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Anatolische Reise

Von Kappadokien zum schwarzen Meer Mit dem Leihwagen durch Anatolien

Die Landschaft verändert sich, wenn wir sie nicht mehr von einer der vierspurigen Schnellstrassen aus erleben, sondern auf einer Strasse, die als schwarzer Strich verzeichnet ist. Dieser Strich bringt uns unter einen weiteren Himmel, zwischen grünere Hügel und plastischere Wolken als bisher. Dann kommt ein See, so still, dass wir die Wolkenspiegelungen erst für Wasserpflanzen halten, mit einem Flamingopärchen zwischen den von Weiden gesäumten Ufern. Eine Brücke führt über einen Fluss, der vom Regen braun gefärbt ist.

Das letzte Dorf hatte auf mich einen armen, aber keinen bitterarmen Eindruck gemacht. Ungepflegte Häuser, aufgerissene, mit Lehm geflickte Strassen, Haufen von Bauschutt, zwischen denen sich die Fahrbahn verengte, wenige Menschen, kein Laden, kein Teehaus. Das nächste Dorf lag links von der schwarzen Straße. Wir fragten zwei Frauen mit festlichen weißen Schleiern, ob es unser Dorf sei. Sie kamen an das offene Fenster und drückten uns die Hände. Ja, das sei es. Ein Teehaus? Ja, gleich da vorne!

Wir bogen in eine Strasse ab, die einen deutschen Frauennamen trug – wie sich später zeigte, der Name der Bürgermeisterin einer Stadt im Ruhrgebiet, die den Ort besucht hatte, aus dem einige Hundert ihrer Bürger kamen. Wir kamen an einem kleinen Laden vorbei, vor dem Brote in einem Glaskasten lagen, hielten an, kauften Brot für ein Picknick. Ein Mann in kurzen Hosen und Unterhemd tauchte aus dem Nichts auf und fragte in perfektem Deutsch, ob er helfen könne. Ein Teehaus? Weiter vorne an der Ecke!

Arm, aber nicht bitterarm. Milch für den Tee gab es nicht, aber Milchpulver. Auf der Packung stand JA, ein Fabrikat von Tengelmann. Schon waren zwei weitere Männer da, die deutsch sprachen.

Während ich zwei Stücke Zucker in den Tee fallen ließ, hörte ich Trommeln, Pfeifen, durchdringende Hupen: Ein Traktor bog um die Ecke, auf dem Anhänger Trommel, Flöten und Mandolinen. Dahinter wie ein Geschenk mit weißen Bändern verpackt ein Renault, auf dem Beifahrersitz ein vielleicht Fünfjähriger in goldbesticktem Prinzengewand mit angststarrem Gesicht. Dahinter, hupend, ein Konvoi anderer Autos.

Es ist eine Hochzeit heute im Dorf?
„Ja, eine Hochzeit!“
„Aber ich sehe keine Braut, nur ein Kind!“
„Es ist auch eigentlich keine Hochzeit!“
„Aber was ist es dann?“
„Ein Fest für das Kind!“
„Die Beschneidung?“
„Ja, die Beschneidung. Wir reden nicht darüber. Obwohl, es heißt, dass sich jetzt auch in Deutschland viele beschneiden lassen!“
„Das Kind hatte Angst.“
„Nein, davor muss niemand Angst haben. Es tut nicht weh, ein Schnitt, und es ist erledigt.“

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