Bild von Gewalt und Blutvergießen an einem sonnigen Nachmittag. Das Rote Kreuz habe nach dem Ereignis ein Zelt aufgebaut, in dem sich die seelisch traumatisierten Passanten von geschulten Therapeuten helfen lassen konnten. Mir schien das lächerlich, wehleidige Fußgänger und Helfer, die Selbstmitleid fördern! Sobald ich über meine spontane Reaktion nachdachte - schließlich bin ich selbst Therapeut und es steht mir nicht zu, mich über Kollegen zu erheben - kam mir in den Sinn, wie zeitgebunden unser Gefühl für seelische Traumatisierungen ist. Ich bin 1941 geboren, erinnere mich noch an Bombenangriffe, wuchs in einer Welt von Soldatengeschichten auf und habe als kleines Kind den Soldatentod meines Vaters ohne bewusste Trauer hingenommen. So war es auch mir eigentlich selbstverständlich, mich nicht der "wehleidigen" Beschäftigung mit den Traumen des Krieges hinzugeben.