Aufsaetze
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Anatolische Reise

Von Kappadokien zum schwarzen Meer Mit dem Leihwagen durch Anatolien

Wir hatten den Tee ausgetrunken, wollten zahlen, durften auf gar keinen Fall zahlen, wurden eingeladen, doch in dem Gästehaus zu bleiben, das der Ort für auswärtige Besucher eingerichtet hat, von denen ja nicht alle noch ihr Haus hier behalten haben. Wir lehnten mit der vorbereiteten Ausrede ab, wir hätten für den Abend eine Verabredung in Amasya im Norden und müssten uns deshalb beeilen. Als wir ins Auto stiegen, wurde der Anwalt erkannt. Es war einer der Zeugen aus dem Prozess, es gab ein kurzes Hallo und Hin und Her, Einladungen wurden wiederholt und ebenso Ausreden, noch einmal Händeschütteln und Komplimente über die Schönheit des Dorfes. Wir hielten über dem Ort noch einmal, um ihn zu fotografieren. Er lag da wie aus dem Bilderbuch genommen, eingeschmiegt in die Falte zweier Berge, in halber Höhe zwischen dem schlammigen Fluss und dem felsigen Grat, hinter ihm weitere kleine Berge, der blanke Spiegel des Güz Bölü, ein weites Land unter einem von vielen Wolken und einem fernen Gewitter dramatisierten Himmel.

Ich habe mich in der Türkei oft geschämt, wenn die Menschen so hilfsbereit und freundlich waren und ich daran dachte, wie wenig ihnen in meiner Heimat Gleiches mit Gleichem vergolten wird.
Die Türkei ist ein Land der erzwungenen Fortschritte. Überall neue Straßen, neue Moscheen mit blinkenden Blechdächern. Eine lästige Folge davon ist, dass es schwer ist, kleine Strassen zu finden. Das ehrgeizige Highway-Programm zieht Kartographen ebenso in seinen Bann wie die Behörde, welche den Unkundigen mit Wegweisungen versorgt. Schon die dünne schwarze Strasse zu dem Ort, den der Anwalt hatte sehen wollen, war kaum zu entdecken. Noch schlimmer war es in Zile. Von hier sollte eine Strasse durch das Gebirge nach Amasya führen.

Zile, in der Antike Zela, erzählt auf Plakaten am Ortseingang eine Geschichte aus dem Lateinbuch. Veni, vidi, vici! So Gaius Julius Cäsar an den Senat, nachdem er hier den letzten pontischen König geschlagen hatte. Als wir in den Ort zurückfuhren und sein Zentrum suchten, begann Zile zu fesseln. Wir gerieten in die Welt abseits der modernen Türkei, in ein altes, vor sich hinträumendes Städtchen mit Häusern aus Feldsteinen im Erdgeschoß, Fachwerk und Lehm im ersten Stock, der wie ein Balkon über die Gasse sprang. Eselskarren, Frauen in Pluderhosen. Ein grüner Fluss, dessen Ufer mit weißen Steinen gefasst waren. Ein Mann arbeitete in einem Garten. „Amasya?“ Ein ratloser Blick. „Amasya“ und eine Geste zur Strasse hin. Jetzt leuchteten seine Augen auf. „Amassja!“ sagte er. Wir hatten den Ortsnamen falsch ausgesprochen, mit einem weichen S und einem Ü für das Y. So schnell wird man unverständlich.

Ein älterer Mann trat hinzu. Er zeigte auf die Strasse, die von rechts kam und wiederholte: „Amassja.“ Eine Geste für geradeaus, eine zweite mit einem Schwung nach rechts. Genau so war es: die Staubstrasse führte auf die schmale Strasse durch das Gebirge, zwischen Wacholderbäumen und Viehtränken, vorbei an ganzen Almen voller Königskerzen, zwei Stunden später nach Amasya.

Der Titel „Schönste Stadt Zentralanatoliens“ ist berechtigt. Man könnte sagen: Heidelberg Anatoliens. Von einer großen Festung überragt und in ein Flusstal gedrängt – Amasyas Neckar ist der „grüne Fluß“ Yesilirmak – hat die Stadt viel von ihrem alten Zauber gegen die Bauwut der Moderne verteidigen können. Die osmanischen Häuser am Fluss sind inzwischen fast alle Hotels. Flussblick kostet extra, aber er ist es mir wert, und so bekommen wir ein Zimmer mit Himmelbett, riesigem Fernseher und einer Loggia direkt über dem Yesilirmak mit Blick auf eine hölzerne Brücke. Es ist Sonntagabend, in der Stadt tobt ein Schlagerwettbewerb.

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