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Kann keine Trauer sein

Die sinnlose und verlustreiche Fortführung eines verlorenen Krieges war den Frontsoldaten früher klar als alle anderen Gruppen der Bevölkerung. Sie verstärkte Empfindungen, von allen Autoritäten im Stich gelassen zu sein und sich ganz allein oder im verschworenen Haufen durchschlagen zu müssen. Die Massenvernichtung der Juden − in unserem heutigen ethischen Verständnis unendlich problematischer als der Schrecken des Krieges − beschäftigte die Generation der Frontkämpfer viel weniger als das Ringen um den Sinn oder Unsinn ihrer Taten.

Wenn ich gegenwärtig an meine Nachkriegskindheit zurückdenke, entdecke ich wieder neue Qualitäten. Sie haben nicht nur damit zu tun, dass ich wesentlich älter bin. Um eine Situation zu beurteilen, müssen wir nicht nur beachten, was in ihr vorhanden ist, sondern auch, was in ihr fehlt. Als Kind ist man dazu nicht in der Lage. Die Macht der sinnlichen Eindrücke ist für ein Kind fast grenzenlos; die Welt ist so, wie diese Eindrücke es vermitteln; die Menschen in ihr sind die einzigen, die existieren. Die eigene Kindheit wird der Geschichte entrissen. Ich war lange Zeit überzeugt, dass alle Kinder so sind, so leben, wie ich selbst als Kind gelebt habe. Ich glaubte, meine Kindheit sei kindliches Fühlen schlechthin, nicht zeitbedingtes Fühlen, wie ich auch dachte, meine Jugend sei Jugend schlechthin und habe nichts mit Zeitgeschichte zu schaffen.

Allmählich ist die Einsicht gewachsen, dass meine Kindheit viel tiefer vom Krieg geprägt war, als ich es Zeit wahrnahm. Ich dachte früher, dass ein Grundgefühl allen Kindern eigen ist, wonach die Erwachsenen etwas sind wie freudlose Riesen, die keine Ahnung haben, was im Leben Spaß macht. Heute – und dazu mag meine Erfahrung als Psychoanalytiker beigetragen haben – bin ich überzeugt, dass emotionale Strukturen meiner Kindheit wie Angst, Einsamkeit, Rückzugsneigungen und extrem enge Bindungen an meine Mutter und an meinen zwei Jahre älteren Bruder eine ausgeprägte zeitgeschichtliche Qualität hatten. Sie drückten aus, wie zerstört die Menschen waren, wie berechtigt meine Ängste, wenn irgendwo ein Erwachsener auftauchte, wie realistisch mein Erleben, dass die Erwachsenen keine Ahnung von kindlichen Bedürfnissen haben und es sinnvoll ist, Freuden möglichst konsequent vor ihnen zu verbergen.

„Die Vögel, die am schönsten singen, frisst die Katze zuerst“, das war kein witziges Sprichwort, das meine Großmutter oder Mutter gelegentlich im Mund führten. Es war die Haltung, mit der Erwachsene nach 1945 Kindern begegneten. Nach den Berichten der in Krieg- und Nachkriegszeit Geborenen war es eher die Ausnahme, dass Eltern und Kinder ein persönliches Gespräch führten, aus dem die Geschichte der Eltern für die Kinder verständlich und einfühlbar wurde.

2 Kommentare

  1. Iridium sagt

    Ich erkenne beim Überfliegen nicht, welchen Part Herr Schmidbauer, und welchen Part der Autor der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat. Würde ich aber gerne, Headline und Herr Schmidbauer sind verheißungsvoll. Bitte mal sinnvoll zitieren.

  2. admin sagt

    Der Artikel stammt allein von Wolfgang Schmidbauer, der ihn für eine Serie in der SZ geschrieben hat. Davon ist ja an sich auszugehen, wenn man sich auf der Internetseite des Autors befindet, nicht?

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