Autor: W.S.

Helfersyndrom reloaded

Erschienen in: Psychologie heute, Januar 2009
Von Alfred Adler wird erzählt, dass eines Tages ein Mann in seine Praxis kam. „Ich leide an einem Minderwertigkeitskomplex, Herr Dr. Adler“, soll der Hilfesuchende gesagt haben. „Wissen Sie, was das ist?“ Adler wusste es nur zu gut, denn er hatte diesen Begriff formuliert. Mit dem Helfersyndrom ist es nicht viel anders. Ein Pflegelehrer hat mich einmal gefragt, ob ich wüsste, dass alle seine Schüler immer wieder vom Helfer-Syndrom reden, als sei das eine Störung, die andere haben, sie aber nicht.

Kleists Narzissmus

Vortrag auf der Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist Gesellschaft in Berlin, November 2008

Jemanden wie Heinrich von Kleist würde man heute in die Psychiatrie stecken. Schon als Kind sei er, so ist es überliefert, ein nicht zu dämpfender Feuergeist gewesen – man hätte ihm heute das Zappelphilippsyndrom zugeschrieben, und Pillen gegen ADHS hätte er bekommen, um den krassen Wechsel zwischen Hyperaktivität und Depressivität ins Flussbett der Gewöhnlichkeit hineinzudämmen. Aber könnten wir dann dieses grandiose dichterische Werk bewundern?

So schreibt der Germanist Hermann Kurtze in einer Sammelrezension neuer Kleist-Biographien. Ich widerspreche dem. Kleists Verhalten wäre gegenwärtig nicht unproblematisch, gewiss. Vielleicht würde er wie [...]

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Bond auf der Couch

Gibt es das: den hysterischen Mann?

Aber ja, und James Bond ist einer seiner Prototypen. Er lebt in einer Dauer-Adoleszenz, er wird nie erwachsen. Statt selbst zum Vater zu reifen, scheint er den bärbeissigen M. lebenslang als Vaterersatz zu brauchen. In der Erotik ist er an den Potenzbeweis fixiert. Auch sonst erinnert sein Lebensstil an den Playboy. Nur das Beste ist gut genug und alles, was nicht grossartig ist, ist langweilig.

Die moderne Hysterie, die wir seit Flauberts Roman über Emma Bovary beobachten können, hängt mit unerfüllten narzißtischen Ansprüchen zusammen. Der Hysteriker ist schlecht darauf vorbereitet, sich in der Suche [...]

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Bestrafte Treue

Wenn mein Internetzugang wieder einmal streikt, treffe ich sogleich alle Anstalten für eine Reparatur. Ich rufe meine Tochter Lea an. Sie erkennt schon am Ton meiner Stimme, dass ich vom Netz abgeschnitten bin. Lea ist die Elektronik-Spezialistin der Familie, seit sie noch als Schülerin von einem befreundeten Microsoft-Mitarbeiter die ersten Einweisungen in die DOS-Welt erhalten hat. Sie ist manchmal gestresst. Sie hat unter ihrer Begabung zu leiden, denn sie hat eigentlich einen ganz anderen Beruf und ich bin keineswegs der einzige, der mit solchen Nöten bei ihr Zuflucht sucht. Sicher wünscht sie sich manchmal, blöder zu sein, dann hätte sie [...]

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Hilfe! Eine Kleinigkeit verfolgt mich! (Oder ich sie?)

Heute, in der Schlange bei Penny – ich achte ja nicht so genau darauf, ob die Beträge auch stimmen, aber als bei der Packung mit Birnen „rote Äpfel“ aufleuchtete, sagte ich doch: das waren Birnen! Die Verkäuferin puzzelte an ihrer Tastatur, versuchte vergeblich, die Tüte so in den Scanner zu quetschen, dass er erkennend piepte, gab schließlich einen Code ein. Als sie die Summe nannte, wunderte ich mich kurz, aber ich wollte die Schlange nicht noch einmal aufhalten, zahlte und ging. Zuhause aber griff ich doch nach dem Kassenbon, – und in der Tat: da standen die roten Äpfel, 2.45 [...]

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Mit dem Moped nach Ravenna

Mit dem Moped nach Ravenna ist der zweite Teil einer autobiographischen Erzählung, die mit Eine Kindheit in Niederbayern begonnen hat.

Es geht um die Zeit zwischen 16 und 21 Jahren. Historisch: um die Jahre 1957 bis 1962; psychologisch: um den Verlust der Kindheit und das Interesse an Maschinen, um Fernweh, die erste Begegnung mit dem Meer, um Intellektualisierungen, erste Erfahrungen mit der Sexualität und mit dem Schreiben.

Leserinnen und Leser der Nachkriegsgeneration haben an diesem Buch gelobt, dass es die eigene Jugend greifbar macht. [...]

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Freuds Dilemma

In diesem Buch geht es um die Spannung zwischen wissenschaftlicher Fundierung und künstlerischer Praxis der Psychoanalyse bzw. der Psychotherapie. Sie wird an einer kunsthistorischen Fehlleistung Freuds aufgezeigt.

Dieser hat den Gegensatz der Skulptur, die durch Wegnehmen arbeitet, gegenüber Plastik und Malerei, die etwas hinzufügen, nicht – wie es richtige wäre – mit Michelangelo, sondern mit Leonardo da Vinci verknüpft. Es lässt sich nachweisen, dass ein mit der Metapher des „Wegnehmens“ (der Psychoanalyse) und „Hinzufügens“ (der Suggestion und stützenden Behandlung) formulierter Gegensatz keineswegs so klar ist, wie ihn Freud mit rhetorischen Kunstgriffen zu formulieren suchte. Erst wenn wir diesen Schematismus überwinden, [...]

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Die verletzte Narzisse

Britney Spears aus der Sicht des Narzissmusforschers

Teenie-Star ist ein verächtliches Wort. Es sagt etwas über die Angst der Älteren. Teenie-Stars sind keine süssen Kinder, sondern hart arbeitende, zielbewusste Künstler, Jäger des Ruhms, die begriffen haben, wo sie den Weg zur Spitze suchen müssen. Der Mensch erreicht mit 14 Jahren den Höhepunkt seiner geistigen und physischen Leistungsfähigkeit. Niemals wieder wird er so schnell denken, unbekannte Probleme lösen, sich nach Verletzungen erholen können. Natürlich fehlt den jungen Frauen und Männern die Erfahrung. Aber was ist Erfahrung? Erfahrung mag ausnahmsweise auch einmal weise machen; die meisten Menschen engt sie ein.
In einer [...]

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Die Kentaurin

Dieses Buch ist ein Roman über die deutsche Geschichte zwischen 1914 und 1988 – der Lebensspanne der „Kentaurin“, einer zurückgezogenen, hochbegabten Frau, die ihren Jugendtraum – das Studium der alten Sprachen – als verwitwete Mutter zweier Söhne verwirklicht.

Sie studiert die griechischen Quellen im Orginal und erforscht schliesslich, nachdem ihre Kinder versorgt sind, auf zahlreichen Reisen die Welt der antiken Mythen und Religionen.

Viele Fäden sind in dieser Erzählung verwoben: die Tragik des deutschen Bildungsbürgertums im Dritten Reich, die Sehnsucht des Nordens nach dem Süden, die antiken Wurzeln des christlichen Glaubens und der Versuch, auf diesem Weg die Engherzigkeiten einer [...]

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Mythos und Psychologie

Zum 100jährigen Jubiläum des Verlages hat mich Ernst Reinhardt eingeladen, meine 1970 dort erschienene Dissertation neu herauszugeben.

Ich habe das mit viel Freude und Einsatz gemacht, weil mich das Thema immer noch interessiert und ich in letzter Zeit, im Zusammenhang mit meinen Interessen für die Psychoanalyse von Institutionen und Organisationen, auch in dieser Richtung weiter geforscht habe.

In dem Buch wird die psychologische Deutung von Mythen dargestellt und kritisch geprüft, wobei das Hauptbeispiel der Ödipus-Mythos ist. Das Ergebnis, kurz gefasst: Der mythische Ödipus handelte wahrscheinlich nicht aus der Dynamik heraus, die Freud später als Ödipuskomplex beschrieben hat.[...]

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